Pro & Contra

Der Wolf und die Schweiz? – Wer am Schluss über einen Abschuss entscheiden darf

Am 27. September kommt das neue Jagdgesetz an die Urne. Die Vorlage polarisiert stark.

Doris Kleck und Dominic Wirth
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Ein Wolf im Tierpark Goldau.

Ein Wolf im Tierpark Goldau.

Alexandra Wey/Keystone

Pro: Die Akzeptanz des Wolfes stärken

Zum Beispiel der Biber. Oder der Feldhase. Oder der Birkhahn. Die Kampagne der Gegner des revidierten Jagdgesetzes setzen ganz auf «herzige Tiere», wie sie Nationalrätin Aline Trede in einer Diskussionsrunde nannte. Das Kalkül ist klar: Mit diesen Sympathieträgern lässt es sich einfacher auf Stimmenjagd gehen, als mit dem Wolf. Und mit Ausländern, die im Kanton Wallis auf Trophäenjagd gehen, lassen sich ebenfalls vorzüglich Emotionen schüren.

Doris Kleck

Doris Kleck

Bild: Sandra Ardizzone

Nun gehört es zu Kampagnen, dass übertrieben wird, hüben wie drüben. Doch: Eine Kampagne sollte sich am Gesetz, dem Abstimmungsgegenstand orientieren.

Weshalb hat man das Jagdgesetz revidiert? Um ein besseres Nebeneinander von Wildtieren und Menschen zu ermöglichen. Ja, es geht im Kern um den Wolf. Er wird künftig neben dem Steinbock und dem Höckerschwan zu den drei geschützten, regulierbaren Arten gehören. «Regulation», das ist für die Gegner ein technokratisches Wort, um «künftig unliebsame, bedrohte Tiere zu töten, noch bevor sie einen Schaden angerichtet haben». Tatsächlich wäre es künftig erlaubt, präventiv Wölfe abzuschiessen, bevor sie einen Schaden angerichtet haben, um den Bestand zu regulieren und ein friedliches Nebeneinander zwischen dem Wolf und der Bevölkerung zu ermöglichen. Mit diesem vorausschauenden Ansatz stärkt man die Akzeptanz des Wolfes.

Es ist aber nicht so, dass beliebig drauflos geschossen werden kann. Der Wolf bleibt ein geschütztes Tier und im Gesetz und in der Verordnung ist beschrieben, unter welchen Umständen ein Abschuss erlaubt ist. Wo der Wolf seine Scheu vor den Menschen verloren hat, wo er gelernt hat, Herdenschutzmassnahmen zu überwinden: Dort sollen die Kantone den Abschluss beschliessen dürfen.

Die Kantone erhalten keinen Freipass

Vor zehn Jahren lebten zehn Wölfe in der Schweiz. Mittlerweile sind es rund 80, allein dieses Jahr kamen im Kanton Graubünden drei Rudel dazu. Die Population wächst rasch. Mit dem neuen Gesetz wird dieses Wachstum verlangsamt, um Konflikte vorzubeugen. Wildnis gibt es wenig in der Schweiz. Aber es gibt viel Kulturland in den Alpen, dem die Bergler Sorge tragen und das zur Artenvielfalt beiträgt.

Kritiker monieren, dass die Kantone zu viele Kompetenzen erhalten. Vor allem den Wallisern sei nicht zu trauen. Hier lohnt sich ein Blick ins Gesetz. Die Kantone erhalten keinen Freipass. Sie müssen das Bundesamt für Umwelt anhören. Und der Bund hat, wie auch die Naturschutzverbände, ein Beschwerderecht gegen eine kantonale Abschussverfügung – wie schon heute.

Die Gegner schüren Ängste, dass der Bundesrat den Biber schon bald in Eigenregie zur regulierbaren Art erklären wird. Das hat die Regierung erstens nicht vor, auch weil das Parlament Biber und Luchs explizit ausgenommen hat. Zweitens sind die beiden Tiere nach dem aktuellen Jagdgesetz für die Kantone regulierbar, ohne dass der Bundesrat diese Arten speziell bezeichnen müsste. Das Gesetz wird in diesem Punkt verschärft.

