Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Der Säntis steht still

Die Schwebebahn auf den Säntis gehört zu den berühmtesten in der Schweiz, doch seit Mitte Januar kann sie wegen einer Lawine nicht mehr fahren. Wie lange das noch so weitergeht, steht in den Sternen.
Dominic Wirth
Im Vordergrund: Die erste, beschädigte Stütze der Säntis-Schwebebahn. (Bild: Benjamin Manser)

Im Vordergrund: Die erste, beschädigte Stütze der Säntis-Schwebebahn. (Bild: Benjamin Manser)

Wenn nichts ist, wie es sein sollte, dann freut man sich an den kleinen Dingen. So hält das an diesem Morgen auf der Schwägalp auch Bruno Vattioni. Der Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn hat es gerade nicht leicht , aber jetzt freut er sich erst einmal über die neuen Garagentüren. «Eine gute Gattung machen sie», sagt er zufrieden, denn das war vor ein paar Wochen noch anders: Die gewaltige Lawine vom Januar hatte auch sie nicht verschont. Zumindest dieses Problem ist mittlerweile beseitigt.

Vattioni steht vor der Werkhalle auf der Schwägalp, sie liegt an diesem Morgen noch im Schatten. Hinter ihm türmt sich der Säntis auf, wie aus dem Nichts wachsen seine steilen Flanken in den Himmel. Und neben ihm, da liegt der Schnee, meterhoch immer noch. Er erinnert daran, was sich vor ein paar Wochen auf der Schwägalp abgespielt hat. «Horrortage» seien das gewesen, die intensivsten, die er je erlebt habe, sagt Vattioni. Schon seit bald 15 Jahren ist er der Chef der Säntis-Schwebebahn. Sie betreibt die Bahn von der Schwägalp auf den Gipfel, wo es ein Restaurant gibt, aber auch Räume für Seminare. 2015 hat sie neben der Talstation ein neues Berghotel mit 68 Zimmern eröffnet.

Das Herz des Unternehmens steht still

In den nächsten Wochen wird der Lawinenschnee auf der Schwägalp allmählich schmelzen. Doch so wie früher wird es noch lange nicht sein. Hoch über Vattionis Kopf spannen sich die Tragseile steil in die Höhe, von der Talstation hinauf zum Gipfel des Säntis. Normalerweise ziehen sie die zwei Kabinen in die Höhe, 1122 Höhenmeter, maximale Neigung: 90,4 Prozent. Doch jetzt steht auf einem Bildschirm bei der Talstation nur: «Betrieb bis auf Weiteres eingestellt». Die Schwebebahn ist im letzten Jahr rund 11000 Mal den Gipfel gefahren. Sie hat 435000 Menschen auf den Berg gebracht, der so berühmt ist wie kein anderer in der Ostschweiz und weit über sie hinausstrahlt. Doch jetzt kann die Bahn nicht mehr fahren, seit Mitte Januar schon. Wie lange das noch so weitergeht, steht in den Sternen.

Als alles anfängt, am 10. Januar, sitzt Bruno Vattioni in seinem Büro im Bauch der Talstation. Draussen schneit es, den ganzen Tag schon, doch das kennen sie auf der Schwägalp, das Wetter spielt hier öfter mal verrückt. Um halb fünf Uhr nachmittags zittern die Scheiben in Vattionis Büro, Sekunden später klingelt das Telefon: Es sind die Angestellten von der Rezeption des Hotels Säntis, eine Lawine, sagen sie, eine Lawine im Hotel. Vattioni eilt nach draussen. Er sieht überall Schnee, sieht verschüttete Autos und ein Postauto, das durch die Wucht der Lawine weggeschoben wurde. Er sieht die zerstörten Tore der Werkhalle, die eingedrückten Fenster im ersten Stock des Hotels, den Schnee im Speisesaal.

