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«Projekt 26»: Die Geheimarmee, die keine war

Die geheime Widerstandsorganisation P-26 sei weder gefährlich noch illegal gewesen. Das sagt der Historiker Titus J. Meier. Und er kritisiert den Bericht der Parlamentarischen Untersuchungskommission zur Affäre um die «Geheimarmee».
Michel Burtscher
Der Eingang zur unterirdischen Bunkeranlage bei Gstaad, in der die P-26 Ausbildungen durchführte. (Bild: Keystone)

Der Eingang zur unterirdischen Bunkeranlage bei Gstaad, in der die P-26 Ausbildungen durchführte. (Bild: Keystone)

Selten in der Geschichte der Schweiz hat ein parlamentarischer Bericht einen solchen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Im Winter des Jahres 1990 war es, und der Kalte Krieg in der Endphase, als der Innerrhoder CVP-Ständerat Carlo Schmid und der Tessiner SP-Nationalrat Werner Carobbio an die Öffentlichkeit traten und im Bundeshaus über die Erkenntnisse der von ihnen geleiteten parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK) informierten. Während acht Monaten hatten sie zuvor die Akten des Eidgenössischen Militärdepartements durchforstet und waren dabei auf Brisantes gestossen: Die Schweiz unterhielt eine geheime, «ausserhalb von Armee und Verwaltung stehende private» Widerstandsorganisation mit dem Namen «Projekt 26», wie es im Bericht hiess.

Im Falle einer kommunistischen Besetzung des Landes hätte diese den Widerstand aus dem Untergrund organisieren sollen. Rund 300 Mitglieder zählte die P-26. Als mit Waffen und Sprengstoff, Kommunikationsmitteln, Führungs- und Ausbildungsanlagen ausgerüstete Organisation stellte sie in den Augen der PUK eine «potenzielle Gefahr für die verfassungsmässige Ordnung» dar.

Die Enthüllungen lösten ein Beben aus, nachdem kurz zuvor bereits die Fichenaffäre das Vertrauen der Bürger in den Staat erschüttert hatte.

P-26 war für Historiker "keine gefährliche Armee"

Die Medien berichteten monatelang über die P-26. Der Boulevard sprach von einer «Geheimarmee für den Guerillakrieg». «400 geheime Kämpfer träumen vom kalten Krieg», titelte der «Bund». «Geheim, gesetzlos, gefährlich», urteilte der «Tages-Anzeiger». In einem neuen Buch zeichnet der Historiker und Aargauer FDP-Politiker Titus J. Meier nun ein anderes Bild von der P-26 – und kritisiert damit auch den Bericht der PUK sowie den Umgang der Medien damit. Für seine Doktorarbeit sprach er mit über 100 ehemaligen Mitgliedern der Organisation und weiteren Zeitzeugen. Zudem hatte er Einblick in noch unter Verschluss stehende Akten und Berichte des Bundes.

Meier sagt: «Die P-26 war eine streng geheime Kaderorganisation, aber keine gefährliche Armee, die ausserhalb der staatlichen Strukturen agierte.» Wie der Historiker aufzeigt, bestand die P-26 zwar aus Milizmitgliedern, die materiellen Vorbereitungen fanden aber innerhalb des Militärdepartements und mit Wissen von dessen Vorsteher statt. «Das Projekt 26 war damit Teil der Verwaltung», sagt Meier. Auch Kaspar Villiger, der bei der Enthüllung der P-26 Verteidigungsminister war, hat sich immer dagegen gewehrt, dass sie als «private Geheimarmee» bezeichnet wird.

Nachrichtenbeschaffung und Sabotageakte

Die Organisation hatte auch nie einen Kampfauftrag. «Es wäre illusorisch gewesen zu glauben, mit 300 bis 400 Personen etwas gegen eine Besatzungsmacht ausrichten zu können», sagt Meier. Die Aufgabe wäre vielmehr gewesen, Nachrichten zu beschaffen für den Bundesrat im Exil oder im Réduit sowie Durchhalteparolen zu verbreiten und die Bevölkerung so moralisch zu stärken. In der Phase der Wiederbefreiung des Landes hätten die P-26-Mitglieder zudem Sabotageakte durchführen sollen. Gesucht waren denn auch nicht junge und starke Kämpfer, sondern gut ausgebildete, unauffällige «Durchschnittsbürger».

Erstmals zeigt Meier in seinem Buch nun auf, was das genau hiess: So war die überwiegende Mehrheit der Mitglieder über 50 Jahre alt, fast ein Fünftel arbeitete im Zivilleben bei einem Kanton oder bei einer Gemeinde, andere waren Anwälte, Hausfrauen oder Wirte. In der Grundausbildung absolvierten sie zwar Schiesstrainings, was aber nur der Selbstverteidigung dienen sollte. Sie lernten auch die Grundsätze der Geheimhaltung, sicheres Vorgehen bei persönlichen Verbindungsaufnahmen, wie man sich einer Beschattung entzieht oder mit unsichtbarer Tinte schreibt.

Den Widerstand seit Jahrzehnten vorbereitet

Meier betont in diesem Zusammenhang, dass die Mitglieder der P-26 nie bewaffnet worden seien. Zwar gab es durchaus Container, in denen Waffen, Sprengstoff, Sanitätsmaterial und Funkgeräte für sie gelagert wurden. Wo sich diese befanden, wussten aber nur die Verantwortlichen im Militärdepartement. Und übergeben worden wären diese erst nach der Aktivierung der P-26 durch den Bundesrat. Für Meier ist darum klar: «Die PUK ist teilweise zu kritisch gewesen gegenüber der P-26 und hat ihre Fantasie statt die Fakten walten lassen.» Die Parlamentarier hätten durchaus den Finger auf wichtige Punkte gelegt, doch teilweise dem historischen Kontext zu wenig Beachtung geschenkt.

Denn der Widerstand war in der Schweiz seit Jahrzehnten vorbereitet worden. Schon General Henri Guisan liess während des Zweiten Weltkrieges ein geheimes Funknetz aufbauen für die Nachrichtenübermittlung aus besetzten Gebieten. 1957 schuf der Territorialdienst der Schweizer Armee dann eine Widerstandsorganisation, die 1967 zum Nachrichtendienst überging und ständig weiterentwickelt wurde. Im Jahr 1979 wurde dieser Spezialdienst umbenannt in «Projekt 26». Diese Organisation löste der Bundesrat dann – kurz bevor die PUK in jenem Winter im Jahr 1990 ihren Bericht veröffentlichte – kurzerhand auf.

Auf die Berichte über seine neuen Erkenntnisse hat Titus J. Meier bereits mehrere Rückmeldungen erhalten. «Es ist ein Thema, das die Leute auch heute noch bewegt», sagt er.

Titus J. Meier: Widerstandsvorbereitungen für den Besetzungsfall. Die Schweiz im kalten Krieg. Verlag NZZ Libro. 592 Seiten, Fr. 54.-

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