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Flugverbote an Mittelschulen: Halten sich die Jungen an das, was sie selber fordern?

Die Schülerproteste haben Klimaschutz und Flugverbote zum Thema gemacht. Am Freitag folgen die nächsten Demonstrationen. Nur: Halten sich die Jungen an das, was sie selber fordern?
Yannick Nock
Eine Jugendliche auf dem Weg zu einer Klimademonstration. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone, Bern, 2. Februar 2019)

Eine Jugendliche auf dem Weg zu einer Klimademonstration. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone, Bern, 2. Februar 2019)

Barcelona, Amsterdam oder London? Es ist gar nicht so lange her, da waren Reisen mit dem Flugzeug schon einmal Thema unter Schweizer Maturanden. 2016 verbot die Schulleitung eines Bieler Gymnasiums die Maturareise per Flieger. Nur Zug oder Car waren erlaubt. Der Grund: Die Jugendlichen sollten so mehr von der Landschaft mitbekommen.

Heute stehen kurze Flugreisen von Maturanden noch immer zur Debatte. Doch es geht um mehr, als bloss die Landschaft: Es geht um das Gewissen, das Klima, die Zukunft. Wie stark zerstören Kurzflüge die Umwelt? Wie sehr tragen sie zur globalen Erwärmung bei? Und was kann jeder Einzelne tun?

Seit Monaten protestieren Schüler im ganzen Land für den Klimaschutz. Sie marschieren durch die Strassen, um von der Politik Taten zu fordern, egal ob in der Wandelhalle des Parlaments oder in den eigenen vier Wänden. Am Freitag steht der nächste grosse Protest an. In mehreren Schweizer Städten werden Tausende Demonstranten erwartet. Nur: Leben die Schülerinnen und Schüler auch vor, was sie von anderen einfordern?

Keine Flüge innerhalb von Europa mehr

Eine Umfrage dieser Zeitung an Gymnasien in verschiedenen Kantonen zeigt einen klaren Trend: Viele Maturanden lassen ihren Worten tatsächlich Taten folgen. Einerseits verzichten die Jungen auf den Flieger. Die Generation Easy-Jet steigt freiwillig auf den Zug um. Auf der Maturareise nach Budapest hätten sie bewusst den Nachtzug genommen, sagt beispielsweise eine Gruppe Maturanden der Kantonsschule Baden (AG). «Innerhalb Europas fliege ich kaum mehr», ergänzt der 19-jährige Fabio. Er und seine Mitschüler stehen stellvertretend für Hunderte Maturanden, die an den Protesten mitmarschieren.

Andererseits haben auch die Schulen selbst reagiert: Die Mehrheit berichtet von neuen Regeln oder zumindest Empfehlungen. «Unsere Schule hat im September beschlossen, bei Maturareisen auf das Fliegen zu verzichten», sagt Elisabeth Schenk, Rektorin des Gymnasiums Kirchenfeld (BE). Bereits davor sei die Mehrheit der Klassen von sich aus auf den Zug umgestiegen. Ausnahmen gab es nur, wenn es in weit entfernte Städte wie Edinburgh oder Riga ging. Die Kantonsschule Wattwil (SG) hat für Kurse und Schwerpunktwochen ebenfalls ein Flugverbot verhängt. Ähnlich sieht es an den Kantonsschulen Glarus, Küsnacht (ZH) und am Gymnasium Leonhard (BS) aus. Andere stecken mitten in der Flugdebatte. Beispielsweise finden am Gymnasium am Münsterplatz (BS) und an der Kantonsschule Ausserschwyz derzeit Gespräche zwischen der Schulleitung, den Lehrern und den Jugendlichen statt. «Verbote machen Sinn, wenn vorher eine Debatte stattgefunden hat», sagt Rektor Martin von Ostheim. Es gebe Klassen, die Bildungsreisen nur noch mit dem Zug durchführen wollten.

Eine unbequeme Generation tritt aufs politische Parkett

Dass viele Schüler vorangehen, ist kein Zufall. Die grösste Jugendbewegung seit Jahrzehnten ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Mit ihr tritt eine neue Generation aufs politische Parkett, die fordernd, unbequem und rebellisch ist. Während vor einigen Jahren noch seitenlange Essays darüber geschrieben wurden, wie sich die apolitische Jugend «von der Demokratie verabschiedet» und sich in ein «bünzliges Privatleben» flüchtet, ist dies nun anders. «Die heutige Jugend begehrt gegen die herrschenden Strukturen auf, ähnlich wie es die 68er getan haben», sagt Lukas Golder, Experte für Jugendforschung und gesellschaftliche Entwicklung am Forschungsinstitut gfs Bern.

Die Digital Natives setzen nicht mehr nur auf Likes im virtuellen Raum, sondern auch aufs Megafon auf der Strasse. Golder sagt, dass viele Schülerinnen und Schüler nicht nur Veränderung fordern, sondern ihre Überzeugungen auch vorleben würden. Das gelte besonders für Maturanden, die in den Schülerprotesten eine entscheidende Rolle einnehmen. «Sie sind affiner für grüne Anliegen.» Der Verzicht auf Kurzstreckenflüge sei ein Indikator dafür, selbst wenn nicht alle Jugendlichen auf das Fliegen verzichten möchten, wie eine gestern im «Blick» publizierte Umfrage zeigt. Dennoch könnte die Veränderung durchaus anhalten. «Die Wertvorstellungen, die sich in der Jugend bilden, bleiben oft ein Leben lang stabil», so Golder.

Auffallend für die heutige Generation ist laut Golder, dass sie sich – ähnlich wie die 68er – an globalen Themen reibt. Der Umweltschutz sei heute, was früher der Vietnamkrieg oder die Atomwaffen waren. Auch die Ikonen der Bewegung seien nun international. Die Schwedin Greta Thunberg, eine 16-Jährige mit Asperger-Syndrom, führt die Proteste weltweit an – den sozialen Medien sei Dank. Und die Schüler wissen mit den neuen Plattformen umzugehen. «Die Trends setzen heute die Jungen», sagt Golder. Ihnen gelänge es, selbst klassische Medien für sich zu gewinnen. Längst haben Institutionen wie die ETH und andere Universitäten nachgezogen. Sie schränken die Flugreisen ihrer Mitarbeiter ein. Die Forscher selbst haben soeben ein Manifest publiziert, um sich mit den Jungen zu solidarisieren. «Die Klimajugend ist nicht naiv und weltfremd», heisst es darin.

Ist Klimaschutz nur etwas für Profis?

Das scheint auch die Politik erkannt zu haben, die ganz auf das Umweltthema setzt: «Der Klimawandel wird eines der wichtigsten Wahlkampfthemen diesen Herbst sein», sagt Lukas Golder. Bestes Beispiel sei die FDP, die sich den Klimaschutz nun ebenfalls auf die Fahne schreiben will.

Wer nicht mitzieht, erntet Kritik. Das musste am Wochenende der deutsche FDP-Chef Christian Lindner erfahren, der die Schülerproteste mit nur einem Satz abtat: «Klimaschutz ist was für Profis.» Die Empörung war so gross wie vorhersehbar: Lindner erntete einen Shitstorm. Andere Politiker halten sich zurück. Sie haben erkannt, dass die Schüler eine Bewegung losgetreten haben, die noch lange anhalten dürfte. Der nächste Akt folgt am kommenden Freitag – dann wird die Klimajugend wieder ein Flugverbot für Kurzstrecken fordern.

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