«Die Kräfte lassen nach»: Christoph Blocher kündigt Rückzug aus der Politik an

Am Sonntag feiert SVP-Übervater Christoph Blocher seinen 80. Geburtstag. Doch das Alter geht nicht spurlos am Aushängeschild der Sünneli-Partei vorbei.

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Bei SVP-Übervater Christoph Blocher schwinden die Kräfte.

Bei SVP-Übervater Christoph Blocher schwinden die Kräfte.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Update: Christoph Blocher hat gegenüber CH Media verneint, dass er sich aus der Politik zurückziehen wird. Blocher stellt die Meldung eines «10 vor 10»-Redaktors als falsch dar. «Aus der Parteipolitik ziehe ich mich zurück, nicht aber aus der Politik», sagt er. «Ich werde dazu beitragen, den Rahmenvertrag mit der EU zu versenken», meinte der Parteivater der SVP ausserdem. Christoph Blocher feiert am kommenden Sonntag seinen 80.Geburtstag. Die Sendung «10 vor 10» strahlt am Freitagabend aus diesem Anlass einen Beitrag über ihn aus.

(watson.ch/amü) «Ich merke, meine Kräfte lassen nach. Etwa das Gedächtnis», sagt der alt Bundesrat in einem vorab auf Twitter publizierten Interviewausschnitt mit SRF-«10vor10.» Er wolle sich nun wirklich aus der Politik zurückziehen.

Ins Tagesgeschäft mische er sich kaum mehr ein. Die Jungen müssten jetzt übernehmen. «Das ist eine neue Epoche, die hier kommt». Im Unternehmen habe er das auch so gemacht. Er habe sich voll zurückgezogen und gesagt: «Jetzt geht ihr – fertig.»

Weiter sagt er laut dem SRF-Reporter, dass die SVP in nächster Zeit keine weitere Initiative zur EU lancieren werde. Bislang galt das Büro von Blocher an seinem Wohnsitz in Herrliberg als inoffizielle Parteizentrale der SVP. Zuletzt hat Blocher etwa den neuen SVP-Präsidenten Chiesa ins Amt gehievt.

Nachhaltig geschadet hat ihm jüngst die Diskussion um das Ruhegehalt, welches der alt Bundesrat im Juli nachträglich einforderte. «Christoph Blocher quält uns, bis wir wieder auf 10 Prozent unten sind. Er sollte endlich loslassen. Aber er schafft das nicht», sagte ein SVP-Nationalrat jüngst zu CH Media.

Nun will Blocher kürzertreten. Denn man kenne die Macken der alten Leute. «Sturheit etwa. Da muss man rechtzeitig die Weichen stellen», so Blocher weiter.

Im Interview spricht Blocher auch über seinen Tod. Man müsse bescheiden bleiben. «Das hört dann auch mal auf und nicht meinen, das Leben gehe immer weiter.»

