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Die Gefängnisaufenthalte im Fall Carlos haben 800'000 Franken gekostet – War das Sondersetting doch günstig?

Der Fall Carlos hat mit einer Zahl begonnen: 29'000 Franken pro Monat. So viel kostete sein Sondersetting. Nun liegt eine neue Zahl vor: 800'000 Franken. So viel kosteten seine Gefängnisaufenthalte seither. Die Justiz ist überfordert.
Andreas Maurer
B. K. alias Carlos beim Boxtraining vor dem Skandal im Jahr 2013.

B. K. alias Carlos beim Boxtraining vor dem Skandal im Jahr 2013.

Unter dem Pseudonym Carlos stellte das Schweizer Fernsehen im August 2013 einen 17-jährigen Messerstecher vor. Er war eigentlich nur die Nebenfigur in einer Reportage über einen Zürcher Jugendanwalt mit unorthodoxen Methoden. Carlos hätte diese als Erfolgsbeispiel illustrieren sollen, als der haltlose Jugendliche, der dank einem Bündel massgeschneiderter Massnahmen endlich Halt findet. Man nannte es Sondersetting. Es kostete 29'000 Franken pro Monat.

Die gut gemeinte Botschaft kam ganz schlecht an. Denn die Fernsehbilder entwickelten eine Eigendynamik. Drei Szenen brannten sich im kollektiven Gedächtnis ein. Carlos, der zu Therapiezwecken auf einen Boxsack eindrischt. Carlos, der gelangweilt in einer staatlich finanzierten 4½-Zimmer-Wohnung fläzt. Und der Jugendanwalt, der mit einer Schlange um den Hals posiert. Das waren die Zutaten für einen Skandal, der als «Sozial-Wahn um Messerstecher» («Blick») seinen Lauf nahm. Die Zürcher Regierung brach darauf das Sondersetting ab und schickte den Jugendanwalt in Rente.

Seither hat Carlos 1585 Tage in sechzehn Justizvollzugsanstalten verbracht. Er wurde von Gefängnis zu Gefängnis geschoben, weil sich das Personal nicht im Stande sah, den Thaiboxer zu bändigen. Am 30. Oktober steht der nächste Prozess gegen ihn an, diesmal wegen 29 Delikten, die er ausschliesslich hinter Gittern begangen haben soll. Es geht um Prügelattacken gegen Aufseher und Mitinsassen. Sogar eine Verwahrung steht nun zur Diskussion.

Auch im Gefängnis ist nun ein Sondersetting nötig

Zeit also, um Bilanz zu ziehen. Begonnen hat der Fall mit einer Grundsatzfrage: Wie viel darf der Justizvollzug für einen einzelnen Täter kosten? 2013 lautete die Antwort: 29'000 Franken pro Monat sind zu viel.

2019 liegt nun die Abrechnung für die Alternative vor. Die Kosten für Carlos’ Odyssee durch die grössten und sichersten Gefängnisse der Schweiz lassen sich durch die Tarife abschätzen, welche die Anstalten den Kantonen pro Insasse in Rechnung stellen. Die Zusammenstellung (siehe Grafik) ergibt: 800'000 Franken haben Carlos’ Gefängnisaufenthalte bisher gekostet.

Aktuell sitzt er wieder im grössten Gefängnis der Schweiz, in der Zürcher Justizvollzugsanstalt Pöschwies. Hier haben die Vorfälle stattgefunden, wegen derer Carlos nun vor Gericht steht. Um die Situation zu beruhigen, wurde er im Juni dieses Jahres in den Hochsicherheitstrakt des Zentralgefängnisses von Lenzburg verlegt. Kosten pro Monat: 20'000 Franken. Anfangs funktionierte es gut, er durfte sich auf den Gängen frei bewegen. Doch aus nicht bekannten Gründen scheiterte auch diese Lösung. So kam er zurück nach Zürich, wo Kosten von 15'000 Franken pro Monat anfallen.

Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Die Tarife bilden die Ausgaben für einen durchschnittlichen Insassen ab. Der Aufwand für Carlos ist aber viel grösser. In der Pöschwies wurden für ihn zum Beispiel gleich vier Zellen speziell eingerichtet; eine Zelle wurde pink angestrichen. Das Personal wurde zudem speziell trainiert und erhielt neue Schutzausrüstung. Wenn er verlegt wurde, kam eine Sondereinheit zum Einsatz. Tatsächlich dürften die Kosten die Schwelle von einer Million überschritten haben. Hinzu kommt Ausgaben für Gerichtsprozesse, Gutachten und die Schäden der Ausraster.

Die Bilanz lautet also: Carlos wurde ins Gefängnis verlegt, weil sein Sondersetting zu teuer war. Im Gefängnis wurde aber wieder ein Sondersetting eingerichtet, das auf die Dauer noch teurer ist und das vor allem kein Ablaufdatum hat.

Carlos’ Vater macht die Behörden für die Kosten verantwortlich

Der Vater von Carlos ist ein Architekt aus Zürich. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt er: «Die hohen Unkosten sind durch Fehlleistungen der Justizbehörden entstanden.» Damit meint er den Abbruch des Sondersettings und die Verhaftung seines Sohnes.

Die Probleme haben in der Kindheit schon ganz früh begonnen, als Carlos von Paris nach Zürich zog. In Paris hatte seine Mutter gewohnt, sie stammte aus Kamerun. Mit zehn Jahren beging er sein erstes Delikt. Schon damals überforderte er die Institutionen. Weil ihn niemand aufnehmen wollte, landete er im Gefängnis. Mit 15 beging er seine schwerste Straftat. Er rammte einem 18-Jährigen ein Messer in den Rücken. Seinen 16. Geburtstag verbrachte er in der Psychiatrie, betäubt und gefesselt an ein Bett. Mit 17 absolvierte er das berühmte Sondersetting, das bis zum Abbruch erfolgsversprechend verlief.

Je länger der Fall Carlos dauert und je höher sich die Unkosten türmen, desto mehr Verständnis kommt für die Lösung von 2013 auf. Als Folge davon hat Carlos in der Medienberichterstattung eine Metamorphose durchgemacht. Am Anfang wurde er als selbstverliebter Täter dargestellt, mit dem die Justiz kuschelt. Mittlerweile wird er von der «NZZ» und der «Republik» in riesigen Artikeln als Opfer des Systems porträtiert.

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