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Die letzte Runde des Vollblutlobbyisten

Er gilt als der am besten vernetzte Interessenvertreter im Bundeshaus. Jetzt muss Martin Schläpfer, Cheflobbyist der Migros, gehen: Die laufende Session in Bern ist die letzte des Schaffhausers.
Anna Kappeler
Martin Schläpfer in seinem Büro in Bern. (Bild: Anna Kappeler)

Martin Schläpfer in seinem Büro in Bern. (Bild: Anna Kappeler)

Irgendwann lehnt sich Martin Schläpfer zurück auf dem Stuhl in seinem Büro mitten in der Berner Altstadt. «Wissen Sie», sagt er, «manchmal bin ich schon zufrieden, wenn das Glas halbvoll ist.» Wie bitte? Es ist seine Antwort auf die Frage, was er unter erfolgreichem Lobbying versteht. Kokettiert er? Er, der Cheflobbyist der Migros, über den gesagt wird, er sei der am besten vernetzte Interessenvertreter unter der Bundeshauskuppel. Er, der über die Migros und über Gottlieb «Dutti» Duttweilers Erbe mit einer beinahe schon ansteckenden Verve spricht, dieser Mann also will sich beim Weibeln für den orangen Riesen mit einem halbvollen Glas zufrieden geben? Als ob er die Gedanken des Gegenübers gelesen hätte, schiebt er grinsend nach: «Aber das Glas dann bitte lieber halb gefüllt mit Wein als mit Wasser.»

In den Läden aber wollte «Dutti» keinen Alkohol. Wie also kann es in dessen Sinn sein, dass die Migros-Tochter Denner inzwischen Alkohol verkauft? «Ach», meint Schläpfer, die Einstellung zum Alkohol habe sich gewandelt. «Und es ist ja immer noch so, dass die orange Migros keinen Alkohol verkauft. Gerade im Sommer haben wir deshalb einen tieferen Marktanteil.» Damit ist das Thema für ihn erledigt. Auch das ist Lobbying: Überzeugt die wirtschaftlichen Interessen des Arbeitgebers zu verkaufen.

Hört man sich über Schläpfer um, kommt die Rede bald auf dessen «soirées sélections». Über diese Abende sagt etwa Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco und ein langjähriger Kollege: «Schläpfer ist ein hervorragender Gastgeber. Er mag Menschen und ist gesellig.» Zürcher: «Mich beeindruckt, dass Schläpfer es mit allen kann.»

«Die Politik ist mein Leben»

Später am Nachmittag, es ist schon kurz vorm Eindunkeln, bahnt sich der hochgewachsene Mann mit den weissen Haaren und dem Schnauz einen Weg in Richtung Bundeshaus. Es ist Zibelemärit, überall zwischen den Ständen drängen sich an diesem Tag in Bern die Menschen. Lieber als über den Märit spricht der Schaffhauser, der seit 1985 in Bern lebt, über Politik, denn «die Politik ist mein Leben». Selber für ein politisches Amt kandidieren wollte er hingegen nie, da bevorzugte er das Bundeshaus aus der Optik des Journalisten; er schrieb für verschiedene Tageszeitungen und war stellvertretender Chefredaktor der Bilanz.

Dann kam das Angebot der Migros. Schläpfer: «Dazu konnte ich nicht Nein sagen. Ich wusste, dass ist eine einmalige Chance.» Seit 15 Jahren leitet er nun die Direktion Wirtschaftspolitik der Migros. Deren Position zu vertreten, habe er nicht ein einziges Mal schwierig gefunden. Auch langweilig sei ihm nie geworden.

Und doch naht jetzt das Ende, die laufende Session ist Schläpfers letzte für die Migros. Der 63-Jährige wird frühpensioniert, weil im Rahmen eines Sparprogramms Aufgaben einer anderen Direktion in Schläpfers Abteilung integriert werden. Schläpfer wird wegrationalisiert, neuer Chef wird Markus Neukom, Leiter der Direktion Planung/Expansion. Ist das nicht bitter für einen, über den gute Kollegen wie Seco-Mann Zürcher sagen, er inkarniere die Migros? Schläpfer schüttelt den Kopf, das sei alles kein Problem. Bei der Migros werde man ohnehin mit 64 Jahren pensioniert, da komme sein Abgang «ja nur gerade fünf Monate früher als geplant».

