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Karin Keller-Sutter vor einem Fernseh-Interview im TVO. (Bild: Michel Canonica)

Karin Keller-Sutter vor einem Fernseh-Interview im TVO. (Bild: Michel Canonica)

Die Qual der Wahl: Karin
Keller-Sutters Ochsentour in den Bundesrat

Spiessrutenlauf durch die Fraktionen und Diskussionen in der Provinz. Auch für eine Favoritin wie Karin Keller-Sutter ist die Bundesratswahl eine Ochsentour. Die Chronik eines Wahlkampfs, der gar keiner war.
Christof Krapf

Karin Keller-Sutter hat schlecht geschlafen. Am Tag vor der Bundesratswahl ist sie müde. Anspannung, Stress und Nervosität fordern ihren Tribut. Am Abend zieht sich die 54-Jährige zurück. Mit Ehemann Morten fährt sie zu einem Landgasthof ausserhalb von Bern. Noch einmal gemütlich Znacht essen. Die Nacht der langen Messer findet ohne sie statt.

Die Wilerin hat genug. Genug vom Trubel, von den Hearings in den Fraktionen, vom Bundesratspoker. Bundesratspoker. Das klingt nach unerwarteten Wendungen, nach Sprengkandidaturen, nach Sensation, nach Triumph und Niederlage.

Eine Sensation ist die Wahl von Keller-Sutter in den Bundesrat nicht. Und doch passt «Poker». Die 54-Jährige – seit Bekanntgabe ihrer Kandidatur die grosse Favoritin – sagte in den vergangenen Wochen immer wieder: «Ich bin erst gewählt, wenn die Stimmen ausgezählt sind.» Dabei setzte sie ihr Pokerface auf: freundlich, aber distanziert. Nur nicht zu siegessicher wirken. Nur kein falsches Wort sagen und sich die Wahl noch verspielen.

Böse Erinnerungen an 2010

2010 hatte sie am eigenen Leib erfahren, wie sich eine Niederlage anfühlt. An ihrer Stelle hatte die Vereinigte Bundesversammlung den Berner Johann Schneider-Ammann zum Bundesrat gewählt. Keller-Sutter schloss danach eine zweite Kandidatur jahrelang kategorisch aus – zu schmerzhaft war die Niederlage.

Jetzt, acht Jahre später, ist sie trotzdem Bundesrätin. Seit ihrer Wahl in den Ständerat 2011 ist sie in der Hauptstadt gut vernetzt. Aus Karin Keller-Sutter ist die Marke KKS geworden. Diese steht nicht mehr nur für hartes Durchgreifen gegen Fussball-Hooligans und häusliche Gewalt wie als St.Galler Justizministerin.

KKS ist unter der Bundeshauskuppel kompromissfähig geworden. Wohl auch deshalb hat sie sich zur erneuten Kandidatur entschieden. Im Bundeshaus ist sie mittlerweile von links bis rechts respektiert. «Als Schneider-Ammann seinen Rücktritt erklärte, sind sofort Ständeratskollegen aus allen Parteien auf mich zugekommen und haben mir ihre Unterstützung zugesichert», sagt Keller-Sutter. Die Marke KKS ist in Bern beliebt.

Karin Keller-Sutter am Rand eines Interviewtermins im TVO. (Bild: Michel Canonica)

Karin Keller-Sutter am Rand eines Interviewtermins im TVO. (Bild: Michel Canonica)

Wie der Roger Federer der Politik

Wo jedoch hört KKS auf? Und wo beginnt die Person Keller-Sutter? Die Öffentlichkeit bekommt meistens KKS zu sehen: Kompetent, tough, etwas distanziert. Selten tun sich Risse in der Fassade auf. Herzhaft lachen sieht man sie in den Wochen vor der Wahl kaum. Auch verbale Ausrutscher oder sichtbarer Ärger stehen nicht in KKS’ Drehbuch.

Vor der Bundesratswahl wirkt die Wilerin souverän. Niemand scheint ihr etwas anhaben zu können. Keine politischen Gegner und keine Journalisten: Selbst Porträts in Medien aus dem linken Lager fallen freundlich aus. KKS scheint der Roger Federer der Politik zu sein. Auch RF, die Marke des Tennisspielers, ist der Inbegriff von Souveränität.

