Der Uni-Boom wirkt bis ins Ausland

Immer mehr Studenten an den Schweizer Hochschulen kommen aus dem Ausland. Das ist so gewollt – doch die Entwicklung ist eine Herausforderung für die Bildungsinstitutionen. Das führt regelmässig zu politischen Diskussionen.

Michel Burtscher
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Gute Infrastruktur und hohe Bildungsqualität: Schweizer Unis wie die Hochschule St. Gallen sind beliebt. (Bild: Christian Beutler/Keystone (St. Gallen, 27. März 2018))

Gute Infrastruktur und hohe Bildungsqualität: Schweizer Unis wie die Hochschule St. Gallen sind beliebt. (Bild: Christian Beutler/Keystone (St. Gallen, 27. März 2018))

Diese Woche kehrt wieder Leben ein in die hiesigen Universitäten. Das neue Studienjahr hat begonnen – und damit haben in den Vorlesungssälen auch wieder viele Studenten aus dem Ausland Platz genommen. Ihre Zahl wächst stetig, und das seit Jahrzehnten: Zuletzt haben rund 38 000 Studenten vor ihrem Studium in der Schweiz im Ausland gewohnt (siehe Grafik). Betrug der Anteil dieser Bildungsausländer an den universitären Hochschulen im Jahr 1990 noch 13 Prozent, lag er vergangenes Jahr laut Angaben des Bundesamtes für Statistik bereits bei 25 Prozent.

Diese Entwicklung ist durchaus gewollt. Die Schweizer Hochschulen sind interessiert daran, die besten Talente aus der ganzen Welt anzulocken. Martina Weiss, Generalsekretärin der Rektorenkonferenz Swissuniversities, erklärt es auf Anfrage so: «Die Zahlen zeigen, dass wir ein gutes Bildungssystem haben, das auch attraktiv ist für Studierende aus dem Ausland.» Und damit nicht genug: Kürzlich hat Swissuniversities gar eine neue Internetplattform lanciert, um interessierten Studenten aus dem Ausland unter anderem das Schweizer Bildungssystem zu erklären und die Universitäten vorzustellen.

Ausländer sollen Studium «angemessen mitfinanzieren»

Doch der Zustrom der Bildungsausländer gibt zu reden. Zuletzt war das so, als der ETH-Rat angekündigt hatte, die Studiengebühren ab 2019 für alle Studenten zu erhöhen. SVP-Nationalrat Peter Keller (NW) und SP-Nationalrat Mathias Reynard (VS) forderten, dass nur jene der Bildungsausländer erhöht werden sollen – fanden mit ihrem Vorschlag beim ETH-Rat aber kein Gehör. Dass Studenten aus dem Ausland den Schweizer Hochschulen grundsätzlich guttun, das streitet auch Bildungspolitiker Keller nicht ab. Doch gleichzeitig sagt er: «Ich finde, es hat an gewissen Orten ein Ausmass angenommen, das den Bürgern schwierig zu vermitteln ist.» Die regionalen Unterschiede sind gross: Während beispielsweise an der Universität der italienischen Schweiz und an der ETH Lausanne gemäss den Zahlen des Bundesamtes für Statistik mehr als die Hälfte der Studenten aus dem Ausland kommen, sind es an der Universität Luzern lediglich 13 Prozent.

Keller hat schon im Jahr 2013 einen Vorstoss eingereicht, in dem er forderte, dass Studenten aus dem Ausland an den beiden ETH doppelt so hohe Gebühren zahlen sollen wie die Schweizer. Die Schweizer Hochschulen, finanziert durch die Schweizer Steuerzahler, seien in erster Linie dazu da, Schweizer Studenten auszubilden, schrieb er. Die Bildungsausländer sollten ihr Studium darum «angemessen mitfinanzieren». Der Bundesrat lehnte Kellers Vorstoss zwar ab, gab gleichzeitig aber auch zu, dass ausländische Studierende «erhebliche Kosten» verursachen würden.

4000 Franken pro Semester im Kanton Tessin

An einigen Hochschulen bezahlen Bildungsausländer bereits heute schon mehr als ihre Kommilitonen aus dem Inland. An der Universität Bern beispielsweise sind es ab diesem Studienjahr 200 Franken pro Semester zusätzlich zur normalen Studiengebühr von 750 Franken. Das hat der Grosse Rat im letzten Dezember im Rahmen eines Sparprogramms beschlossen. Am radikalsten ­jedoch geht diesbezüglich der Kanton Tessin vor. Die Universität der italienischen Schweiz verlangt von Bildungsausländern 4000 Franken pro Semester.

