Die Corona-Krise macht auch vor den Schweizer Bergen nicht Halt

Eigentlich wäre in den Bergen gerade Hochsaison, doch wegen der Corona-Krise sind die Hütten geschlossen und die Bergführer arbeitslos. Nun fragen sich alle, wie schlimm dieses Jahr für sie ausgeht.

Dominic Wirth
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Die Glarner Fridolinshütte, im Hintergrund der Tödi.

Die Glarner Fridolinshütte, im Hintergrund der Tödi.

Quelle: SAC

Manchmal, wenn die Sehnsucht sie packt, stellt sich Lisa Hösli in diesen Tagen ans Fenster. Und schaut hinauf in die Glarner Alpen. Zum Tödi, dem höchsten Berg im Kanton. Und zur Fridolinshütte, die an seiner Flanke klebt. Seit ein paar Wochen ist das die Hütte von Lisa Hösli und ihrem Partner. Aber wenn die beiden in diesen Tagen aufwachen, tun sie das nicht dort oben, nicht 2111 Metern über Meer. Sondern 1500 Meter weiter unten, auf dem Glarner Talboden, in Linthal. Einem Ort, an dem sie eigentlich gerade nicht sein wollen.

Hüttenwarte Luchsinger und Hösli.

Hüttenwarte Luchsinger und Hösli.

zVg

Die Corona-Krise nahm nach allem, was man bisher weiss, ihren Anfang auf einem Wildtiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan. Längst hat sie auch die Fridolinshütte hoch oben im rauen Glarnerland erreicht. 100 Jahre steht das Haus aus sonnenverbranntem Stein schon unter dem Tödi. Mitte März flogen Lisa Hösli und ihr Partner zur Hütte, sie hatten Essen dabei, Brennholz und anderes Material. Sie öffneten am Freitag, dem 13. März. Und sperrten ihre Türe am Montag, dem 16. März, wieder zu. Zeitraum: unbestimmt. Grund: Das Coronavirus.

Social Distancing im Massenlager, wie soll das gehen?

Im ganzen Land gibt es 153 Hütten des Schweizerischen Alpenclubs SAC, dazu kommen noch etwa 100 weitere Berghütten anderer Trägerschaften. Viele von ihnen könnten gerade gute Geschäfte machen. Die Sonne scheint ohne Pause, und in den Bergen liegt der Schnee so, wie ihn Skitourengänger mögen. Doch Social Distancing und Massenlager, das geht nicht zusammen. Die Berghütten müssen geschlossen bleiben. Es ist das Einfache, Rustikale, das viele Leute zu ihnen zieht. Es ist das Einfache, Rustikale, das alles gerade so kompliziert macht.

Lisa Hösli hat sich sehr auf die Saison in der Fridolinshütte gefreut, auch wenn sie wusste, dass ein anstrengendes Jahr werden würde. Ein «happiges», so sagt sie es, weil die Hütte alt und eng ist und nur im Sommer fliessendes Wasser hat. Jetzt ist schon nach ein paar Wochen klar, dass die erste Saison der neuen Pächter keine gute wird. Das Geld, das in diesen Tagen nicht in ihre Kassen fliesst, wird das ganze Jahr fehlen. Hösli und ihr Partner haben beim Bund Selbständigenentschädigung beantragt. Und hoffen, dass ihnen der Hüttenbesitzer – die SAC-Sektion Tödi – beim Pachtvertrag entgegenkommt. Denn die Summe, die dort als Fixbetrag geschrieben steht, werden sie nicht aufbringen können, sagt Hösli.

Hüttenwarte im ganzen Land quälen derzeit ähnliche Sorgen wie die Lisa Hösli im Glarnerland. Andrea Strohmeier sagt, in den Bergen sei man sich gewohnt, dass sich alles rasch ändern könne, man flexibel sein müsse. Aber eine Situation wie die aktuelle, so die Präsidentin der Schweizer Hüttenwarte, habe man noch nie erlebt.

Die Hüttenwarten hoffen auf ein Entgegenkommen der Besitzer

Andrea Strohmeier, Präsidentin der Schweizer Hüttenwarte.

