Die Grenze ist bald wieder offen, doch die Zeit der Zäune hat bei den Menschen tiefe Spuren hinterlassen

Die Zeit der geschlossenen Grenzen neigt sich dem Ende zu, doch ein Streifzug durch das Grenzland zeigt: die Erinnerung daran wird die Leute noch lange begleiten.

Dominic Wirth
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Der Schweizer Schriftsteller Christian Haller (rechts auf der Terrasse) gibt vom deutschen Laufenburg aus ein Interview. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.
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Abgesperrte Brücke zwischen Laufenburg (CH) und Laufenburg (D). Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.
Bauer Christoph Brütsch, Barzheim/Thayngen, steht bei einer gesperrten Strasse, die eigentlich zu seinem Land auf deutschem Boden führen sollte. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.
Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger steht am Grenzzaun auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.
Abgesperrte Grenze auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.
Abgesperrte Grenze auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.
Abgesperrte Grenze auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Der Schweizer Schriftsteller Christian Haller (rechts auf der Terrasse) gibt vom deutschen Laufenburg aus ein Interview. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Alex Spichale / MAN

Laufenburg, Aargau

Der Schweizer Schriftsteller Christian Haller (rechts auf der Terrasse) gibt vom deutschen Laufenburg aus ein Interview. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Der Schweizer Schriftsteller Christian Haller (rechts auf der Terrasse) gibt vom deutschen Laufenburg aus ein Interview. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Alex Spichale / MAN

In Laufenburg, einem Städtchen am Rhein, steht eine Burgruine auf dem Schlossberg, seit 800 Jahren bald. In der umliegenden Altstadt sind die Gassen eng und gepflastert. Neben dem Laufenplatz unten am Rhein liegt die Brücke aus Stein, über die Christian Haller sonst jeden Tag geht, von Deutschland in die Schweiz, hin und her, ganz selbstverständlich.

Doch jetzt winkt der Schriftsteller aus der Ferne, von drüben, der deutschen Seite des Flusses. Zwei Monate schon wartet Haller dort darauf, dass er sich wieder so bewegen kann, wie er das gewohnt ist. Und auch wenn es schon sehr bald so weit sein könnte, wird doch etwas bleiben von dieser Zeit, in der es plötzlich wieder eine Grenze gab in seiner Stadt. Die letzten Wochen, sagt Haller ins Telefon, hätten an seinem Urvertrauen gerüttelt, nicht mehr und nicht weniger.

Abgesperrte Brücke zwischen Laufenburg (CH) und Laufenburg (D). Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Abgesperrte Brücke zwischen Laufenburg (CH) und Laufenburg (D). Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Alex Spichale / MAN

Der 77-Jährige sitzt im Arbeitszimmer seines Hauses auf der Schweizer Seite von Laufenburg, als Mitte März passiert, was er noch heute «unvorstellbar» findet: die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz geht zu. Bevor die Grenzwächter einen Zaun auf die Laufenbrücke zerren, packt Haller ein paar Sachen zusammen und geht hinüber in den deutschen Teil, wo seine Partnerin lebt. Die beiden ahnen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie knapp einem Schicksal entrinnen, das hunderte andere unverheiratete Paare entlang der Grenze bald ereilt: die wochenlange Trennung.

Haller ist nun zwar bei seiner Partnerin, er muss nicht alleine durch die Krise. Doch der Weg zurück in die Schweiz bleibt versperrt. Zweimal bescheinigen ihm die Zöllner an der Grenze, dass er schon hinüber dürfe. Aber eben nicht zurück. Haller erzählt, er habe Schikanen erlebt und Machtdemonstrationen. Und vor allem eines vermisst: Flexibilität. Und ein Gespür für den richtigen Ton. «Autorität ist eben verführerisch», sagt er.

Eine binationale Beziehung, auch eine ohne Trauschein, könnte schon ab morgen wieder zum Grenzübertritt berechtigen. Christian Haller kann dann wieder in sein Haus, in sein Arbeitszimmer, zurück zu Büchern und Unterlagen, die ihm fehlten, weil er gerade seinen neuen Roman lektoriert. Doch die Coronazeit wird eine bittere Erfahrung zurücklassen. Es war einst Napoleon, der 1801 mitten durch Laufenburg eine Grenze zog. Christian Haller sagt, das Städtchen sei in den letzten Jahrzehnten zusammengewachsen. Dass man es jetzt wieder geteilt hat, ohne Rücksicht auf den kleinen Grenzverkehr, hat den Schriftsteller «zutiefst schockiert».

Barzheim, Schaffhausen

Bauer Christoph Brütsch, Barzheim/Thayngen, steht bei einer gesperrten Strasse, die eigentlich zu seinem Land auf deutschem Boden führen sollte. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Bauer Christoph Brütsch, Barzheim/Thayngen, steht bei einer gesperrten Strasse, die eigentlich zu seinem Land auf deutschem Boden führen sollte. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Alex Spichale / MAN

Christoph Brütsch ist ein Mann, der gerne Geschichten erzählt, und wenn er fertig ist, lacht er laut heraus. Zum Beispiel die von den Töfffahrern, die sich eines Tages einen Spass daraus machten, den Grenzwächtern über die Felder davonzujagen. Dann wieder auf sie zu warten. Und so weiter. Oder die vom Auto der Schweizer Grenzwache, das tagelang unbemannt in der Nähe seines Hofs stand, zur Abschreckung. Man könnte dann meinen, dass das alles ein Riesenspass ist mit der geschlossenen Grenze. Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Brütsch steht auf einem Feldweg am Rand vom Barzheim, einem Nest, das hoch oben im Norden der Schweiz liegt, am äussersten Rand, wo Deutschland ganz nah ist. Der 39-Jährige schaut auf den Betonblock, den die Schweizer Grenzwache vor ein paar Wochen hier auf die Strasse gestellt hat. Und sagt, dass er damals zuerst an seinen Grossvater gedacht habe und die Erzählungen vom Stacheldraht, der sich während des zweiten Weltkriegs durch die Felder spannte.