Doch ob und wie viel die vielen Studenten aus dem Ausland die Schweiz tatsächlich kosten, ist umstritten. Laut Bildungsökonom Stefan Wolter von der Universität Bern kommt es darauf an, wie man rechnet. Er sagt: «Berücksichtigt man nur, wie viele Bildungsausländer nach ihrem Studium in der Schweiz bleiben und hier dann über längere Zeit Steuern zahlen, dann ist es wohl tatsächlich ein leichtes Verlustgeschäft.» Doch das sei zu wenig weit gedacht, findet Wolter, man müsse auch andere Faktoren berücksichtigen. So würden ausländische Studenten helfen, die Qualität der hiesigen Universitäten zu erhalten. Und einige von ihnen würden nach dem Studium nicht nur hierzulande arbeiten, sondern sogar Firmen gründen und so zusätzliches Steuersubstrat generieren und Stellen schaffen. Genaue Daten dazu gibt es jedoch noch nicht, statistische Untersuchungen sind nicht vorhanden, einzig Schätzungen. Der Knackpunkt dabei ist laut Wolter sowieso ein anderer: «Die ausländischen Studenten müssen auch wirklich gut sein», sagt der Bildungsexperte. Doch laut ihm gibt es bereits heute schon Universitäten, die sich darüber beklagten, dass jene in die Schweiz kämen, die andernorts nicht untergekommen seien.

Swissuniversities beschwichtigt

Und die Situation könnte sich noch zuspitzen in Zukunft. In Deutschland gibt es schon lange ein Zulassungssystem mit einem Numerus Clausus. Und auch Frankreich hat kürzlich neue Zulassungsbestimmungen für Hochschulen erlassen und damit die Hürden erhöht. Die Befürchtung ist, dass nun jene Studenten auf die Schweiz ausweichen, welche in ihrer Heimat nicht gut genug ­waren. Die Entwicklungen in den Nachbarländern müsse die Schweiz sicher aufmerksam verfolgen, sagt Wolter. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auf einmal mit schlechten Studenten überschwemmt werden.»

Martina Weiss von Swissuniversities beschwichtigt: «Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem es hierzulande zu viele Bildungsausländer hat», sagt sie. Die internationale Durchmischung an den Hochschulen sei zugleich «Grund und Ergebnis ihrer international exzellenten Stellung». Weiss betont: «Internationale Studierende sind ein Pluspunkt für unsere Hochschulen. Deshalb ist klar, dass es für uns zentral ist, dass die Qualität unserer Hochschulen auch künftig hoch bleibt», sagt sie. «Sie sollten darum nicht zum Auffangbecken für einzelne Studenten werden, die an anderen Orten nicht aufgenommen worden sind.» Weiss betont in diesem Zusammenhang, dass schon heute überprüft werde, ob Interessenten aus dem Ausland die Voraussetzungen für ein Studium in der Schweiz erfüllen.

Die Hochschulen bauen kräftig aus

Nicht nur der Ansturm aus dem Ausland auf die Schweizer Hochschulen wird immer grösser, sondern auch jener aus dem Inland. Immer mehr studieren an einer hiesigen Universität, einer Fachhochschule oder einer pädagogischen Hochschule. Vergangenes Jahr waren es gemäss dem Bundesamt für Statistik knapp 250000, das sind 40000 mehr als 2010. Und die Tendenz ist steigend. Doch vielerorts hat die Infrastruktur nicht mit dieser Entwicklung mitgehalten, die Hochschulen erreichen ihre Kapazitätsgrenzen. Im ganzen Land bauen sie deshalb kräftig aus, wie Radio SRF gestern berichtete.
So etwa die Universität Bern: Im Mai dieses Jahres hat sie ein neues Institutsgebäude mit einer neuen Bibliothek eröffnet. Kostenpunkt: 42 Millionen Franken. Doch Entwarnung bezüglich mangelnder Kapazitäten konnte deswegen nicht gegeben werden. Aufgrund der steigenden Anzahl an Mittelschulabsolventen sei ein Ausbau der universitären Infrastruktur weiterhin nötig, sagte Rektor Christian Leumann gegenüber dem «Bund». Weitere Ausbauschritte sind denn auch bereits geplant. «Das ist eine kontinuierliche Baustelle», so Leumann.
Auch in Zürich soll das Hochschulquartier mit Universität, ETH und Universitätsspital ausgebaut werden. Denn auch hier stösst die bestehende Infrastruktur an ihre Kapazitätsgrenzen. Stadtpräsidentin Corine Mauch spricht von einem «Generationenprojekt», dessen Umsetzung mehrere Jahrzehnte dauern wird. Im Jahr 2014 stellten Stadt, Kanton und die betroffenen Institutionen ihren «Masterplan» vor, mit dem 40 Prozent mehr Fläche geschaffen werden soll. Neben umfassenden Sanierungen bestehender Gebäude sind auch mehrere Neubauten vorgesehen. Das Investitionsvolumen beträgt mehrere Milliarden Franken. Rund 200 Millionen Franken kostet der geplante Ausbau der Universität St. Gallen. Auf einem rund 14 000 Quadratmeter grossen Areal soll ein neuer Standort für Lehre und Forschung entstehen. Dass die Universität mehr Platz braucht, ist unbestritten. Dank der letzten Erweiterung des Campus auf dem Rosenberg im Jahr 2011 hatten 5000 Studenten Platz. Heute studieren jedoch über 8500 Personen an der HSG. Frühester Baubeginn ist 2024. Bevor die Bagger auffahren, müssen voraussichtlich im nächsten Sommer aber noch die Stimmbürger über den Kantonskredit befinden. (mbu)