Am Mittwoch darauf, dem 16. Januar, steht die Sonne hoch über dem Säntis. Sechs Tage sind vergangen seit der gewaltigen, 300 Meter breiten Lawine, sechs Tage des Ausnahmezustands, des medialen Sturms. Sogar das «Wall Street Journal» hat ein Lawinenbild von der Schwägalp abgedruckt. Unterdessen ist die Passstrasse freigeräumt, die Autos sind ausgebuddelt, die Schneemassen nach Verschütteten durchsucht. Wie durch ein Wunder ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen. Drei Leichtverletzte, das ist alles. Hunderte Helfer haben beim Aufräumen mitangepackt, und einmal, als Bruno Vattioni ihnen vor den Medien dafür gedankt hat, sind ihm die Tränen in die Augen gestiegen.

Die Lawine hat tagelang alles stillgelegt. Nun, an diesem Mittwoch, soll wieder Normalität einkehren. Das Hotel und sein Restaurant sind schon wieder geöffnet, auch die Schwebebahn soll am Nachmittag wieder fahren. Vorher brechen Techniker zu einer sogenannten Dienstfahrt auf, eine Routineangelegenheit, eigentlich. Doch nicht dieses Mal. Denn mit der ersten Stütze stimmt etwas nicht. Die steht auf einem Felsen mitten in der Wand, 54 Meter verzinkte Stahlkonstruktion. Unverwüstlich, würde man meinen. Aber jetzt ist ihre Tragwerkkonstruktion verbogen, der Lawinenschutz zerstört. Der Tag, an dem alles wieder gut werden soll, wird zum Tag, an dem alles noch viel schlimmer wird. Eine zweite Lawine, das zeigt sich nun, hat die Stütze getroffen. Und einigen Schaden angerichtet. Die Säntis-Schwebebahn muss ihren Betrieb einstellen. Am Donnerstag, 17. Januar, werden die Mitarbeiter vom Berg geholt. Seither steht das Herz des Unternehmens mit seinen 186 Angestellten still.

Ein Berg der Wetterextreme

Der Säntis ist das Gesicht des Alpsteins, dieses schroffen und dennoch feingliedrigen Gebirgszugs. Er hat die Menschen schon immer bewegt. Die Aktien der Säntis-Schwebebahn AG sind auf 16655 Aktionäre verteilt, viele von ihnen leben in der Ostschweiz. Die Generalversammlungen gelten im Appenzellerland als zweite Landsgemeinde. 2018 wohnten ihr rund 5000 Aktionäre bei. Seit 1935 fährt eine Schwebebahn auf den Säntis, 250 Arbeiter hatten zuvor die kühne Idee des Herisauers Carl Meyer verwirklicht, in einem zweijährigen Kampf mit dem Berg und dem Wetter. Vier Arbeiter überlebten ihn nicht.

Bei gutem Wetter sieht man den Säntis bis in den Jura. Kaum ein anderer Berg liegt so exponiert. Das ist ein Geschenk, doch der Säntis zahlt einen Preis für seine Schönheit; er ist ein Berg der Wetterextreme. Der Wind peitscht oft mit unbändiger Kraft, nirgends schlägt der Blitz häufiger ein. Im April 1999 lagen auf dem Gipfel über acht Meter Schnee, mehr wurde im ganzen Land noch nie gemessen. Lawinen sind am Säntis stets ein Thema, doch mit einer wie im Januar, sagt Bruno Vattioni, habe niemand gerechnet, «das war ein Jahrhundertereignis». Das Hotel Säntis wurde zwar in einer Gefahrenzone gebaut, doch grösstenteils in einer gelben Zone, sprich einer mit geringer Lawinengefahr. Die Behörden und die Säntis-Schwebebahn sind noch damit beschäftigt, das Unglück aufzuarbeiten; die Ereignisdokumentation wird derzeit analysiert. Danach wollen die Behörden entscheiden, ob es am Säntis oder auf der Schwägalp neue Massnahmen zum Lawinenschutz braucht, heisst es beim Amt für Raum und Wald Appenzell Ausserrhoden.

