Seuchenabwehr

Die neue BAG-Chefin greift durch – der Posten von Koch und Kuster bleibt vakant

In der Seuchenabwehr des Bundesamts für Gesundheit kriselte es heftig. BAG-Direktorin Anne Lévy hat den Laden in ihren ersten 100 Tagen umgebaut.

Sven Altermatt
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BAG-Chefin Anne Lévy und die beiden früheren Chefs der Abteilung Übertragbare Krankheiten: Daniel Koch (l.) und Stefan Kuster.

BAG-Chefin Anne Lévy und die beiden früheren Chefs der Abteilung Übertragbare Krankheiten: Daniel Koch (l.) und Stefan Kuster.

Bilder: Keystone

Soeben hat sie die symbolische 100-Tage-Schwelle überschritten. Der Augenblick also für eine erste Bilanz. Aber natürlich gibt es nur ein Thema, seit Anne Lévy die Leitung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) übernommen hat: Corona, Corona und noch mehr Corona.

Ihr habe schlicht die Zeit gefehlt, sich einzuarbeiten, erklärte Lévy in Interviews. Kaum hatte sie ihr neues Amt angetreten, ging die zweite Welle der Pandemie los. Sie ist schlimmer als die erste. Lévy traf auf eine Behörde, die mit ihrem komplexen Strukturen mitunter selbst ans Limit gekommen war. Besonders in der Abteilung Übertragbare Krankheiten, der eigentlichen Seuchenabwehr, kriselte es heftig.

Der langjährige Abteilungschef Daniel Koch, als «Mister Corona» landesweit bekanntgeworden, war im Frühsommer in Pension gegangen. Sein Nachfolger Stefan Kuster hatte nach wenigen Monaten seinen Rücktritt angekündigt. Noch vor Jahresende trat er ab.

Bis heute ist der Posten vakant – ein bewusster Entscheid, der Lévys Handschrift trägt. Auf Anfrage bestätigt BAG-Kommunikationschefin Katrin Holenstein:

«Die Stelle der Abteilungsleitung Übertragbare Krankheiten wurde nicht sofort wieder ausgeschrieben.»

Die Aufgaben und das Profil der Stelle würden derzeit angesehen, erst dann die Wiederbesetzung an die Hand genommen.

Aktuell sollen sich die Kräfte darauf konzentrieren, die Coronakrise zu bewältigen. Die Arbeiten des einstigen «Mister Corona» wurden auf verschiedene Schultern verteilt. Auf der einen Seite müssen die Seuchenbekämpfer die Ausbreitung des Virus verfolgen und dagegen ankämpfen, auf der anderen Seite dem Bundesrat die Grundlagen für weitreichende Entscheide liefern. Und schliesslich ist da noch der Regelbetrieb. Die Abteilung kümmert sich um Infektionskrankheiten aller Art. Um die Grippe und die Masern ebenso wie um HIV und die Zecken-Borreliose.

Führungsprobleme, Dauerstress und Egotrips

Nach ihrem Antritt fackelte die neue BAG-Chefin nicht lange. Lévy baute das Krisenmanagement um. Brach verkrustete Strukturen auf, klärte die Verantwortlichkeiten, holte Verstärkung mit temporärem Personal. Die Fachleute sollten sich stärker auf die epidemiologischen Fragen konzentrieren. «Alles, was mit der Coronakrise zu tun hat, ist jetzt quasi ein separater Laden», sagt ein Insider. Die Taskforce ist als Projektorganisation aufgestellt. Es ist das, was BAG-Kommunikationschefin Holenstein als «klare personelle Trennung» von Krisen- und Linienzuständigkeiten bezeichnet.

Wie dringend notwendig diese Entflechtung war, zeigte ein internes Arbeitspapier, das die Redaktion von CH Media im Dezember enthüllte. Es deckte auf, wie die Seuchenbekämpfer ans Limit gekommen waren. Die Rede war von Führungsproblemen, Dauerstress und Egotrips.

«Die Mitarbeitenden haben hohen Zeitdruck, kaum Pausen und werden regelmässig unterbrochen», stellten die externe Experten wortwörtlich fest. Die Arbeitslast der Angestellten war riesig. Manche, hiess es, seien «komplett abgesoffen». Laut den Experten ist es kaum möglich, gleichzeitig die Abteilung zu führen, die interne Covid-19-Taskforce zu leiten und sich um die Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern. Die Aufgaben müssten dringend entflechtet werden.

Gestützt auf den Expertenbericht, sei ein umfassender Massnahmenplan erarbeitet und einzelne Massnahmen priorisiert worden, sagt Holenstein. «Die Analyse hat auch dazu geführt, dass heute zielgerichteter gearbeitet wird.» Immerhin sei vieles schon unabhängig davon aufgegleist oder umgesetzt worden.

Konkret seien etwa die interne Kommunikation ausgebaut und die Sitzungsstrukturen verbessert worden. Denn auch hier gab es bedeutende Mängel: Manchmal sei nicht klar gewesen, wer aktuell woran arbeitet, hiess es in den BAG-Dokumenten. Und teilweise hätten Mitarbeitende «mehr über die Medien erfahren als durch die interne Kommunikation, was verständlicherweise zu einigen Irritationen führte». Selbst Mitglieder der Amtsleitung waren demnach nicht mehr immer auf dem aktuellen Stand.

Der frische Blick von aussen

Die Krisenorganisation «Covid-19» ist direkt BAG-Direktorin Lévy unterstellt. Geleitet wird die Taskforce von Christine Kopp, einer Art Innenministerin. Die Ethnologin ist eine erfahrene Krisenmanagerin, vorerst arbeitet sie in einem 50-Prozent-Pensum für das BAG. Noch bis Ende Januar ist Kopp zudem stellvertretende Chefin des Schweizerischen Roten Kreuzes. «Ihren frischen Blick von aussen brauchte es», sagt der Insider.

Für die zweite Welle an Bord: BAG-Krisenmanagerin Christine Kopp.

Für die zweite Welle an Bord: BAG-Krisenmanagerin Christine Kopp.

Bild: Keystone

Öffentlich tritt Kopp nicht auf. Dies übernehmen die Fachleute aus der Abteilung Übertragbare Krankheiten. Allen voran Virginie Masserey, die Leiterin der Sektion Infektionskontrolle, und Patrick Mathys, der Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit.

Das Coronaregime schlägt sich auch räumlich nieder: Die BAG-Belegschaft ist wieder im Homeoffice. In der Amtszentrale im Berner Liebefeld arbeiten nur jene, die für die Krisenbewältigung verantwortlich sind.