Der tiefe Fall des Genfer Wunderkindes Pierre Maudet

Hinter der Affäre Maudet steht mehr als die Reise nach Abu Dhabi. Sie zeigt auch das Problem, wenn ein Mann zum Parteiprogramm wird.

Doris Kleck
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Die FDP Genf und Pierre ­Maudet: Das war eine Liebes­geschichte. Doch so gross die Liebe auch war, so kompliziert ist die Trennung. Sie gelingt nicht. Der Genfer FDP-Nationalrat Christian Lüscher forderte vor einigen Wochen seinen Kollegen öffentlich im Radio auf, ­endlich aus der Partei auszutreten: «Aus Liebe zur FDP, Pierre, bitte!» Es war der Morgen nach dem Scheitern des FDP-Kandidaten für den Ständerat. Lüscher machte Maudet für die Niederlage verantwortlich. Während sieben Wochen seien die Freisinnigen auf den Märkten be­leidigt worden. Manchmal gar physisch angegriffen, wenn die Leute ihnen die Flyer an den Kopf geworfen haben und sagten: «Wir werden nie die FDP wählen, die Partei des Lügners.»

Pierre Maudet, ein Mann, der immerzu seine Grenzen sucht.

Pierre Maudet, ein Mann, der immerzu seine Grenzen sucht.

Bild: Salvatore Di Nolfi/KEY (Genf, 15. April 2019)

Der Lügner heisst Pierre Maudet. Dass er im Zusam­menhang mit einer Reise nach Abu Dhabi nicht die Wahrheit sagte, hat er selbst zugegeben. Er reiste 2015 mit seiner ­Familie, dem Stabschef Patrick Baud-Lavigne und seinem Freund Antoine Daher in die Vereinigten Arabischen Emirate auf ­Einladung des Kronprinzen. Gegen Maudet läuft deswegen ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Vorteilsannahme. Als Staatsrat ist er teil­entmachtet.

Die Geschichte zieht sich seit zwei Jahren hin. Immer ­wieder kommen neue Details ans Licht. Doch Maudet bleibt. Und kämpft.

Bundesrat? Eine ­ausgemachte Sache

Philippe Reichen, Westschweizer Korrespondent der Tamedia-­Zeitungen, zeichnet in einem neuen Buch den Fall Maudet nach. Er spricht von der grössten Politaffäre des Landes, seit dem Rücktritt von Bundesrätin Elisabeth Kopp. Reichen übertreibt nicht. Die Abu-Dhabi-­Reise und mögliche Gegengeschäfte, das Lügenkonstrukt und geheime Parteikässeli sind schwer verdaulich. Interessant ist aber auch die Frage, wie ein Mensch derart schnell aufsteigen konnte – und so tief ­fallen. Reichen beschreibt Maudets Karriere detailliert: seinen Willen nach Macht und sein politisches Talent, das ihn fast in den Bundesrat führte.

Dass Maudet mal Mitglied der Landesregierung würde, das galt nicht nur in Genf als aus­gemacht. «Operation Valmy» nannte der Genfer seine Kampagne, um 2017 als Nachfolger von Didier Burkhalter in den Bundesrat gewählt zu werden. Zwar unterlag Maudet dem ­Parteikollegen Ignazio Cassis. Grund dafür war aber nicht die Kompetenz, sondern die Herkunft. Mit seiner Kampagne setzte Maudet neue Massstäbe, wie er plante, sich präsentierte, Parlamentarier umgarnte. Maudet verkaufte sich als Mann von kreativen Lösungen, politisch nicht im Rechts-links-Schema verortbar. Den Rechten gefiel seine «Law and ­Order»-Politik, den Linken der Einsatz für die Legalisierung von Sans-Papiers. Perfektes ­Kalkül, monieren die Kritiker.

Wie der Sicherheitsvor­steher zum Lügen anstiftete

«Ein gewöhnlicher Junge war Maudet nie», beginnt das Buch, «er richtete schon im Kindesalter sein ganzes Leben auf die Politik aus.» Maudet, das Wunderkind der Genfer Politik gründete mit 14 Jahren das Jugendparlament, war mit 21 Stadt­parlamentarier, mit 31 der jüngste Stadtpräsident Genfs, und nur ein Jahr später wählte ihn das Volk in die kantonale ­Exekutive. Reichen beschreibt Maudet als einen Menschen, der immerzu seine Grenzen sucht, um sie zu überwinden – und der irgendwann das Gefühl bekam, sein Handlungsspielraum sei grenzenlos. Zusammen mit dem Vertrauen seiner Partei und der Medien entstand der Nährboden für seine Fehltritte.

Im Zentrum steht dabei die Reise nach Abu Dhabi. Vieles ist bekannt, doch Reichen liefert neue Details. Und wer die ­Geschichte kompakt als Buch liest, dem werden die Abgründe so richtig bewusst. Wie Maudet mit seinem Stabschef und seinem Freund daher eine Lüge kons­truierte und den Privatmann B. als Financier der Reise vorschob. Wie der Sicherheitsvorsteher seine Mitwisser anstiftete, die Justiz zu belügen. Wie dilettantisch das etwa Daher tat (er erinnerte sich nicht mehr an den Namen seiner Mitarbeiterin, welche die Flugtickets entgegennahm). Und wie Maudet dennoch per SMS gratuliert: «Well done, Old Chap». Maudet, der vom Autor befragt worden ist, sagt zum Lügenkons­trukt, die Finanzierung durch B. habe man für ­plausibel und unverifizierbar ­gehalten. Ein Trugschluss.

Interessant am Buch sind auch die Detail, zur geheimen Wahlkampfkasse Maudets, aus denen er seine Mandatsbeiträge beglich und sie dennoch von ­seinen privaten Steuern abzog. Reichen beschreibt auch, wie das Kässeli von Maudets «Unterstützungsverein» im Februar 2018 aufgelöst und in Tranchen auf Maudets Privatkonto einbezahlt worden ist. Wirtschaftsanwalt Lüscher sagt an einer Parteiversammlung; «Wirtschaftskriminelle versuchten mit solchen Mitteln die Herkunft von Geld zu ver­tuschen.» Maudet wiederum spendete später die 50000 Franken aus der aufgelösten Kasse des Unterstützungsvereins seiner Partei. Der Betrag sollte die Pflichtbeiträge für die nächsten fünf Jahre abgelten – dafür verlangte er eine Bescheinigung für die Steuern. Die FDP lehnte ab, warnte vor Problemen mit den Steuerbehörden.

Die Geschichte um die ­geheimen Parteikässeli steht eben auch dafür, wie der ­Staatsrat seine Partei sah: Die FDP war Teil von Maudet. Und nicht umgekehrt.

Pierre Maudet – sein Fall: Philippe Reichen, Stämpfli-Verlag, 192 Seiten.