Pro und Kontra

Die Debatte: Als Schweizer Zeitung sich in türkische Belange mischen – ist das gut?

Der «Blick» richtete sich diese Woche an die 100 000 Türken und Türkinnen hierzulande, auch auf Türkisch. Sie sollen «Nein» sagen zum Referendum, das der türkische Präsident Erdogan nächsten Monat gewinnen will. Es debattieren Redaktor Christian Mensch (PRO) und Autor Max Dohner (KONTRA).

Christian Mensch und Max Dohner
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Der «Blick» richtete sich diese Woche an die 100 000 Türken und Türkinnen hierzulande, auch auf Türkisch.

Der «Blick» richtete sich diese Woche an die 100 000 Türken und Türkinnen hierzulande, auch auf Türkisch.

Nordwestschweiz

PRO von Christian Mensch, Redaktor

«Eine Boulevard-Zeitung ist eine Boulevard-Zeitung»

Christian Mensch, Redaktor

Christian Mensch, Redaktor

Nordwestschweiz

Die Diskussion um den «Blick» ist vor allem ein Lebenszeichen einer Zeitung, die beinahe schon abgeschrieben war.

Wer sich mit den «Blick»-Schlagzeilen in türkischer Sprache beschäftigt, tut gut daran, zwei Schritte zurückzutreten, um die Ausgangslage in den Blick zu bekommen: Die Boulevardzeitung hat in den vergangenen Jahren kaum mehr Akzente in der öffentlichen Debatte setzen können. Selbst innerhalb des Ringier-Konzerns reduzierte sich die Bedeutung der «Blick»-Gruppe auf ihre schiere Reichweite, die sich für allerlei Nebengeschäfte und Promotionen nutzen lässt. Und es hat der Gerüchte bedurft, das einstige Ringier-Flaggschiff stehe zum Verkauf, bevor ein Angebot über 200 Millionen Franken einging mit dem Plan, aus der Boulevard- eine Sportzeitung zu machen.

In dieser Konstellation hat sich die «Blick»-Redaktion – ob bewusst oder nicht, sei dahingestellt – ihres Auftrags besonnen, echten Boulevard-Journalismus zu machen. Was heisst: Eine Botschaft wird auf eine knackige Kurzform gebracht, die in ihrer Verkürzung polarisiert. Die Umsetzung erfolgt plakativ, originell und überraschend. Das ist Boulevard-Journalismus, der sich damit zwangläufig an vielen Abgründen bewegt. Eine halbe Drehung zu viel bei der Zuspitzung und aus gut wird ganz schlecht. Ein Schuss zu viel Provokation lässt den Boulevard ins Widerliche kippen. Die Grenze, an der gesunde Polarisierung endet und Hetze anfängt, ist unscharf.

Dass die «Blick»-Redaktion sich gegen Erdogans Präsidialträume ausspricht, ist weder provokativ noch originell, sondern entspricht breitestem mitteleuropäischem Mainstream. Originell und durchaus im Rahmen des Zulässigen ist allerdings, diese Botschaft als direkte Ansprache an die hier lebenden Türken zu inszenieren. Dies als Einmischung in türkische Belange zu werten, ist eine masslose Überschätzung des «Blicks» – und zeigt gleichzeitig die Funktionsweise des Boulevards. Er setzt auf Emotionen und die damit verbundenen, erwartbaren Reaktionen. Denn die «Blick»-Inszenierung wurde erst zur grossen Geschichte, weil die türkische Regierung nach bester Boulevard-Manier den Ball aufnahm und entrüstet zurückspielte. So entsteht Bedeutung.

Die Frage ist nicht, ob einem der Boulevard-Stil entspricht oder nicht. Doch es ist widersinnig, eine Boulevard-Zeitung zu kritisieren, nur weil sie macht, was sie zu machen hat.

CONTRA von Max Dohner, Autor

«Eine ernste Frage erfordert in jeder Pore Ernst zur Sache»

Max Dohner, Autor

Max Dohner, Autor

Nordwestschweiz

Die «Einmischung» des Boulevards ist nicht astrein. Das verleiht dem Kampf der Gerechten ein Gschmäckle des Selbstgerechten.

Das Leben lehrt nichts Eindeutiges. Gerade deshalb lehrt es etwas ganz bestimmt: Skepsis. Skepsis ist angebracht, wenn der täglich blutrot eingefärbte «Blick» als weisser Ritter finsteren Mächten entgegenprescht. Und der Boulevard auch mal auf Türkisch den Leuten was posaunt. Vor Wien wurde der Müslüman schon zweimal gestoppt. Jetzt soll der Hattrick an der Dufourstrasse gelingen – Dummkopf, das ist History! Fragt sich bloss, in welcher Sparte?

Etwa die Sparte PR. Daran erinnerten rasch Einige: Die «Einmischung» des Boulevards verhindere den Stimmengang für Erdogan nicht, fördere aber den Quotenfang am Zürisee. Was Markus Gilli im «TalkTäglich» streifte, verdeutlichte Rainer Stadler in der NZZ: neue «Blick»-Führung, neue Akzente.

Tatsächlich ist diese publizistische Idee nicht zu säubern vom Gifthauch der PR – und die freilich auch kaum nachzuweisen. Man habe, beteuert Christian Dorer, neu Chef beim «Blick», den Finger doch auf eine zentrale Frage gelegt: Wie viel Freiheit darf jemand geniessen, der mithilft, anderen eine Grube der Unfreiheit zu graben? Weiss Gott, die Frage hat Gewicht, das himmelschreiende Gewicht von Hunderttausenden im Exil, vertrieben durch – teils sogar gewählte – politische Verbrecher. Sie alle quälte das Gewissen, mal weniger, mal bis zum Suizid, inwieweit es gerecht war, dass Mitbrüder und -schwestern in Staatsgefängnissen schmorten, während sie das Glück gehabt hatten, zu entkommen (man lese – zum Beispiel – Ruth Klügers Erinnerungen).

Von solchem Ernst ist nichts zu spüren an dieser Kampagne des «Blicks», aber auch gar nichts. Als sei Social-Media-Gedöns bereits schon Bedeutung, verweist man auf Effekt: Nazisymbole zorniger Türken, Erdogan mit Screenshot der Titelseite. Aber auch hier: PR hat keine Ideologie. PR non olet, würde der Lateiner heute sagen. Wo einer PR-Wind erzeugt, hängt mancher gern seine eigene Duftfahne rein. Darum zum Schluss auch eindeutig: Man muss sich für die Freiheit schlagen. Als Demokratie-Ritter aber nicht bloss mit weissem Übergwändli. Man kann wohl alles verdealen. Beim «Einmischen» als Gerechter aber muss man aufpassen. Das Gschmäckle des Selbstgerechten bringt man nie mehr los. Es gab nur einen weissen Ritter, über jede Skepsis erhaben, mit astreiner Seele: Don Quijote.