Kommentar

Der Mob der Gutmenschen – oder: Warum alles erlaubt ist, wenn man auf der richtigen Seite steht

Der Angriff im Zürcher Szene-Café Sphères auf SVP-Mann Christoph Mörgeli ist nur das jüngste Beispiel dafür, dass die Intoleranz gegenüber Andersdenkenden zunimmt – wobei «anders denkend» vor allem «nicht links denkend» bedeutet. Ein Kommentar.

Patrik Müller
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Linksextreme hatten in dem alternativen Café dem Ex-SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Journalist Christoph Mörgeli ein Getränk ins Gesicht geschüttet. Sie begründeten ihre Tat damit, dass die «Weltwoche» rassistische, sexistische und menschenfeindliche Hetze verbreite. Weitere Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

  • Als der umstrittene US-Comedian Louis C. K. in Basel auftrat, versuchten etwa 30 Demonstranten die Besucher daran zu hindern, in den Saal zu gelangen. Sie riefen: «Alerta, alerta, antisexista!» 15 Polizisten versuchten, Besucher und Demonstranten auseinanderzuhalten.
  • Als an der Universität Zürich der neoliberale Chilene Axel Kaiser über das «Ende der Erfolgsgeschichte Chile» reden sollte, gab es Gewaltdrohungen. Darum wurde die Veranstaltung in einen privaten Raum verlegt, ins «Karl der Grosse». Dort, so meldeten Linksautonome stolz, habe man Kaiser «mit Milchshake, Getränken und Eiern über seinem Kopf begrüsst».
  • Als konservative, christliche Kreise in Zürich ihren alljährlichen «Marsch fürs Läbe» abhielten, protestierten Linksextreme diesmal nicht nur verbal , sondern auch, indem sie Gegenstände warfen und Abfallcontainer anzündeten.

Diese Häufung steht in einer Reihe mit Vorfällen aus dem Ausland. In Deutschland schaltete sich sogar Kanzlerin Angela Merkel in die Debatte ein. In einer ungewöhnlich emotionalen Ansprache im Bundestag bestritt sie kürzlich, dass man in Deutschland nicht mehr sagen könne, was man denke. Dieser Vorwurf war unter anderem darum laut geworden, weil AfD-Politiker an Auftritten gehindert wurden.

Die Attacke auf SVP-Alt-Nationalrat Christoph Mörgeli.

Die Attacke auf SVP-Alt-Nationalrat Christoph Mörgeli.

Bild: instagram.com/rjz.ch

In den USA gibt es die Debatte über Meinungsfreiheit schon seit Jahren. An den mehrheitlich privaten Spitzen-Universitäten haben sehr konservative oder rechte Referenten wie Ex-Trump-Berater Steve Bannon faktische Auftrittsverbote. Dass ausgerechnet an den Hochschulen, diesen Orten der Aufklärung und des freien Denkens, die Meinungsäusserungsfreiheit eingeschränkt wird, ist bedenklich. An deutschen Universitäts-Fakultäten ist gemäss Umfrage rund die Hälfte der Studenten der Ansicht, «Menschen mit kontroversen Meinungen» hätten an der Universität nichts verloren.

Ähnliche Befragungen in der Schweiz gibt es nicht, aber eine zunehmende Intoleranz stellt auch hier Antonio Loprieno fest, der Präsident der Schweizer Akademien der Wissenschaften, der in der NZZ sagte:

«Die Meinungsfreiheit ist selbstverständlich gewährleistet, aber es gibt Bestrebungen, sie einzuschränken, und das halte ich für sehr gefährlich.»

Auffällig ist, dass die Übergriffe auf das demokratische Grundrecht öfter von links kommen, während früher vor allem konservative und christliche Aktivisten abweichende, liberale Meinungen nicht zulassen wollten oder, wie Ende der 1960er-Jahre, freizügige Theatervorstellungen störten.

Diese rechten Moralisten gibt es immer noch, aber sie sind zu einem kleinen Häufchen geschrumpft, während der linke und grüne Moralismus im Zeitgeist liegt und Auftrieb hat. Er gründet, wie einst der kirchliche Moralismus, auf der rechthaberischen Überzeugung, man stehe auf der einzig richtigen Seite.  Entlarvend ist, was eine Zürcher SP-Politikerin zum attackierten «Marsch fürs Läbe» sagte:

«Es kann nicht sein, dass christliche Fundamentalisten in Zürich ihre Hetze verbreiten können.»

Da nur ihre Meinung richtig ist, darf eine andere, etwa jene der Abtreibungsgegner, nicht geäussert werden, da sie «Hetze» bedeutet. Und weil der (gute) Zweck alle Mittel rechtfertigt, braucht es eben notfalls Gewalt, um diese Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Man kann es fast täglich auch in den sozialen Medien beobachten: Da gibt es längst nicht nur den vielzitierten rechten Mob, sondern auch den Mob der selbsternannten Gutmenschen, der über alle herfällt, die er im Verdacht hat, auf der falschen Seite zu stehen – vor allem wenn es um Themen wie Ausländer, sexuelle Orientierung oder Klimaschutz geht. Wer dann die Angegriffenen in Schutz nimmt, gerät seinerseits unter Verdacht, auf der falschen Seite zu stehen, auch wenn er nur die Angriffe verurteilt. Dies zumindest war bei der Attacke auf Christoph Mörgeli anders: Auch linke Twitterer verurteilten diese scharf. Immerhin ein kleiner Fortschritt.

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