Blocher (geboren 11. Oktober 1940) wuchs als siebtes von elf Kindern in Laufen (ZH) auf. Sein Ururgrossvater war als Pädagoge aus dem Königreich Württemberg eingewandert. Christoph Blocher mit seiner Mutter Ida 1992.
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1969 schloss er sein Studium in Rechtswissenschaften mit dem Lizenziat ab. Im selben Jahr trat er in die Rechtsabteilung der Ems-Chemie AG ein. Bereits als Student war Blocher politisch aktiv. Er gründete die bürgerliche Studentengruppe "Studentenring" an der Universität Zürich mit.
1971 ging die SVP aus der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) und der Demokratischen Partei (DP) der Kanton Graubünden und Glarus hervor. Als ursprünglich rechtsbürgerlich-konservative Partei wandelte sie sich ab den 1980er Jahren unter der inffoziellen Führung Blochers in eine rechtspopulistische Volkspartei. Blocher wurde 1979 in den Nationalrat gewählt. 1987 kandidierte er auch für den Ständerat, scheiterte jedoch an seiner Mitbewerberin Monika Weber. (LdU)
Im Dezember 1980 steht Blocher (im Bild mit seiner Frau Silvia) wegen Veruntreuung vor dem Zürcher Obergericht. Dem Chef der EMS-Chemie wird vorgeworfen, Aktien, die nicht in seinem Besitz waren, verkauft zu haben.
1986 gründete Blocher die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (AUNS) mit und präsidierte sie bis 2003. Die AUNS ging aus dem Aktionskomitee gegen den UNO-Beitritt hervor. Stellungnahme des Aktionskommittees gegen den UNO-Beitritt der Schweiz mit Otto Fischer, Hubert Reymond und Christoph Blocher, von links nach rechts, an einer Pressekonferenz im Februar 1986 in Bern.
Aufwärtstrend bei der SVP: Ab Mitte der 1980er Jahre gewann die Partei zunehmend an Wählerstimmen.
Christoph Blocher zum 80sten
Blocher mit seiner Frau Silvia und Parteikollege Ueli Maurer während der Nationalratswahlen 1995. Maurer wurde 1991 in den Nationalrat gewählt.
Mit der geborenen Silvia Kaiser hat Christoph Blocher vier Kinder.
Familie Blocher: Mutter Silvia, Markus, Miriam, Rahel, Vater Christoph und Magdalena (Im Uhrzeigersinn).
1992 stellte sich die SVP als einzige Regierungspartei gegen einen Schweizer Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Mit einer knappen Mehrheit gewannen sie die Abstimmung. Für Blocher ein enormer Prestigesieg.
Blocher stand 1537 Tage im Dienst der Schweizer Armee. Zuletzt stand er als Oberst dem Luftschutz-Regiment 41 vor. 1992 übergab er das Kommando an seinen Nachfolger.
Bei den Parlamentswahlen 1999 erreichte die SVP im Nationalrat einen Erdrutschsieg: Die Partei gewann 15 Sitze und wurde von der viertgrössten zur stärkten Partei.
Jubel bei der SVP: Blocher schafft 2003 die Wahl in den Bundesrat. Mit der Wahl erhielt die SVP erstmals einen zweiten Bundesratssitz und sprengte die so genannte Zauberformel. Doch Blochers Amtsführung sorgte zunehmend für Unmut: Wiederholt verletzte er das Kollegialitätsprinzip und mischte sich immer wieder in die Geschäfte der übrigen Bundesräte ein.
Knall bei den Bundesratswahlen 2007: Blocher wird nicht wiedergewählt. Stattdessen zieht Sprengkandidatin Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat ein.
«So scheide ich hier aus dieser Regierung aus, aber nicht aus der Politik», sagte Blocher nach der Abwahl in seiner Rede vor der Bundesversammlung.
Durch den Rücktritt von Samuel Schmid wurde 2008 ein Bundesratssitz frei; die SVP-Fraktion nominiert Blocher nochmals als Kandidaten – ohne Erfolg.
Bei den Parlamentswahlen 2011 bewarb sich Blocher im Kanton Zürich um einen Sitz im Ständerat wie auch im Nationalrat. Er wird in den Nationalrat gewählt, den Ständeratssitz verpasst er jedoch. Im Bild mit Christoph Mörgeli und Natalie Rickli.
2014 hat Blocher genug. Auf seinem Internetportal "teleblocher" gibt er seinen Rücktritt aus dem Nationalrat bekannt.
In einem Zürcher Hotel wurde Christoph Blocher am 16. September 2016 von einem älteren Mann angegriffen. Obwohl der 81-jährige Angreifer ein Messer dabei hatte, kam Christoph Blocher mit dem Schrecken davon und blieb unverletzt.
Im März 2017 rutschte Blocher vor dem Fraktionszimmer der SVP im Bundeshaus in einer Pfütze aus. Bei dem Sturz brach er sich mehrfach die Nase und musste operiert werden.
Christoph Blocher (links) und Pietro Supino, Verwaltungsratspräsident der Tamedia AG. Im Frühjahr 2018 verkauft Blocher die «Basler Zeitung» an Tamedia und bekommt dafür deren Anteile am «Tagblatt der Stadt Zürich».
Zur SVP-Delegiertenversammlung im März 2019 in Amriswil (TG) erscheint Blocher im Helikopter.
Christoph Blocher liess sich die letzten Meter zur SVP-Veranstaltung mit dem Traktor chauffieren.
«Das Modethema Klima geht wieder vorbei. Man muss einfach warten», zeigte er sich Blocher bei einer Medienkonferenz in Zürich überzeugt. Die SVP setze nicht auf Modeströmungen, sondern behalte im Gegensatz zu allen anderen einen klaren Kopf.
Christoph Blocher beim Parteifest und Wahlauftakt der SVP Schweiz vom 31. August 2019 in Sattel.
Christoph Blocher wollte im Juli 2020 nachträglich sein volles Ruhegehalt von 2,7 Millionen ausbezahlt haben. Der Staat habe sie nicht verdient, argumentiert er. Die Finanzdelegation des Parlaments (FinDel) legte Anfang September ihr Veto ein.
Mit einer Atemschutzmaske sprach Blocher an der Delegiertenversammlung der SVP Schweiz am 22. August 2020 in Brugg Windisch. Am 9. Oktober kündigte er seinen Rücktritt aus der Politik an: «Ich merke, meine Kräfte lassen nach.»
Am Sonntag, den 11. Oktober, feiert der SVP-Übervater seinen 80. Geburtstag. Christoph Blocher in einem Video seiner Partei SVP am Pool seiner Villa.

Blocher (geboren 11. Oktober 1940) wuchs als siebtes von elf Kindern in Laufen (ZH) auf. Sein Ururgrossvater war als Pädagoge aus dem Königreich Württemberg eingewandert. Christoph Blocher mit seiner Mutter Ida 1992.

Keystone