Kommentar

Die «alten weissen Männer» schlagen zurück

SP-Ständerat Hans Stöckli, 67, reagierte zornig auf die Frage, ob er bei der Wahl nicht besser einer Frau den Vortritt gelassen hätte. Er ist nicht der einzige Mann, der sich im Zeitalter von #MeToo und Frauenstreik diskriminiert fühlt. Analyse zur politischen Karriere eines Begriffs.

Patrik Müller
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Patrik Müller.

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Spätestens seit dem Wahlkampf des 67-jährigen Ständerats Hans Stöckli ist der feministische Kampfbegriff des «alten weissen Mannes» auch in der Schweizer Politik angekommen. Stöckli, ein Berner Sozialdemokrat, wurde am Sonntag mit deutlichem Vorsprung auf Grünen-Kandidatin Regula Rytz wiedergewählt.

Danach musste er sich die Frage gefallen lassen, ob er zugunsten der Frau nicht besser verzichtet hätte. «Eine sehr heikle, eine diskriminierende Frage!», antwortete Stöckli sichtbar enerviert dem «Bund»-Journalisten im Video-Interview. Das Volk habe im ersten und zweiten Wahlgang entschieden, einen Mann an die erste Stelle zu setzen – da sei die Frage des Journalisten doch ein Skandal.

Den Zorn wieder abgelegt, räumte Stöckli im «Bieler Tagblatt» ein, er habe Angst vor einer Abwahl gehabt und bereits eine Rede für diesen Fall geschrieben: «Ich habe heute das Amt verloren, aber nicht die Würde», hätte es darin geheissen. Er musste sie nicht halten. Und so sagte Stöckli selbstironisch: «Ich bin bereit, dieses Abenteuer als alter, weisser Mann anzutreten.»

Hans Stöckli am vergangenen Sonntag, wo er auf die Ergebnisse des zweiten Wahlgangs zu den Ständeratswahlen wartet. Am Ende machte er das beste Resultat. Grünen-Präsidentin Regula Rytz hatte das Nachsehen. (Foto: Keystone/Peter Klaunzer)

Hans Stöckli am vergangenen Sonntag, wo er auf die Ergebnisse des zweiten Wahlgangs zu den Ständeratswahlen wartet. Am Ende machte er das beste Resultat. Grünen-Präsidentin Regula Rytz hatte das Nachsehen. (Foto: Keystone/Peter Klaunzer)

Frank A. Meyer schwingt die Rassismus-Keule

Wie toxisch der Begriff ist, bekam ich zu spüren, als ich ihn in einem Kommentar selber verwendete. Ich schrieb, dass sich bei Abwahlen oft ein Muster zeige: Das Volk schicke alte weisse Männer zu Gunsten von Frauen und Jungen in die Wüste. So war es beispielsweise bei Filippo Lombardi (CVP/TI), Hans-Ulrich Bigler (FDP/ZH), Thomas Müller (SVP/SG) und Corrado Pardini (SP/BE).

Ein CVP-Politiker teilte mir darauf mit, der Kommentar habe ihn «getroffen»; er sorge sich um den Umgang mit der älteren Generation. Ein anderer Leser schickte mir ein Video des Ringier-Publizisten Frank A. Meyer. Darin empört sich der 75-Jährige, der Begriff sei rassistisch und diffamierend. Man merke es, wenn man «alter schwarzer Mann» oder gar «junger schwarzer Mann» sagen würde. Gar sexistisch wäre «junge schwarze Frau», doziert Meyer.

Mag sein. Trotzdem hinkt der Vergleich, denn er blendet einen entscheidenden Faktor aus: die Macht. Es ist immer noch so, dass «alte weisse Männer» das Sagen haben. Und machthabende Mehrheiten darf man in freien Gesellschaften kritisieren, auch auf polemische Art.

Das müssen die Männer aushalten. Die Macht- und Mehrheitslogik gilt nicht nur für die Geschlechterfrage. Es ist weniger heikel, Witze über Hetero- als über Homosexuelle zu machen. Und es ist in christlich dominierten Ländern weniger fragwürdig, sich über Katholiken als über Muslime oder Juden lustig zu machen.

Etwas mehr Gelassenheit stünde der angegriffenen Spezies gut an. Trotz #MeToo und Frauenstreik ist sie nicht gefährdet. Auch und schon gar nicht in dem Land, wo der Kampfbegriff erfunden wurde und zuerst Karriere machte – durchaus mit dem Motiv, Entmachtung zu erwirken.

In den USA waren es gemäss übereinstimmenden Analysen ältere weisse Männer, die Donald Trump zur Wahl verhalfen. Wobei «weiss» nicht für die Haarfarbe steht, wie es in der Stöckli-Kontroverse irrtümlich hiess, sondern für die Hautfarbe. Das macht auch klar, dass es nicht um Äusserlichkeiten geht, sondern um Identitätspolitik.

TV-Millionär Thomas Gottschalk und der Artenschutz

Dass diese auch im deutschen Sprachraum angekommen ist, davon zeugen mehrere neue Bücher, von Männern wie von Frauen. TV-Moderator Thomas Gottschalk schreibt in seinem Bestseller «Herbstbunt», der «alte weisse Mann» sei «mittlerweile das einzige lebende Wesen, das keinerlei Artenschutz für sich reklamieren kann».

Ist das Ironie oder Selbstmitleid? Gottschalk ist ein millionenschwerer, nach wie vor erfolgreicher Medienmann. Artenschutz ist für diese Spezies nicht vorgesehen.

Vielleicht ist die Debatte aber bereits überholt. «Alte weisse Männer – ein Schlichtungsversuch», lautet der versöhnliche Titel eines Buches der deutschen Feministin Sophie Passmann. Sie schreibt, der alte weisse Mann sei nicht an allem Schuld.

Aha. Aus der Feder einer jungen Autorin klingt diese Banalität für ebendiese alten weissen Männer doch wie eine Erlösung.