In der Talstation der Säntisbahn steht einer der zwei Kabinen, sie bietet eigentlich Platz für 85 Personen, doch an diesem Tag stapeln sich nur ein paar Holzpalette in ihr. Seit dem 17. Januar hat die Schwebebahn keine Menschenseele mehr transportiert, nicht einmal Michael Wehrli, den technischen Leiter. Wehrli fährt sonst alle zwei, drei Tage hoch auf den Gipfel, doch jetzt war er schon lange nicht mehr dort. Die Säntisbahn steht zwar nicht völlig still, das geht gar nicht, weil ihr sonst Wind und Wetter dermassen zusetzen würden, dass sie bald einmal kaputtginge. «Wir müssen die Bahn bewegen, auch jetzt», sagt Wehrli. Doch Personenfahrten hat es wegen der kaputten Stütze seit Mitte Januar aus Sicherheitsgründen keine mehr gegeben – auch wenn sie eigentlich, das zeigen die Daten eines GPS-Senders, der zur Überwachung angebracht wurde, stabil ist und selbst extremen Winden trotzt.

Wehrli war der Mann, der den Lawinenschaden an der Stütze unter die Lupe nahm; er kletterte an jenem sonnigen Tag im Januar die vereiste Stütze hinunter. Das verbogene Tragwerk, das er entdeckt hat, hält das Tourismusunternehmen bis heute in Atem. Und es kann sein, dass das noch lange so bleibt. Wann die Bahn ihren Betrieb wieder aufnehmen kann, weiss derzeit niemand. Fest steht schon jetzt, dass die beschädigte Stütze ersetzt werden muss. Bruno Vattioni hofft, dass man gemeinsam mit den Seilbahnbauern eine Zwischenlösung findet, die Stütze so zu stabilisieren, dass sie ihre ganze Tragkraft wiedererlangt. Und so das schlimmstmögliche Szenario abgewendet werden kann: Ein ganzes Jahr ohne Fahrt auf den Gipfel.

Wie gross wird das Loch in der Kasse?

Sie haben am Säntis schon einiges erlebt, haben mit Wind und Wetter gekämpft und in luftiger Höhe gebaut. Jetzt müssen sie damit umgehen, dass das Herz ihres Betriebs nicht mehr schlägt. Das schlägt auf die Moral. «Die Unsicherheit belastet uns alle», sagt Vattioni. Seine Mitarbeiter bauen jetzt ihre Überstunden ab, einige beziehen Ferien, andere erledigen Arbeiten, für die vorher niemand Zeit fand. «Wir sprechen keine Kündigungen aus», das sagte Vattioni schon an jenem Tag, an dem er über die Zwangspause informieren musste. Seither ist sein Betrieb im Übergangsmodus, doch wie lange geht das? Vattioni macht sich in diesen Tagen viele Gedanken darüber, wie er die Moral seiner Angestellten hochhalten kann. «Wir müssen jetzt alle kämpfen», sagt er.

Vor ein paar Tagen verschickte der 61-Jährige eine Medienmitteilung, die er mit «Erfreuliches vom Säntis» überschrieb. Noch nie hat das Unternehmen so viel Geld erwirtschaftet wie im Jahr 2018, erstmals waren es über 20 Millionen Franken. Heuer, das steht jetzt schon fest, wird das Ergebnis völlig anders aussehen. «Wenn wir das ganze Jahr nicht fahren können, wäre das tragisch», sagt Vattioni. Wie gross das Loch ist, das der Stillstand der Säntisbahn in die Kasse reissen wird, lässt sich noch nicht beziffern. Vattioni sagt, man sei gut versichert gegen den Erwerbsausfall, aber er lässt auch durchblicken, dass es offene Fragen gibt. Immerhin: Die Situation sei ernst, «aber nicht existenzbedrohlich».

Der Säntisgipfel ist in diesen Tagen leerer als sonst, aber ganz verwaist ist er nicht. Unter anderem wird jeden Montag eine Gruppe von Bauarbeitern per Helikopter auf den Gipfel geflogen. Sie bauen dort unter der Woche am neuen Bergrestaurant und an einer interaktiven Ausstellung. Die sollte eigentlich ab Mai mehr Besucher auf den Berg locken, schon eine Weile ist das so geplant. Sie ist ganz dem Wetter gewidmet. Ihr Name: «Säntis, der Wetterberg».

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.