Und übrigens: Auch die Trophäenjagd bleibt bei einem Nein möglich. Und der Feldhase darf weiterhin gejagt werden.

doris.kleck@chmedia.ch

Contra: Der Bund muss das letzte Wort behalten

Wie wild wollen wir die Schweiz haben? Es ist eine grosse Frage, über die wir Ende September abstimmen. Eine, bei der es schwierig ist, kühlen Kopf zu bewahren. Denn Tiere wecken Emotionen. Man könnte sagen, dass sie auch bei uns Menschen das Wilde zum Vorschein bringen. Und das gilt in dieser Debatte für beide Seiten. Für die Gegner, die von einem Abschussgesetz sprechen. Und für manche Befürworter, die den Wolf verteufeln und warnen, dass die Alpen verwaisen, der Alpenraum gar zum Museum wird, wenn man jetzt nicht endlich etwas gegen den Wolf machen darf.

Dominic Wirth

Dominic Wirth

Mareycke Frehner

Das mit dem Abschussgesetz ist natürlich übertrieben. Und das mit dem bösen Wolf und dem Museum auch. Aber es ist schon so: Wie bisher geht es nicht weiter. Das liegt vor allem am Wolf. Er breitet sich im Bündnerland gerade so schnell aus, dass alle überfordert sind. Die Behörden, die Älpler und Bauern, die betroffenen Gemeinden. Sie alle sagen, dass es ein neues Gesetz braucht, weil das alte nicht mehr zur Realität passt.

Es sind neue Instrumente gefragt, um das übergeordnete Ziel zu erreichen, auf das sich die meisten im Land – ein paar Extremisten in gewissen Kantonen einmal ausgenommen – einigen können: ein austariertes Nebeneinander von Natur und Mensch. Im neuen Jagdgesetz sind die Gewichte aber zu stark in eine Richtung verschoben worden. Hin zur Regulation, wie man das in Behörden- und Befürworterkreisen gerne nennt. Das andere, konkretere Wort dafür wäre: Abschuss.

Das Gesetz sieht hier zwei wesentliche Neuerungen vor. Es erlaubt zum einen neuerdings die Regulierung geschützter Wildtiere – etwa des Wolfs – schon dann, wenn Schaden noch nicht angerichtet wurde. Sondern lediglich droht. Dieses präventive Element wäre für sich genommen verdaubar, auch wenn das Wörtchen «gross», das der Bundesrat vor dem Schaden noch ins Gesetz schreiben wollte, vom Parlament eliminiert wurde. Dasselbe Schicksal ereilte übrigens die zumutbaren (Herden-) Schutzmassnahmen, die vor einem Abschuss in den Augen des Bundesrats eigentlich hätten getroffen werden sollen.

Zu viel Macht für die Kantone

Schwerer als all das wiegt die zweite grosse Änderung, jene, dass künftig die Kantone auch geschützte Tiere zum Abschuss freigeben können. Und nicht mehr der Bund. Der bewilligte bis anhin. Und wird nun nur noch angehört.

Das ist viel auf einmal. Zu viel. Ist es wirklich eine gute Idee, den Kantonen so viel Macht zu geben? Jenen Kantonen, in denen die zuständigen Ämter schon heute unter gewaltigem Druck stehen, dem Wolf auf den Pelz zu rücken? Einem Kanton wie dem Wallis, wo ein Staatsrat einst mehr oder weniger deutlich zur Wilderei aufrief – und dessen Grosser Rat den Wolf per Standesinitiative zur jagdbaren Art erklären wollte?

Nein, das ist keine gute Idee. Der Bund sollte auch künftig das letzte Wort haben. Es braucht ihn. Als Korrektiv. Als Instanz, die den Überblick behält über Wildtiere, die sich nicht an Kantonsgrenzen halten. Als nüchterne Stimme. Das ist heute schon so. Und in Zukunft noch mehr.

dominic.wirth@chmedia.ch