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Der Oberhirte haut auf den Tisch

Papst Franziskus will keine schwulen Priester. Homosexualität sei eine Modeerscheinung, sagt der Pontifex. Viele Schweizer Katholiken schütteln die Köpfe.
Samuel Schumacher
Der bislang als tolerant geltende Papst Franziskus sorgt immer mehr für Aufsehen. (Bild: Angelo Carconi/EPA (Vatikan, 3. November 2018))

Der bislang als tolerant geltende Papst Franziskus sorgt immer mehr für Aufsehen. (Bild: Angelo Carconi/EPA (Vatikan, 3. November 2018))

Kaum eine Papstwahl hat so viele Hoffnungen geweckt wie jene von Papst Franziskus im März 2013. Und der erste Latino im höchsten katholischen Kirchenamt wollte die Schäfchen nicht enttäuschen, die ihm freudig zuströmten. Franziskus liess sich statt in der edlen Karosse im alten Renault herumchauffieren, nächtigte im Gästehaus Sanctae Marthae statt in der luxuriösen päpstlichen Wohnung und verbrachte den Karfreitag in einem Jugendgefängnis, wo er den Sträflingen die Füsse wusch. Dem Ruf des bescheidenen Reformers wurde er mehr als gerecht.

Doch jetzt, fünfeinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt, beginnt der edelmütige Lack der päpstlichen Fassade plötzlich zu bröckeln. Der 81-jährige Argentinier fällt in regelmässigen Abständen mit Äusserungen auf, die alles andere als reformerisch klingen. Im Juni verglich er Abtreibungen mit dem Euthanasieprogramm der Nazis, im Oktober bezeichnete er Abtreibungsärzte als Auftragsmörder und in einem am Montag veröffentlichten Buch lässt er das rhetorische Fallbeil nun auch auf die Homosexuellen hinuntersausen. «In unseren Gesellschaften scheint es, dass Homosexualität eine Mode ist», sagt Franziskus im Gespräch mit dem spanischen Autor Fernando Prado im Buch «Die Kraft der Berufung». Homosexuelle und jene, die diese «tiefverwurzelte Tendenz» in sich spürten, sollen nicht Priester werden dürfen, betont der Papst.

Schwul und zölibatär ist okay

Der oberste Hirte haut auf den Tisch. Und was machen die Schäfchen? Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln, eigentlich ein treuer Unterstützer des Papstes, äussert Vorbehalte. Es sei gut, dass «homosexuell empfindende Menschen» sich heute nicht mehr zu verstecken brauchten, sagt der 50-jährige Katholik. Federer fordert eine differenziertere Sicht auf das Thema. «Bezüglich homosexuellen Priestern und Ordensleuten muss man unterscheiden, ob sie ebenso zölibatär leben wie ihre heterosexuellen Mitbrüder oder ob sie unter dem Schutz der Soutane ihre Sexualität so ausleben, dass dies mit dem Zölibat nicht vereinbar ist», sagt der Einsiedler Abt. Als Lehrer stelle er den grossen Druck fest, unter dem junge Menschen heute ständen, sich selbst sexuell zu definieren. Viele seien davon überfordert. Federer vermutet, dass der Papst mit «Mode» genau diese Überforderung meint.

Auch den Auftragsmord-Vergleich findet Abt Urban unangebracht. Die Wortwahl passe nicht zum Papst. «Aber manchmal sind bei ihm wohl die Emotionen schneller als das Abwägen der Worte.» Als Seelsorger sehe er, in welchen Notsituationen manche abtreibungswilligen Frauen sich befänden. «Umso wichtiger ist es, dass wir als Kirche diese Frauen angemessen be­gleiten.»

Abt Urban glaubt nicht, dass Franziskus mit seinen jüngsten Entgleisungen all seine Reformer-Punkte verspielt hat. Viel wichtiger als diese Aussagen seien die Papstschreiben wie das «Evangelii gaudium» («Die Freude der Guten Botschaft»). «Hier zeigt der Papst Wege für die Neugestaltung einer zukunftsfähigen Kirche auf, hinter die die Kirche nicht mehr zurückgehen kann.»

Kritik erntet Franziskus von der katholischen Theologin Jacqueline Straub, die sich in ihrem Buch «Kickt die Kirche aus dem Koma» für die Zulassung von Frauen zum katholischen Priesteramt starkmacht. «Mit derartigen Aussagen verletzt der Papst viele Menschen – auch viele Priester und Bischöfe», sagt die 28-Jährige. «Homosexualität ist weder eine Sünde noch ein Modetrend. Die Amtskirche sollte ihre Sexualmoral gründlich überdenken, denn diese trägt wesentlich dazu bei, dass solche abstruse Ideen immer wieder verbreitet werden.»

Straub verweist auf Studien, die zeigten, dass ein hoher Prozentsatz der katholischen Kleriker homosexuell sei. «Ein gesunder Umgang mit der eigenen Sexualität würde früher oder später auch die Machtstrukturen in der katholischen Kirche aufbrechen», glaubt die Theologin. Sie sieht hinter der Kursänderung des Papstes strategisches Geschick. Franziskus habe viele Reformen durchzuführen und stehe vor diversen Baustellen. «Er muss sich die Zustimmung konservativer Kurialer sichern, sonst wird ihm das Leben in Rom noch schwerer gemacht», glaubt Straub.

Das «vorübergehende Problem»

Ganz unaufgeregt kommentiert Giuseppe Gracia den päpstlichen Kommentar. Der Sprecher des Bistums Chur will sich zwar nicht zum Stil des Papstes äussern, betont aber, dass auch schon Franziskus’ Vorgänger nicht sehr angetan waren von der Idee, Schwule in den Kreis des Klerus aufzunehmen. Gracia verweist auf die Schrift «Das Geschenk der Berufung zum Priestertum», eine Art Guideline für katholische Priester, die schon unter Papst Benedikt XVI. Gültigkeit hatte. Im Kapitel «Personen mit homosexuellen Tendenzen» steht, die Kirche solle Männer, die «Homosexualität praktizieren, tief sitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen» nicht für das Priesterseminar oder zu den heiligen Weihen zulassen. Die Begründung: «Die genannten Personen befinden sich in einer Situation, die in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen.» Die «negativen Folgen», die die Ernennung von Schwulen zu Priestern hätte, seien «nicht zu übersehen».

Das Dokument zeigt, dass die katholische Kirche Homosexualität noch immer als vorübergehende Phase sieht, die «Betroffene» zu überwinden hätten. Auf Seite 89 der priesterlichen Guidelines steht: «Falls es sich jedoch um homosexuelle Tendenzen handelt, die bloss Ausdruck eines vorübergehenden Problems, wie etwa einer noch nicht abgeschlossenen Adoleszenz, sind, so müssen sie wenigsten drei Jahre vor der Diakonenweihe eindeutig überwunden sein.»

Diese Sichtweise bringt selbst CVP-Präsident Gerhard Pfister ins Stottern. Der gläubige Katholik – eigentlich nie verlegen um einen Kommentar – wollte sich auf Anfrage lieber nicht zu den päpstlichen Tiraden äussern. Pfister sagte einzig: «Ich bin nicht Mediensprecher des Papstes, sondern Präsident einer christdemokratischen Partei.»

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