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Einfacher sterben: Eine neue Freitod-Organisation ist entstanden

Der Bruder von Sterbehelferin Erika Preisig gründet einen eigenen Verein und löst damit einen Streit aus. Die Geschichte der Deutschschweizer Freitod-Bewegung wiederholt sich.
Andreas Maurer
2018 unterzeichnete der 104-jährige Australier David Goodall in einem Sterbezimmer der Freitod-Organisation Eternal Spirit in Liestal die letzten Formulare. (Bild: Martin Töngi)

2018 unterzeichnete der 104-jährige Australier David Goodall in einem Sterbezimmer der Freitod-Organisation Eternal Spirit in Liestal die letzten Formulare. (Bild: Martin Töngi)

Bisher unbemerkt von der Öffentlichkeit hat in der Schweiz eine neue Freitod-Organisation ihre Arbeit aufgenommen. Seit einem Monat ist die Pegasos Swiss Association im Handelsregister eingetragen. Der Zweck lautet unter anderem:

«Menschen auf ihrem Weg zum Freitod zu beraten und zu unterstützen».

In seinem ersten Monat hat der Verein vier Patienten in einem Sterbezimmer in Liestal Infusionen mit tödlichen Dosen Natrium-Pentobarbital zur Verfügung gestellt. Alle vier sind Ausländer, in deren Heimat Suizidhilfe verboten ist.

In der griechischen Mythologie ist Pegasos ein Fabelwesen: ein geflügeltes Pferd. Gemäss dem Verein symbolisiert es, wie die Patienten auf ihrer letzten Reise der Schwerkraft entfliehen. Die Flügel bringen auch zum Ausdruck, dass es mit der neuen Organisation besonders leicht gehen soll. Die Strukturen sollen schlank bleiben und die Bürokratie unkompliziert.

Sterben nach dem Rega-Modell

Pegasos ist zudem die erste Freitodorganisation der Schweiz, die keine Mitgliedschaft als Bedingung für die Inanspruchnahme ihrer Dienstleistung verlangt. Es reicht aus, wenn man Gönner ist. In Notfällen ist aber nicht einmal dies eine Bedingung, wie es beim Verein heisst. Pegasos kopiert also das Rega-Modell.

Präsident des neuen Vereins ist Ruedi Habegger. Zum Gespräch lädt er in das Büro einer Basler Anwaltskanzlei und erklärt sich. Er sagt:

«Wir halten uns wie die anderen Freitod-Organisationen ans Gesetz, arbeiten aber im Gegensatz zu anderen nicht mit übermässiger Bürokratie.»

Er ist der Bruder von Erika Preisig, der Präsidentin und Ärztin von Eternal Spirit. Zuvor hat er acht Jahre lang für ihre Organisation gearbeitet und zum Beispiel den aufsehenerregenden Suizid des 104-jährigen Australiers David Goodall mitorganisiert, weil Preisig damals im Ausland war.

Differenzen im Familienbetrieb

Eternal Spirit entwickelte sich allerdings nicht in jene Richtung, die sich Habegger wünschte. Seine Schwester verordnete ihrer Organisation im Frühling einen Mitgliederstopp und erteilte vielen sterbewilligen Patienten eine Absage.

Der Stress machte sie krank. Bei ihrem Auftritt im Juli vor dem Baselbieter Strafgericht, der mit einem teilweisen Schuldspruch endete, beklagte sie sich über psychisch bedingten Haarausfall. Ihr Bruder hätte sich gewünscht, dass sie Aufgaben innerhalb der Organisation zumindest vorübergehend abgibt. Doch das wollte sie nicht, weil Wachstum gar nicht ihr Ziel sei, wie sie selber betont. Wichtiger als die Freitodbegleitungen stuft sie ihren Aktivismus für eine weltweite Legalisierung der Suizidhilfe ein. So will sie den Sterbetourismus beenden und ihr eigenes Angebot überflüssig machen.

Habegger wollte jedoch nicht untätig bleiben und baute mit Verbündeten eine eigene Organisation auf. Und dies am gleichen Ort. Preisig betreibt ihr Sterbezimmer in einem Liestaler Gewerbegebiet, im ersten Stock eines ehemaligen Handwerkerbetriebs.

Habegger mietete sich im gleichen Gebäude im Erdgeschoss ein. Er beteuert, in bester Absicht gehandelt zu haben. Er habe das Angebot für sterbewillige Menschen aufrechterhalten wollen. Was gut gemeint war, kam bei seiner Schwester ganz schlecht an.

Preisig sitzt in einem Bistro vor einem Glas Wasser und sagt:

«Ich bin stark verletzt. Ich verstehe nicht, dass er hinter meinem Rücken eine eigene Organisation aufgebaut hat.»

Sie stört sich vor allem daran, dass er am gleichen Standort tätig ist. Denn sie habe dem Stadtrat versprochen, in Liestal kein zweites Dignitas aufzubauen und nicht mehr als 80 Freitodbegleitungen pro Jahr durchzuführen. «Ich stehe zu meinem Wort», sagt sie. Durch die Organisation ihres Bruders am gleichen Ort sieht sie dieses aber in Frage gestellt.

Deshalb sucht sie nun eine neue Liegenschaft für ihr Sterbezimmer, welche ihre Stiftung diesmal kaufen will, «am besten in einem anderen Kanton». Die Suche dürfte sehr schwierig sein, denn die Gesetzgebung ist in der Schweiz zwar liberal, doch persönlich toleriert dann doch kaum jemand den Tod in seiner Nachbarschaft.

Von Exit über Dignitas zu Eternal Spirit und Pegasos

Mit der Gründung von Pegasos wiederholt sich die Geschichte der Deutschschweizer Freitodbewegung. Am Anfang gab es nur Exit. Dann war Ludwig Minelli, der juristische Berater des Geschäftsführers, unzufrieden mit der Entwicklung und gründete 1998 Dignitas. 2012 war dann seine Konsiliarärztin Erika Preisig unzufrieden mit der Entwicklung und machte sich selbständig. 2019 findet sich nun ihr Bruder in dieser Rolle wieder.

Bei allen drei Abspaltungen geht es um ähnliche Fragen. Um den Umgang mit den Behörden: konfrontativ oder einvernehmlich? Bürokratisch oder unkompliziert? Um den Umgang mit der Öffentlichkeit: transparent oder verschwiegen? Moderat oder missionarisch? Und um den Umgang mit den eigenen Leuten: basisdemokratisch oder diktatorisch?

Weniger Abklärungen und keine PR

Pegasos will die letzte Reise einfacher gestalten. Bei Eternal Spirit werden immer zwei ärztliche Gutachten erstellt. Bei Pegasos hingegen nur in komplizierten Fällen, also bei Patienten mit psychischen und neurologischen Krankheiten. In einfachen Fällen genügt Pegasos ein Gutachten. Weniger Bürokratie also. Bisher hat die Staatsanwaltschaft, die von Amtes wegen jeden Suizid prüft, nichts beanstandet.

Habegger will zudem keine PR machen und nicht wie seine Schwester an Infoveranstaltungen auftreten. Er nimmt sich weder Exit noch Dignitas noch Eternal Spirit als Vorbild, sondern die vierte Sterbeorganisation, die es in der Deutschschweiz gibt, aber kaum jemand kennt: Ex International in Bern. Sie ist kaum bekannt, weil sie fast nie in den Medien ist. Dieses Ziel strebt auch Habegger an, wie er sagt: «Wir wollen nicht in der Öffentlichkeit stehen.»

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