Die Kalten Krieger halten nichts von Kampfjets – sie wollen Raketen

Eine Gruppe von alten Armeeveteranen will Raketen statt neue Kampfjets. Diese seien im Ernstfall nutzlos.

Henry Habegger
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Die TIGER F5 sollen ausgemustert werden.

Die TIGER F5 sollen ausgemustert werden.

Quelle: keystone

«Es ist ein vollkommener Blödsinn, Raketen in der Luft herumfliegen zu lassen, bis man sie endlich abschiessen kann.» Sagt Fridolin Vögeli, 77, pensionierter Elektroingenieur ETH aus Wetzikon ZH, als Major einst Kommandant eines Infanteriebataillons in Stein am Rhein an der Grenze. Vögeli gehört zu einer kleinen Gruppe von «Militärköpfen», wie sie sich nennen, aus der verblichenen Armee 61 aus dem Kalten Krieg, 75 bis 85 Jahre alt. Selbst alte Divisionäre gehörten, heisst es, zur Diskussionsrunde, aber die wollten ihre Namen nicht nennen, weil sie sonst angefeindet würden.

Als junge Ingenieure konnten Vögeli und seine Mitstreiter in den Sechzigerjahren «Fliegerabwehr und Raketenabwehr in England und den USA evaluieren», sie arbeiteten an Raketenprojekten mit, einer war bei Bührle. In den Lobgesang auf Kampfjets wollen sie partout nicht einstimmen. Im Gegenteil. Sie wollen keine Kampfjets, sondern eine flächendeckende Flieger- und Raketenabwehr vom Boden, wie weiland in der Armee 61 mit «Florida» und den «Bloodhound»-Raketen. Kronzeuge der Gruppe Vögeli ist ein US-General, Militärpilot und Korea-Veteran, der in den Achtzigerjahren für die US Army neue taktische Systeme entwickelte. Er erklärte den Schweizern, als es um den Kauf der F/A-18 ging: Als Luftwaffen-General würde er keinen seiner 100 Millionen Dollar teuren Flieger in den lückenlos überwachten Schweizer Luftraum schicken, weil er mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent von den «nur» 1 Million teuren Schweizer Flab-Raketen abgeschossen würde.

«Untauglich», um ein Land wie Schweiz zu verteidigen

Für die Schweizer ist spätestens seit da klar, dass eine Fliegerabwehr vom Boden den besten Schutz bietet. Vögeli: «Kampfflugzeuge braucht man, um über 1000 Kilometer Raketen oder Bomben ins feindliche Gebiet zu bringen – wie das derzeit die Israeli im Iran machen.» Um ein Land wie die Schweiz zu verteidigen, seien sie praktisch untauglich. Nach spätestens vier Wochen, das schreibe das VBS in seinen Papieren selbst, blieben im Ernstfall die 40 neuen Kampfjets, noch ohne Feindkontakt, am Boden – wegen ihrer begrenzten Durchhaltefähigkeit. Vögeli hält es für «obszön, 200 Millionen für einen einzigen dieser Jets auszu- geben».

Eine Fliegerabwehr vom Boden dagegen, mit ihren auch heute «nur» zwei bis drei Millionen teuren Raketen, könnte ungleich länger durchhalten. Dank dem System, wie «Florida» eines war, von Experten der US Army damals als «beste Luftverteidigung der Welt» bezeichnet. Mit ihren sechs permanenten Stellungen, verteilt über das Mittelland, mit 68 Werfern, die sich gegenseitig schützen konnten. Mit einer Waffenreichweite von 160 Kilometern und einer Einsatzhöhe von 300 Metern bis 24 Kilometern. Die Amerikaner hätten danach selbst ein System nach dem Schweizer Vorbild gebaut.

Die Veteranen klingen in der Kampfjetfrage fast wie Armeeabschaffer. Sie sind das Gegenteil: Sie wollen wieder eine grösser Armee, eine richtige Milizarmee, wie die Armee 61 eine war. Alles nur Nostalgie, überholt von der Zeit? Die Auslangslage, die Waffensysteme hätten sich in den wesentlichen Faktoren nicht entscheidend verändert, so Vögeli. Er war in den Sechzigerjahren an der ETH Assistent von Professor Ernst Baumann, der 1965 im Auftrag des Bundesrats die offerierten Systeme für das neue Luftverteidigungsleitsystem Florida evaluierte, sie auf seine Machbarkeit prüfte und das Projekt danach leitete. Auch um «Florida» gab es damals Streit, die Kritiker kamen aber damals aus der SP. Sie wollten eine billigere und wirksamere Lösung.

Gerne könnte es die S-400-Rakete der Russen sein

Ironie der Geschichte: Heute will die SP eine grössere Boden-Luft-Abwehr (Bodluv) und keine schweren Kampfjets. Und Vögeli und seine Mitstreiter wollen die «alte» Fliegerabwehr zurück. Für 1–2 Milliarden, glaubt er, ist ein wirksamer flächendeckender Schutzschirm zu haben, mit Hunderten von Raketen. «Ein Raketensystem wie in der Armee 61. Die Standorte, die Infrastrukturen haben wir ja.» Gerne könne auch die russische S-400-Rakete beschafft werden, die offenbar Tarnkappenbomber abschiessen kann. Aber da ist ja noch die Luftpolizei.

Vögeli zeigt sich unbeirrt: Dafür reichten die alten F/A-18 noch lange. Und an die Luftpolizei glaubt er ja ohnehin nicht. Ein modernes Flugzeug habe heute ein System, das immer genau wisse, wo es sich befinde. Man müsse also nicht hochsteigen, um ihm zu sagen, dass es falsch fliege. Und: «Man kann ein Gebiet absperren, beispielsweise den Luftraum über Davos, und wenn ein Flugzeug trotzdem reinfliegt, trotz Warnungen, dann schiesst man halt einmal eines mit den Boden-Luft-Raketen oder Flab-Kanonen ab.» Klingt brutal. «Macht man denn mit Kampfflugzeugen etwas anderes?», gibt Vögeli zurück. «Die Raketen kann man gerade so gut vom Boden aus abfeuern, nur kommt das viel billiger.»