Die Familie von Christoph Brütsch bewirtschaftet seit vielen Generationen Land, das auf beiden Seiten der Grenze liegt. Als die vor ein paar Wochen zuging, überkam Brütsch ein mulmiges Gefühl. Tag für Tag kam damals ein weiterer Feldweg dazu, den Brüsch nicht mehr befahren konnte, weil dort plötzlich eine Strassensperre stand.

Die war zwar nicht gegen die Landwirte gerichtet, sondern gegen Autofahrer, die über die grüne Grenze fahren wollten. Und doch brach unter den Bauern in Barza, wie sie ihr Dorf nur nennen, helle Aufregung aus. Man tauschte Whatsapp-Nachrichten aus, verschickte Fotos. Jeder von ihnen hat Land auf der anderen Seite. Und jeder von ihnen stellte sich die gleiche Frage wie Christoph Brütsch: Was, wenn uns die Deutschen nicht mehr rüberlassen?

Unterdessen haben sich die Dinge geklärt. Brütsch trägt nun stets einen Passierschein der deutschen Bundespolizei mit sich, wenn er über die Grenze fährt. Seine Fahrten aber sind holpriger und länger geworden, weil er jetzt auf die kleinen Wege ausweichen muss.  

Wenn man den Schaffhauser fragt, ob er verstehe, was da gemacht wurde, Grenzen sperren, um ein Virus einzudämmen, dann sagt er nur: «Nach dieser Logik müsste man auch die Verkehrswege ins Tessin oder die Westschweiz absperren». Doch Brütsch hat in diesen Tagen gelernt, dass nicht immer alles logisch ist. Und der zweifache Vater und seine Frau haben noch etwas gelernt: zu schätzen, was ihnen selbstverständlich schien. Das Grillen am Lieblingsort, der auf der deutschen Seite liegt. Oder die Joggingrunden ohne die Angst vor dem versehentlichen, verbotenen Grenzübertritt.

Kreuzlingen, Thurgau

Abgesperrte Grenze auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Abgesperrte Grenze auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Alex Spichale / MAN

Wenn Thomas Niederberger erzählt, wo man überall berichtet hat über sein Kreuzlingen, dann schaut er etwas ungläubig. «New York Times, BBC, das russische Fernsehen, Wahnsinn», sagt er. Seit 2018 ist Niederberger Stadtpräsident von Kreuzlingen, viele Jahre war er zuvor Stadtschreiber, und nie im Leben hätte er gedacht, dass es für ihn einst nur noch ein Thema geben könnte: einen Zaun, der Kreuzlingen von Konstanz trennt, zwei Städte, von denen Niederberger sagt, sie seien verwachsen, eins geworden. Auch wenn sie in zwei Ländern liegen.

Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger steht am Grenzzaun auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Der Kreuzlinger Stadtpräsident Thomas Niederberger steht am Grenzzaun auf Klein Venedig. Reportage von der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland während der Coronakrise, 13. Mai 2020.

Alex Spichale / MAN

Doch jetzt ist der Zaun da, seit Anfang April gar doppelt, weil die Menschen sich vorher immer noch zu nahe kamen. Die Bilder von Paaren, die sich am Zaun treffen, gingen um die Welt. Sie haben Niederberger weh getan. Hunderte Mails hat er in den letzten Wochen von Paaren bekommen, die sich plötzlich nicht mehr sehen durften, viele davon «gehässig bis kritisch». Niederberger sagt, er habe jedes beantwortet. Und gelernt, dass es den Leuten egal ist, wer die Grenzschliessungen beschlossen hat. «Am Ende kommt der dran, der am nächsten ist», sagt er.

«Die Leute glaubten, ich könne Passierscheine ausstellen», sagt er. Dabei haben ihm die letzten Wochen vor allem eines vor Augen geführt: die eigene Machtlosigkeit. Zusammen mit seinem Konstanzer Amtskollegen Uli Burchardt, den er nur «den OB», den Oberbürgermeister, nennt, kämpft er schon lange dafür, dass die Grenze wieder aufgeht. Doch entschieden wird das in Bern und Berlin, und dort war der Grenzzaun zwischen Kreuzlingen und Konstanz lange eines der kleineren Probleme. Jetzt steht der 15. Juni als Öffnungstermin, zumindest vorläufig, und damit gibt sich Niederberger zufrieden - auch, weil schon für morgen Lockerungen für binationale Paare versprochen wurden.

In Konstanz ist man da kritischer. Der 50-Jährige betont in diesen Tagen oft und gerne, wie sehr Konstanz und Kreuzlingen zusammengehörten. Dass etwa der Einkaufstourismus in der Vergangenheit durchaus auch für böses Blut gesorgt hat, ist in den Hintergrund gerückt. Jetzt, sagt Niederberger, gelte es ein Fest zu feiern, sobald alles wieder wie früher sei. Und was passiert, wenn im Herbst die zweite Welle kommt? Niederberger schüttelt nur den Kopf. Daran mag er nicht denken.