Italien
Die Grillen in unseren Köpfen

Das Phänomen Beppe Grillo in Italien geht weit über Komik hinaus. Grillo mobilisiert das Volk, er kämpft mit diffuser Symbolpolitik gegen das System. Im Wochenkommentar erklärt Gieri Cavelty, stv. Chefredaktor der «Nordwestschweiz», was Grillos Wahlerfolg mit der Schweiz verbindet.

Gieri Cavelty
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Gieri Cavelty

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Nordwestschweiz

Italien wirkt wie der Schauplatz eines Batman-Films. Bloss ist hier alles noch viel schlimmer: Im Belpaese wüten gleich zwei Joker-Figuren. Da hat insbesondere die Europäische Zentralbank der Politik mit allen erdenklichen Kniffen etwas Luft verschafft, um die tieferen Ursachen der europäischen Finanzkrise angehen zu können – und da haben die Italiener nur Grillen im Kopf und legen das Politsystem lahm. Bei den Wahlen zu Wochenbeginn haben sie mehrheitlich für Silvio Berlusconi und Beppe Grillo gestimmt: für zwei – so die Sicht nördlich der Alpen – Politclowns, die sich spinnefeind sind. Kein rettender Batman ist in Sicht, Super-Mario Monti wurde an den Urnen politisch zu Grabe getragen, Italiens Zukunft steht in den Sternen.

Zumindest das Phänomen Giuseppe Grillo verdient aber doch eine Betrachtung, die über die Sprache des Comics hinausgeht. Denn das Attribut «Komiker», welches dem Namen des Genuesers überall wie selbstverständlich vorangestellt wird, greift zu kurz. Der 64-Jährige ist fast schon sein halbes Leben lang politisch aktiv: In den Achtzigerjahren fuhr er als Kabarettist dem sozialistischen Premier Bettino Craxi an den Karren, wurde darum aus dem staatlichen Fernsehen verbannt. Grillo ist ein Internet-Aktivist der ersten Stunde, mithin ein Vorbild der Piraten-Bewegungen weiter nördlich. Über seinen Blog mobilisiert er seit Jahren die Massen, organisiert in schöner Regelmässigkeit spektakuläre politische Aktionen. 2005 etwa erzwang er den Rücktritt des Direktors der italienischen Notenbank. Am V-Day zwei Jahre danach (V für «Vaffanculo» – «Leck mich») versammelte er zwei Millionen Italiener auf den Strassen von 250 Städten, um gegen die korrupten Politiker zu demonstrieren.

Mit diesem Kampf gegen ein in der Tat mit fragwürdigen Figuren durchsetztes Establishment ist Grillo das Gesicht eines Neo-Populismus, der sich von jenem Rechtspopulismus unterscheidet, der sich in Europa längst etabliert hat. Fremdenfeindlichkeit gehört nicht zu Grillos Repertoire. Obwohl auch bei den Grillini obskure Ansichten populär sind: Grillos Vertrauter etwa, sein Webmaster Gianroberto Casaleggio, verbreitet im Netz beängstigende Visionen von einem Dritten Weltkrieg als Wegbereiter eines goldenen Zeitalters von Frieden, Freude und Internet-Demokratie.

Der Schweiz können die Vorgänge im Nachbar- und Euroland Italien selbstredend ganz grundsätzlich nicht gleichgültig sein. Darüber hinaus gibt allerdings noch dies: Im April 2007 forderte Beppe Grillo als Vertreter von Kleinaktionären an der Generalversammlung der Telecom Italia den Rücktritt des Vorstandes. Einige Monate später hatte ein anderer Mann an der GV der UBS einen ähnlich famosen Auftritt: Thomas Minder. Sechs Tage nach Grillos Wahlerfolg nun dürfte Minder am morgigen Abstimmungssonntag seinerseits über das Establishment triumphieren. Und wer die Sache nüchtern betrachtet, erkennt auch in Minders Abzocker-Initiative ein diffus-populistisches Ventil, wie es die Grillo-Bewegung als Ganzes darstellt. Jedenfalls verdankt die Initiative den erwarteten Erfolg zwei Umständen: den effektiv existierenden Missständen in der Vergütungspolitik einiger grosser Firmen, noch sehr viel mehr aber ihrem Namen. «Abzocker» tönt fast schon so klangvoll-aggressiv wie «Vaffanculo». Der Inhalt der Vorlage dagegen spielt in der Debatte keine Rolle und dürfte nur einer Minderheit der Stimmenden geläufig sein.

Gewiss: Minder ist nicht Grillo. Das Abzocker-Beispiel zeigt indes: Für diffuse Symbolpolitik kann man sich hierzulande ebenfalls erwärmen. Dies sollte wenigstens mitbedenken, wer jetzt mit Blick auf Italien Obelix bemüht und ruft: Die spinnen, die Römer!