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Die italienische Schweiz ist zurück

Erster Auftritt Während Jahren war die italienische Sprache bei Medienkonferenzen von Bundesräten nur selten zu hören. Ignazio Cassis machte gleich nach seiner Wahl in die Landesregierung klar, dass sich das mit ihm ändern wird. Der erste Tessiner Bundesrat seit 18 Jahren spricht ausgezeichnet Deutsch und Französisch, den ersten Auftritt vor den Bundeshausmedien eröffnete Cassis aber in Italienisch. Und auch wer der Sprache des Südkantons nicht mächtig ist, der wusste, was der 56-Jährige ausdrücken wollte, als er von einem «momento di festa» sprach. Als Nationalratspräsident Jürg Stahl das Wahlresultat verkündet habe, da sei eine Last von seinen Schultern gefallen. Die persönliche Enttäuschung bei einer Nichtwahl hätte er verkraften können, so Cassis, schwieriger wäre die Enttäuschung einer ganzen Sprachregion zu lindern gewesen.

Es drehte sich also vieles um die Herkunft des neuen Bundesrats. Als Cassis aber gefragt wurde, welche Anliegen des Tessins er in die Landesregierung einbringen wolle, da haute er kurz auf den Tisch: «Diese Frage wird den Deutschschweizer Bundesräten nie gestellt. Hören Sie doch mal auf.» Eine Antwort gab Cassis dann doch: Ein Tessiner Bundesrat bringe neben der italienischen Sprache das Gespür für ein Sprachgebiet mit besonderer Lage sowie das Know-how für Verhandlungen mit Italien mit. «Es wäre für die Deutschschweizer undenkbar, dass die Schweiz mit den Deutschen in Berlin in Englisch verhandelt.» Im Verhältnis mit Italien sei dies aber akzeptiert. «Das zeigt, wie wahnsinnig gross das Unverständnis für die Italianità als Bestandteil der Schweiz ist.»

Welchem Departement er vorstehen wird, weiss Cassis erst am Freitag. Frei wird das Aussendepartement und damit die Verantwortung für die Verhandlungen mit der EU. Auf seine Haltung zum vom Bundesrat angestrebten Rahmenabkommen angesprochen, sagte der neue FDP-Bundesrat: «Das Wort Rahmenabkommen ist vergiftet. Man muss den Mut haben, eine Auslegeordnung und einen Neustart zu machen.» Klar sei für ihn und seine Partei, dass der bilaterale Weg konsolidiert und ausgebaut werden müsse.

Schliesslich wurde Cassis noch gefragt, wie er das Bundesratsamt und sein Privatleben im Gleichgewicht halten wolle. Dies in Anlehnung an Vorgänger Didier Burkhalter, der bei seiner Rücktrittsankündigung die Last des Bundesratsdaseins herausgestrichen hatte. Die Antwort des Tessiners war entwaffnend ehrlich: «Keine Ahnung. Das werden wir sehen, ich habe erst vor zwei Stunden ­begonnen.» Dann war sie vorbei, die «schönste Medienkonferenz im Leben eines Bundesrates», wie Cassis einleitend gesagt hatte.

Schnelle Entscheidung

Sein grosser Tag hatte für Cassis mit viel Liebe begonnen. Kaum war er kurz vor acht Uhr in den Nationalratssaal getreten, da wurde er schon bestürmt. Erhielt Küsschen von den Frauen und Schulterklopfer von den Männern. Jemand drückte ihm sogar ein Geschenk in die Hand, ganz so, als wäre er schon gewählt. Und tatsächlich ging dann alles schnell, so schnell, wie man das vorausgesagt hatte. Und so schnell, wie Cassis sich das bestimmt gewünscht hatte. Denn an diesem Morgen hatte im Bundeshaus niemand mehr zu verlieren als er, der als haushoher Favorit ins Rennen ging – und dazu noch die Hoffnungen eines ganzen Landesteils auf seinen Schultern trug. Schon am Vorabend waren in den Restaurants der Hauptstadt viele Tessiner unterwegs gewesen. Nun standen sie draussen auf dem Bundesplatz, trugen blau-rote Ballons und Fahnen in den Händen – und hofften, dass Cassis gewählt würde.

Sie sollten ihren insgesamt achten Bundesrat bekommen. Nur zweimal mussten die Ratsweibel ihre Boxen an diesem Tag der Entscheidung durch den Rat tragen, um die Stimmzettel einzusammeln. Als Nationalratspräsident Stahl um Viertel nach neun die Ergebnisse des zweiten Wahlgangs verlas, begann er mit «gewählt ist». Sekunden später trug Ignazio Cassis ein Lächeln im Gesicht, dass er an diesem Tag nicht mehr ablegen sollte. Dann schritt der Tessiner ans Rednerpult, um das Amt anzunehmen und den Schwur zu leisten. Und er setzte dabei ein weiteres Zeichen für die italienische Schweiz. «Lo giuro», sagte Cassis, nachdem ihn Ratspräsident Stahl aufgefordert hatte, «ich schwöre es» zu sagen.

Nur ein paar Meter entfernt von ihm, aber eben ein paar Meter weiter oben, auf der Tribüne des Nationalratssaals, freute sich seine Frau Paola mit den angereisten Tessiner Regierungsmitgliedern. Es sollte noch ein wenig dauern, bis Cassis seine Frau zum ersten Mal als Bundesrat in die Arme schliessen konnte. Zuerst warteten die neuen Kollegen in der Regierung im Salon du Président im Bundeshaus West auf ihn. Später, als Cassis unter «Ignazio, Ignazio»-Rufen auf den Bundesplatz trat, versank der kleingewachsene Tessiner nahezu im Meer aus Kameras und Mikrofonen. «Jetzt lasst mich ein wenig feiern», rief er irgendwann.

Bis es tatsächlich so weit war, musste er sich noch ein wenig gedulden. Der Nachmittag war bereits angebrochen, da stiess Cassis unter tosendem Applaus zum Apéro der FDP. Als er in den Saal trat, hielt er ein Weinglas hoch über den Kopf. Später stand der neue Bundesrat eine Weile mit seinem Vorgänger zusammen. Didier Burkhalter hatte eben auch aufgehört, weil ihm alles zu viel geworden war, und vielleicht ging es beim Gespräch genau darum: wie man es schaffen kann, als Bundesrat der Gleiche zu bleiben – so, wie Cassis das gestern immer wieder versprochen hat.

Tobias Bär und Dominic Wirth

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