Andrea Strohmeier, Präsidentin der Schweizer Hüttenwarte.

zVg

Die Hütten in den Schweizer Alpen werden von ihren Betreibern meist im Pachtverhältnis geführt. Manche bezahlen wie Lisa Hösli einen Fixbetrag sowie einen Teil ihres Umsatzes. Bei anderen orientiert sich die Pachtsumme nur am Umsatz. 20 bis 30 Prozent, sagt Andrea Strohmeier, gäben die Hüttenwarte ab. Heuer hofft sie auf ein Entgegenkommen der Hüttenbesitzer. Etwa des SAC, dessen Sektionen ein Teil der Einnahmen zufliesst. Ein anderer Empfänger ist der Hüttenfonds der SAC-Zentrale in Bern. Mit ihm werden im Gegenzug Neubauprojekte oder Renovationsarbeiten an den Hütten mitfinanziert. Allein im letzten Jahr flossen 1,9 Millionen Franken in den Fonds.

Heuer wird es weniger sein, und schon jetzt steht fest, dass die Corona-Krise ihre Spuren auch in den Bergen hinterlassen wird. Wie sehr das der Fall sein wird, hängt davon ab, wie der Bundesrat bei der Lockerung der Corona-Massnahmen vorgeht. Lisa Hösli und Andrea Strohmeier schauen deshalb morgen Donnerstag gespannt nach Bern, wo die Regierung ihren Ausstiegsplan skizzieren will.

Doch sie wissen auch, dass die Gastronomie und mit ihr die Berghütten nicht zuoberst auf der Liste jener Branchen stehen, die schon bald wieder so etwas wie den Normalzustand erleben werden. Abstandsregeln in der Berghütte, wie soll das gehen? Und lohnt sich der reduzierte Betrieb, der dazu nötig wäre, überhaupt? Strohmeier sagt, die meisten Hüttenwarte werden einen Weg finden, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass gewisse gar nicht aufmachen – weil die Margen schon im Normalbetrieb dünn seien.

Den Bergführern entgehen die fetten Monate

Ungewissheit allenthalben. Auch bei den Bergführern ist das so. Die sind derzeit mit einem Arbeitsverbot belegt, zweite Covid-19-Verordnung, Art. 6: Verbot personenbezogener Dienstleistungen mit Körperkontakt. Vielleicht, hofft Pierre Mathey, Geschäftsführer des Schweizer Bergführerverbands, lockert der Bundesrat hier schon bald ein wenig. Doch ein schöner Teil des Schadens ist für die Bergführer schon angerichtet.

Pierre Mathey, Geschäftsführer des Bergführerverbands.

Pierre Mathey, Geschäftsführer des Bergführerverbands.

zVg

März, April, Mai, das sind wichtige Monate für sie, die wichtigsten überhaupt, 10'000 bis 15'000 Franken Umsatz können sie monatlich generieren. Das sind 30 bis 40 Prozent des Jahreseinkommens. Der Bund zahlt zwar für die Ausfälle. Doch weil er seine Taggelder am gesamten Jahreseinkommen ausrichtet und für die Bergführer just die besten Monate wegbrechen, entstehen für viele dennoch happige Verluste. Mathey sagt:

«Wir haben Verständnis für die Massnahmen, aber unser Ziel ist es natürlich, bald wieder zu arbeiten.»

Hösli und der Traum vom Ende über Nacht

Hüttenwartin Lisa Hösli sagt, sie hoffe zuweilen, dass sie aufwache – und alles einfach vorbei sei, das Virus verschwunden, die Welt wieder wie früher. Doch die Glarnerin ist sich auch bewusst, dass es nicht so einfach wird. Dass das Virus gekommen ist, um zu bleiben, zumindest für eine Weile. Sie will die Fridolinshütte trotzdem wieder öffnen, sobald der Bund ihr das erlaubt, wenn nötig halt mit Einschränkungen. Ein paar Monate lässt sie sich vom Coronavirus vielleicht rauben. Aber bestimmt nicht ein ganzes Jahr.

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