Die letzte Session ist angelaufen

Als Schläpfer das Bundeshaus betritt, merkt man, wie wohl er sich hier fühlt. Die Frage, ob er ob seiner letzten Session Wehmut verspüre, wischt er mit einer Handbewegung weg. Zielstrebig steuert er das Bundeshaus-Café neben der Wandelhalle an, bestellt einen Tee. Fast im Minutentakt gesellen sich Parlamentarier zu ihm, schütteln ihm die Hand, manche umarmen ihn. Schläpfer ist im Element, redet mit allen, egal ob links oder rechts, ist meist per Du, freundlich bis ausgesprochen charmant, unaufdringlich und doch mit klarem Ziel. Schläpfer weiss, wen er anvisieren muss. «Seit es im Nationalrat den Fraktionszwang bei wichtigen Themen gibt, konzentriere ich mich jeweils auf die Ständeräte, da habe ich mehr Einfluss. Es ist verlorene Zeit, einen Nationalrat überzeugen zu wollen, der dann am Ende sowieso gleich stimmen muss wie seine Fraktion», sagt der Schaffhauser.

Schläpfer hat im Bundeshaus einen guten Ruf, selbst bei Leuten, die politisch oft andere Interessen vertreten, etwa Markus Ritter, dem Präsidenten des Bauernverbands. Der Rheintaler sagt: «Natürlich haben wir inhaltlich nicht immer die gleiche Meinung, gleichwohl habe ich grossen Respekt vor ihm.» Selbst der Schaffhauser Ständerat Thomas Minder, der alle Lobbyisten aus dem Bundeshaus verbannen will, bezeichnet Schläpfer als «angenehmen Lobbyisten». Dessen Weibeln im Bundeshaus stört Minder dennoch: «Selbst von Schläpfer werde ich doch nach dem x-ten Kontakt und Essen beeinflusst. Gerade wenn ein Lobbyist im Umgang so angenehm ist wie er.» Schläpfer versichert, für solche Mittag- oder Abendessen nicht mehr als 200 Franken für zwei Personen auszugeben. «Die Migros hat hierfür ein internes Reglement, und die Spesen werden jährlich stichprobenartig überprüft.»

Nicht mehr so ehrgeizig wie auch schon

Doch zurück zum Anfang. Alles nur Koketterie mit dem halbvollen Glas? Jein. Einerseits ist Schläpfer über all die Jahre im Politbetrieb wohl einfach Realist genug geworden, um zu wissen, dass Kompromisse, oder eben halbvolle Gläser, besser sind als gar keine Einigung. Als grosse berufliche Enttäuschung nennt er etwa die Debatte um längere Ladenöffnungszeiten. Bei Gewerkschaftern wie SP-Nationalrat Corrado Pardini habe er völlig auf Granit gebissen.

Andererseits lege er nun, da die Pensionierung nur noch wenige Monate entfernt ist, «tatsächlich nicht mehr den gleichen Ehrgeiz an den Tag wie in der Vergangenheit». Lange war es Schläpfer wichtig, möglichst alle Parlamentarier persönlich zu kennen. Heute kenne ich nicht mehr alle neuen Politiker, «da lasse ich nach». Überhaupt, privat sei er manchmal gerne träge und lese auf der Terrasse. «Ich glaube, ich lese manchmal fast zu viel.» Schläpfer ist überzeugt, dass man als Lobbyist immer auf dem Laufenden sein müsse, nie weniger als das Gegenüber wissen dürfe.

Und was folgt beruflich nach der Migros? Reizen würde ihn «etwas in Richtung politische Kommunikations- und Strategieberatung». Schläpfer lächelt vielsagend. Man ahnt, er sagt nicht alles. Der Lobbyist streut Informationen sehr gezielt.

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