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Aus Angst vor Entführungen: Eltern lassen ihre Kinder präventiv zur Fahndung ausschreiben

Gescheiterte binationale Ehen bergen das Risiko einer Kindesentführung durch die Mutter oder den Vater. Um solche Dramen zu verhindern, lassen immer mehr Eltern ihre Kinder vorsichtshalber zur Fahndung ausschreiben.
Kari Kälin
Noch nie liessen so viele Eltern ihre Kinder und potenzielle Entführer präventiv registrieren wie 2018. (Bild: Getty)

Noch nie liessen so viele Eltern ihre Kinder und potenzielle Entführer präventiv registrieren wie 2018. (Bild: Getty)

Zum Verhängnis wurde Karin Amin-Trachsel der Entscheid eines Berner Oberländer Gerichts. Es erlaubte ihrem Ex-Mann, einem Ägypter, mit den gemeinsamen Töchtern Ferien in dessen Heimat zu verbringen. Dabei entführte der Vater die Kinder.

Erst am vorletzten Samstag, viereinhalb Jahre später, sind die unterdessen 7- und 9-jährigen Mädchen nach Interlaken zurückgekehrt. Ein ägyptisches Gericht hatte Amin-Trachsel zwar schon 2017 das Sorgerecht zugesprochen. Doch eine vom Vater erwirkte Ausreisesperre wurde erst vor kurzem aufgehoben.

Pro Jahr rund 100 Kindesentführung

Rund ein Drittel aller Menschen in der Schweiz haben einen Partner oder eine Partnerin mit einer anderen Nationalität geheiratet. Binationale Ehen sind brüchiger – und münden manchmal in Entführungsdramen. Pro Jahr werden rund 100 Kinder durch ihre eigenen Eltern ins Ausland verbracht.

Offenbar packt immer mehr Väter und Mütter die Angst, sie könnten als nächste von diesem Schicksal betroffen sein. Immer mehr Eltern sorgen deshalb dafür, dass ihre Kinder und die potenziellen Entführer präventiv im Fahndungssystem Ripol ausgeschrieben werden. Im letzten Jahr wurden aus diesem Grund neu 283 Personen in der Datenbank erfasst, wie das Bundesamt für Polizei (Fedpol) auf Anfrage mitteilt. Das sind so viele wie noch nie, 2017 zum Beispiel wurden 183 Personen neu registriert. Seit 2010 gibt es dieses Präventionsinstrument.

Ausschreibung bei realer Gefahr

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) oder ein Gericht ordnen die Ausschreibung an, wenn sie zum Schluss kommen, dass reale Entführungsgefahr besteht. Das ist etwa dann der Fall, wenn ein Elternteil Drohungen ausspricht oder sich sonst verdächtig verhält. Patrick Fassbind von der Kesb Basel betont, allzugrosse Anforderungen seien an eine Ausschreibung nicht zu stellen, «weil sonst keine Entführung verhindert werden könnte».

Die Kesb Basel ist durchschnittlich mit fünf Fällen pro Jahr konfrontiert, in denen ein Elternteil eine Entführung befürchtet, meistens vor den Sommer- und anderen Schul­ferien. Der Ripol-Eintrag stelle in der Regel einen genügend effektiven Schutz dar, sagt Fassbind.

«Wir hatten noch keine Fälle, in denen es nach einer Ausschreibung zu einer Entführung gekommen ist.»

Eine Ausschreibung erlischt nach einem Jahr. Danach kann sie für ein Jahr verlängert werden. Wie viele Entführungen dank dem Ripol verhindert werden konnten, wissen die Behörde nicht. Klar ist: Will ein Entführer den Schengenraum auf dem Luftweg verlassen, würde im Ripol ein Treffer aufleuchten. Reist er zuerst über die grüne Grenze in ein anderes Schengenland, kann er sich dieser Kontrolle entziehen. Aus diesem Grund hat der Bundesrat neulich vorgeschlagen, dass Kinder und potenzielle Entführer künftig präventiv auch im Schengener Informationssystem SIS ausgeschrieben werden können.

Beim Bundesamt für Justiz (BJ) kümmert sich eine Zentralbehörde um internationale Kindesentführungen. In einer Broschüre hält sie fest, es sei schwierig, Kindesentführungen mit rechtlichen und praktischen Massnahmen zu verhindern. Das Risiko könne durch gewisse Massnahmen wie die Anordnung einer Reisesperre, die Einschränkung des Besuchsrechts oder das Aufbewahren der Reisepässe der Kinder an einem sicheren Ort verringert werden. Wie Fassbind sagt, informieren bisweilen die Kesb die betroffenen Botschaften respektive bei Schweizern oder Schweizerinnen das Passbüro, damit keine neuen Reisedokumente eingeholt werden können.

Im letzten Jahr 68 Anträge auf Rückführung

Der bekannte Zürcher Rechtsanwalt Valentin Landmann vertritt einige Klienten, vor allem Frauen, die eine Entführung ihrer Kinder befürchten. Gemäss seiner Einschätzung müssten die Gerichte bei Entscheiden über ein begleitetes Besuchsrecht oder Ferienrecht mit den Kindern die Entführungsproblematik stärker im Auge behalten. Rund 100 meist westliche und südamerikanische Staaten haben das Haager Übereinkommen zur Kindesentführung unterzeichnet. Wird ein Kind in einen Vertragsstaat gebracht, kann der zurückgebliebene Elternteil einen Antrag auf Rückführung stellen. Die Chancen, wieder mit seinem Kind leben oder zumindest in Kontakt treten zu können, stehen gut. Im letzten Jahr zählte man 68 Anträge auf die Rückführung von Kindern in die Schweiz.

Schwierig bis aussichtslos wird es, wenn ein Kind in ein Land verschleppt wird, das dem Haager Abkommen nicht beigetreten ist. Das Westschweizer Radio RTS berichtete kürzlich von einem Fall, in dem die Mutter die zwei gemeinsamen Kinder zuerst nach Griechenland und dann nach Simbabwe verbracht hat. Der Vater hat sie seit 10 Monaten nicht mehr gesehen. Er sagte:

«Ich kann ihre Rechte nicht verteidigen.»

In den letzten zwei Monaten habe er lediglich zweimal via Skype mit seinen Kindern gesprochen.

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