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DIE LATEINISCHE SCHWEIZ: Mehr Trennendes als Verbindendes

Die Pflege des Hauses Schweiz ist eine anspruchsvolle Aufgabe, vor allem in Bundesratswahl-Zeiten. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Bern 15. Dezember 2014))

Die Pflege des Hauses Schweiz ist eine anspruchsvolle Aufgabe, vor allem in Bundesratswahl-Zeiten. (Bild: Peter Schneider/Keystone (Bern 15. Dezember 2014))

Die italienische Schweiz ist für die meisten Romands weit weg

Romandie Welsche Politiker beschwören gern die «solidarité latine», wenn sie von der italienischen Schweiz Hilfe erwarten. Doch den meisten Romands scheint das Tessin und erst recht das italienischsprachige Graubünden fast so fern wie Feuerland – etwas zugespitzt gesagt.

Dies hat zuerst einmal geografische Gründe: Die Romandie und die italienische Schweiz grenzen nicht aneinander. Wer von der Genfersee-Gegend ins Tessin fahren will, muss entweder Deutschschweizer oder denn italienisches Gebiet durchqueren. Historisch Interessierte mögen es bedauern, dass die Walliser in den Italienkriegen des 16. Jahrhunderts das Eschental (Val d’Ossola) verloren haben, womit auch die Verbindung zum Tessin unterbrochen wurde. Immerhin: Wer von Brig über Domodossola und das Centovalli nach Locarno fährt, kommt zwar durch italienisches Gebiet, aber das Halbtax- und das Generalabonnement der SBB sind auf dieser Strecke gültig: ein kleiner Trost zwar, aber dennoch ein Trost.

Die Reibung mit den einen, das Vergessen der anderen

Noch grösser als die geografische Distanz ist aber die mentale. Es gibt für die meisten Romands, wenn sie nicht gerade mit der italienischen Schweiz familiär verbunden sind, in der Regel wenig zwingende Gründe, in die italienische Schweiz zu fahren, wenn man etwa von der jährlichen Pilgerreise der Kinomenschen ans Filmfestival von Locarno absieht. Auch die Zahl der Romands, die aus beruflichen Gründen regelmässig Kontakt mit der italienischen Schweiz unterhalten, ist sehr beschränkt. Selbst in Bereichen wie dem Tourismus, der Finanzbranche oder den staatlichen Regiebetrieben stehen die Romands, wenn sie mit der «Aussenschweiz» zu tun haben, in der Regel mit Deutschschweizer Kontaktstellen und Entscheidungszentren in Verbindung. Mit der Deutschschweiz reibt man sich; die italienische Schweiz vergisst man allzu oft.

Die Verbindung ist nicht mehr so eng wie früher

In der umgekehrten Richtung sind die Kontakte etwas intensiver, nicht zuletzt deshalb, weil nach wie vor ein Teil der Tessiner in der Romandie einen Teil ihrer Ausbildung absolviert. Allerdings auch das immer weniger: Seit die italienische Schweiz ihre eigene Universität hat, ist diese Verbindung auch nicht mehr so eng wie in früheren Jahren.
Auch mentalitätsmässig hat die Romandie mit der italienischen Schweiz nicht viel gemeinsam. Die Geschichte trennt sie: Ein Grossteil der welschen Schweiz ist protestantisch geprägt, das Tessin katholisch. Die welsche Schweiz ist viermal grösser als die italienischsprachige und sondert sich gern von der Deutschschweiz ab, viel mehr als das Tessin und die Bündner Südtäler, deren Einwohner auch mit dem Schweizerdeutschen weniger Probleme bekunden. Nur in Einzelbereichen gibt es manchmal gemeinsame Interessen: So sind die Kantone Genf, Waadt, Wallis und Tessin am Erhalt der Pauschalsteuern interessiert, und auch in sozialen Fragen findet man Romands und Tessiner manchmal im gleichen Lager, etwa wenn es um eine staatliche Krankenkasse geht. In der Europafrage hingegen drifteten die beiden Landesteile in den letzten Jahrzehnten eher auseinander.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Eine «lateinische Schweiz» gibt es nur insofern, als Romands und Tessiner eine Sprache lateinischen Ursprungs sprechen – aber Sprache allein kann nicht wirkliche Solidarität stiften. Ein Beispiel: Russen und Polen sprechen slawische Sprachen, und doch überwiegt zwischen ihnen das Trennende. Fazit: Auch die «lateinische Schweiz» ist ein Konzept mit wenig Inhalt.


