«Die Mutterbeziehung ist wichtig» – wieso Kälber in der Schweiz neu bei der Mutter trinken dürfen

Neu darf das Kalb bei der Mutter trinken und die restliche Milch verkauft werden. Bezahlen die Konsumenten dafür?

Anna Miller
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Kälber, die bei der Mutter bleiben, sind nicht die Regel.

Kälber, die bei der Mutter bleiben, sind nicht die Regel.

Bild: Arno Balzarini / KEYSTONE

Der Begriff ist sperrig, die gesetzliche Grundlage auch: Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht war bisher in der Schweiz nicht erlaubt. Das heisst: Ein Kalb, das in der Schweiz auf die Welt kommt, wird in der Regel sofort oder innert weniger Stunden von der Mutter getrennt. Auch, um das Kalb nicht bei der Mutter säugen zu lassen. Denn in der Verordnung über Lebensmittel tierischer Herkunft heisst es sinngemäss: «Milch ist das ganze Gemelk einer oder mehrerer Kühe, die regelmässig gemolken werden.» Das «ganze Gemelk», das interpretierte man bisher als: die ganze Menge Milch.

Trinkt ein Kälbchen also bei seiner Mutter, durften die Bäuerinnen und Bauern die übriggebliebene Milch nicht mehr als solche verkaufen. «Ursprünglich wollte man damit verhindern, dass die Milch gestreckt wird», sagt Nationalrätin Martina Munz (SP/SH). Doch diese Gefahr besteht heute nicht mehr. Deshalb hat Munz eine Motion im Parlament eingereicht, um das Gesetz anzupassen. Am Donnerstag hat ihr nach dem National- auch der Ständerat zugestimmt. Munz sagt: 

«Die Mutterbeziehung ist wichtig. Man sollte Kälber und Mütter zusammenhalten. Das ist nicht nur artgerecht, sondern führt auch dazu, dass die Kälber gesünder sind und so auch weniger Antibiotika zum Einsatz kommen.»

Das bestätigen kann Evelyn Scheidegger vom Verein Cowpassion aus Bern. Sie ist selbst Bäuerin, auf ihrem Hof im Emmental hält sie 20 Milchkühe. Für sie sei schon immer klar gewesen, dass Kalb und Mutter zusammengehören. Sie hat lange auf die Gesetzesrevision gewartet – und mit der muttergebundenen Kälberaufzucht trotz drohender juristischer Konsequenzen bereits vor ein paar Jahren begonnen. «Seit 2017 mussten wir unseren Tieren keine Antibiotika mehr verabreichen, sie sind gesünder, verhalten sich natürlicher.» Für Scheidegger ist klar: «Diese Art der Haltung wäre eine riesen Chance für alle. Weil sowohl die Tiere als auch die Konsumentinnen und Konsumenten eine bessere Ausgangslage hätten.»

Die Milch ist teurer – und Bio unter Druck

Im Moment sei diese Form der Milchgewinnung jedoch noch weniger rentabel. Ihren Biohof beackern Scheidegger und ihr Mann im Nebenerwerb. Die Bäuerin hofft, dass sich die Lage langsam ändert – durch die neue juristische Ausgangslage, die viele Höfe davon abgehalten hätte, umzusatteln – aber auch durch die steigende Nachfrage nach artgerechter Tierhaltung und nachhaltigen Produktionsbedingungen:

«Ich habe sehr viele Anfragen, die Konsumenten suchen verzweifelt nach Alternativen zur konventionellen Produktion und finden kaum welche.»

Scheidegger hofft, dass möglichst viele Betriebe und auch die Verarbeiter auf den Zug aufspringen – «und das alles mit der Nachhaltigkeit nicht nur Marketing-Geschwätz ist».

Doch so einfach wird es wohl nicht werden. Bis anhin zählt die Schweiz um die 60 Betriebe, die muttergebundene Kälberaufzucht überhaupt durchführen. Eine kleine Zahl gegenüber den rund 20 000 Milchbauern. Die wird sich jetzt wohl ein bisschen nach oben korrigieren. Doch allgemein leiden die innovativen Betriebe daran, dass sie schneller sind als der Konsument. «Es ist zwar ein enormer Druck der Öffentlichkeit da, die Bauern sollen ökologisch und tierwohltechnisch neue Standards setzen – doch es sind nicht die Bauern, die auf der Bremse stehen, sondern die Konsumenten», sagt Sandra Helfenstein vom Schweizerischen Bauernverband.

Das ist vor allem beim Fleisch und auch bei der Milch so. Gemäss den neusten Zahlen des Bundes gaben Konsumenten 2018 zwar über drei Milliarden Franken für Biolebensmittel aus, der Marktanteil lag damit, bezogen auf den Umsatz, bei zehn Prozent. Doch das Angebot wächst schneller als die Nachfrage. Mit Konsequenzen: So können Bauern, die auf Biomilch umgesattelt haben, diese bis Ende 2020 gar nicht als solche verkaufen. Sie wird als konventionelle Milch auf den Markt gebracht – zum konventionellen Preis.

Peter Hegglin, Ständerat (CVP/ZG) und Präsident der Branchenorganisation Milch, sagt zur neuen Milch aus der «Elternzeit»: «Solange die Konsumenten diese Art Milch nachfragen und neue Kanäle gefunden werden, begrüsse ich das.» Er könne sich jedoch nicht vorstellen, dass Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht mehr sein wird als ein Nischenprodukt. Erste Bauernhöfe und Fachstellen aus Nachbarländern wie Deutschland melden indes Positives: Die Konsumenten seien durchaus bereit, mehr für das Tierwohl zu bezahlen, die Bauernhöfe hätten, trotz Umstellung, am Ende weniger Kosten, da die Tiere gesünder sind und weniger Arbeit machen.

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