Kolumne

Die Bundesratsastrologen

Der Publizist Gottlieb F. Höpli über Journalisten, die über die bevorstehenden Bundesratswahlen rätseln. 

Gottlieb F. Höpli
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Gottlieb F. Höpli, Publizist.

Gottlieb F. Höpli, Publizist.

Es war einmal eine Zeit, da war der Eiserne Vorhang zwischen Ost- und Westeuropa nicht nur für Menschen, sondern sogar für Informationen so gut wie undurchlässig. Grosse Zeitungen wie die NZZ beschäftigten Spezialisten, die nichts anderes taten, als anhand kleinster Informationsbruchstücke aus der Sowjetunion auf Vorgänge im Inneren des Kreml zu schliessen. Viel Spekulation war dabei, und man nannte die Herrschaften «Kreml-Astrologen».

Warum ich mich unversehens wieder an jene Zeit erinnere? Weil sich vor Bundesratswahlen auch hierzulande jeweils ein Heer von Journalisten im Fach Bundesratsastrologie versucht: Da wird gerätselt, was sich in den Köpfen von potenziellen Kandidatinnen, Konkurrenten, Parteipräsidenten wohl abspielt, welche Folgen daraus für die jeweils nächste Runde dieses seltsamen Reigens zu ziehen seien. Eines Reigens, der in seiner Choreografie einem jener komplizierten Tänze an den Königs- und Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts gleicht. Bei denen zwischen den schwierigen Tanzfiguren mit wechselnden Partnern stets Gelegenheit zum Spinnen immer neuer Intrigen bestand. Denn eines ist gewiss: Transparent sind diese Vorwahlvorgänge nicht, müssen es auch gar nicht sein. Sie münden ja auch nicht in eine Volkswahl, sondern in einen Wahlgang der Vereinigten Bundesversammlung, der oft bis zur letzten Minute noch Überraschungen beschert. Sei es, dass noch neue Kandidaten aus dem Hut gezaubert werden, ein Parlamentarier verschläft, weil er am Vorabend zu viel gebechert hatte, sei es, weil in letzter Minute noch neue Allianzen geschmiedet werden. Insiderwissen, reales und vermeintliches, wird von Medien fast mit Gold aufgewogen, und die medialen Insider von der Bellevue-Bar haben ihre grossen Auftritte.

Alles gut und schön. Und in seiner Bedeutung masslos übertrieben. Denn erstens erweisen sich 90 Prozent der während Monaten ausgestellten politischen Horoskope als null und nichtig (und waren es oft schon im Moment ihres Entstehens). Und zweitens wird deren politische Bedeutung stark überschätzt. Denn die Teilerneuerung des Siebnergremiums um eines oder zwei Mitglieder gemäss einem komplizierten, streng einzuhaltenden Regelwerk ist ja gerade dazu angetan, auf keinen Fall revolutionäre Umstürze oder auch nur grössere Richtungswechsel zuzulassen: Parteizugehörigkeit, Herkunftsregion sowie der Bekanntheitsgrad unter Ratskolleginnen und -kollegen sind Voraussetzungen der Wahl, und was die Gemüter zurzeit noch am ehesten erregt, ist höchstens die Frauenfrage. Und selbst die Tatsache, dass vielleicht zwei Frauen gewählt werden könnten, hat keine umstürzlerische Qualität, denn bei den Kandidatinnen müsste es sich in jedem Fall um allseits bekannte Angehörige des Parlaments handeln.

Kein Grund eigentlich, die Politik des Landes für Monate zu blockieren, bis es dann endlich im Dezember zur Wahl kommt. Der dann der Aufbruch in die wohlverdiente Festtagspause folgt. Einen beträchtlichen Teil der Schuld an dieser politischen Blockade tragen, das will ich nicht verschweigen, die Medien: Für sie sind Bundesratswahlen unterhaltsamer Politstoff, der bei wenig Rechercheaufwand viele Zeilen und viele Sendeminuten hergibt. Klar, dass die Parteien und einzelne Kandidaten die weit offenen Ohren der Medien für Einflüsterungen nützen, um sich zu profilieren. Eine wahre Win-win-Situation: Die Politik kann sich mit wenig Aufwand profilieren (bald sind ja auch schon wieder eidgenössische Wahlen), und die Politastrologen können mit Exklusivinformationen glänzen – was tut’s, wenn die morgen schon wieder wertlos sind.

Wenn es ein politisches Horoskop gibt, dem ich traue, dann wäre es dieses: «Hominum confusione et Dei providentia Helvetia regitur» – die Schweiz wird von der Verwirrung der Menschen und der göttlichen Vorsehung regiert. Das gilt in ganz besonderem Mass für Bundesratswahlen, bei denen die künftige Politik der gewählten Magistraten noch in den Sternen steht. Und manchmal für allerhand Überraschungen gut ist, weil sich die Gewählten nicht als Parteisoldaten aufführen, sondern als eigenständige politische Persönlichkeiten.