Christophe Büchi, Lausanne

Näher an der Deutschschweiz als an der Romandie

Tessin Die Tessiner FDP-Grossrätin Natalia Ferrari sprach dieser Tage Klartext. In einem Interview mit dem Westschweizer Radio erklärte sie in Bezug auf die Nachfolge von Didier Burkhalter: «Die Parteileitung muss verhindern, dass es zu einer Konfrontation zwischen Welschen und Tessinern kommt. Und die Westschweizer müssen verstehen, dass dieses Mal die Tessiner an der Reihe sind.» Das Interview wirbelte einigen Staub auf. Eine junge Politikerin aus dem Tessin erlaubte sich, den Welschen den Tarif durchzugeben.
Dabei ging es im Kern um ein Thema, das bei Bundesratsersatzwahlen und Ansprüchen aus dem Tessin regelmässig diskutiert wird: Wie ist das Verhältnis zwischen West- und Südschweiz? Gibt es so etwas wie eine Solidarität der lateinischen Schweiz?

Studieren in der Romandie

Die Affinität des Tessins zur Westschweiz besteht vor allem in der Sprache. Das Italienische liegt dem Französischen als romanische Sprache natürlich näher als das Deutsche. Bis heute wird Französisch in der Tessiner Primarschule als erste Fremdsprache gelehrt. In der Sekundarschule entfällt das Obligatorium zu Gunsten von Deutsch und Englisch, doch viele Studierende aus dem Tessin gehen gerne nach Lausanne, Genf, Neuenburg oder Freiburg, weil es für sie dort sprachlich einfacher ist als in der deutschen Schweiz. Sie können sich im Alltag leichter integrieren als in der von Mundart geprägten Deutschschweiz. «Wir profitieren als Tessiner sogar von einem Sympathiebonus», meint Laura, eine junge Hebamme aus Locarno, die soeben ihre Ausbildung in Genf abgeschlossen hat.

Eine Nähe zeigt sich insbesondere im sozialen und im kulturellen Bereich. So gibt es Gremien wie die Interkantonale Konferenz der Erziehungsdirektoren der Romandie und des Tessins oder eine analoge Konferenz der Berufsbildungsämter. Geogra-fisch aber ist es kompliziert. Es gibt nicht einmal eine Grenze des Tessins zum französischsprachigen Landesteil. Das Oberwallis liegt dazwischen. Eine Fahrt vom Tessin nach Lausanne oder Genf dauert etliche Stunden. Die räumlichen Verhältnisse haben Folgen. Marco Solari, Präsident des Filmfestivals Locarno und langjähriger Präsident von Ticino Tourismus, sagt: «Das Tessin ist für die Westschweizer eigentlich ein unbekanntes Land.» Durch die Gotthardachse sei das Tessin wesentlich näher mit der deutschen Schweiz verbunden.
Die Schweiz der

Solidarität ist Geschichte

Unter solchen Umständen kann eigentlich keine Solidarität zwischen West- und Südschweiz entstehen, es sei denn, die beiden grössten Sprachminderheiten haben ein gemeinsames Anliegen gegenüber der deutschen Schweiz. Der Tessiner Politologe Oscar Mazzoleni, Leiter des Zentrums für Regionalpolitik an der Universität Lausanne, hält die Rede von Solidarität indes für verfehlt: «Heute ist es besser, zu fragen, ob es gemeinsame Interessen gibt.» Zumal der Bund durch seine Regionalpolitik den Wettbewerb zwischen den Regionen verstärkt habe. Die Schweiz der Solidarität sei Geschichte.

Auch die Frage des Minderheitenverständnisses spaltet. Im Tessin herrscht der Eindruck, dass die französische Schweiz gerne die italienische Schweiz mitvertreten will. Umgekehrt lasse es die Romandie aber nicht zu, durch eine andere Minderheit vertreten zu werden. Der langjährige Tessiner Ständerat Dick Marty hat die Erfahrung gemacht, «dass von einer lateinischen Solidarität schlicht keine Rede sein kann». Als Beispiel nennt er das Abstimmungsverhalten zu den Bundesgerichtsstandorten, als die Westschweiz für Aarau und gegen Bellinzona votierte.


Gerhard Lob, Bellinzona

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