Doch auch einer Favoritin wie KKS bleibt die Ochsentour der Bundesratskandidatinnen nicht erspart. Winterthur, Kirchgemeindehaus Liebestrasse, ein nasskalter Abend Anfang November. Die lokale FDP lädt zur Roadshow mit Bundesratskandidatin und -kandidaten. Die Parteibasis soll sich ein Bild von KKS, dem Nidwaldner Ständerat Hans Wicki und dem Schaffhauser Regierungsrat Christian Amsler machen dürfen.

Die alte Garde des Freisinns ist angetreten

«Festsaal» steht auf einem Wegweiser im Entrée – die werden doch jetzt noch nicht feiern wollen? Im Saal haben sich 150 Personen versammelt; eine dürftige Kulisse für drei Bundesratsanwärter. Der etwas nervöse lokale Parteipräsident redet in seiner Begrüssung lange über die Probleme des Kantons Zürich – zu lange. Schliesst mit der Bitte, wer gewählt werde, möge die Zürcher nicht vergessen.

Zum Glück sieht kein ausländischer Minister, was Bundesrätinnen vor ihrer Wahl blüht – er wäre überrascht ob der Provinzialität. Über dem Podium trohnt eine gewaltige Orgel; im Publikum dominieren graue Haare, Anzüge und Krawatten – die alte Garde des Freisinns. Dazwischen einige Jung-FDPler, die ein bisschen overdressed wirken. Die marineblauen Anzüge etwas zu modisch-eng geschnitten, die Frisur etwas zu perfekt.

Später wird Keller-Sutter sagen, dass sie solche Abende lieber daheim verbringen würde. Dass sich ihr der Sinn einer solchen Roadshow nicht ganz erschliesse. Davon lässt sich KKS nichts anmerken. Sie plaudert mit ihren Konkurrenten, schüttelt Hände, gibt dem Lokalfernsehen ein Interview.

Karin Keller-Sutter an der Roadshow in Muttenz mit ihren Konkurrenten Christian Amsler (links) und Hans Wicki (rechts). (Bild: Keystone)

Karin Keller-Sutter an der Roadshow in Muttenz mit ihren Konkurrenten Christian Amsler (links) und Hans Wicki (rechts). (Bild: Keystone)

Wicki und Amsler sind nur Statisten

Zündstoff fehlt der anschliessenden Diskussion dann gänzlich. Die Fragen sind eher Steilpässe als Herausforderungen. Die Kandidierenden tun sich nicht weh; man respektiert sich. Es scheint, als würden Wicki und Amsler nicht richtig an ihre Wahlchancen glauben. Auch wenn sie nie offen zugeben würden, dass sie eine Statistenrolle spielen. Wie KKS beherrschen sie das Pokerface.

In politischen Ansichten unterscheidet sich das Trio kaum. Wer eine Frage als Letzter beantworten muss, beginnt seine Antwort oft mit «Dem kann ich nicht mehr viel hinzufügen». Nur um dann trotzdem noch etwas anzumerken.

Schliesslich hat ein älterer Herr im grauen Anzug genug und beginnt zu klatschen. Der Apéro ruft. Cracker, Chips, Weisswein und Mineralwasser. Es verwundert nicht, dass Keller-Sutter beim Wasser bleibt. Eine Besucherin redet auf sie ein. Es geht um einen Fall von häuslicher Gewalt. Selbst wenn dieser aus Keller-Sutters Zeit als St.Galler Justizministerin stammt, hört sie geduldig zu, beantwortet Fragen. Das Pokerface sitzt. Die Pflicht, jede Bürgerin und jeden Bürger ernst zu nehmen, hat sie längst verinnerlicht.

(Bild: Michel Canonica)

(Bild: Michel Canonica)

Das Heimspiel in der Westschweiz

Nur manchmal spürt man, dass KKS an diesem Abend lieber daheim in Wil geblieben wäre. Dann, wenn Hans Wicki zum x-ten Mal seine «internationale Führungserfahrung» erwähnt, oder Christian Amsler verzweifelt versucht, sich staatsmännisch zu geben. In solchen Momenten steht Karin Keller-Sutter mit verschränkten Beinen da, den Unterarm auf einen Stehtisch gestützt und blickt gedankenverloren in den Saal – als ginge sie die Diskussion überhaupt nichts an.

Leiser Ärger blitzt in ihrem Gesicht auf, als der Moderator fragt, warum sie denn «Bundesrat» werden wolle und sich im letzten Moment korrigiert. «Ääh, Bundesrätin, natürlich.» Die Frauenfrage mag KKS sowieso nicht. Kommt diese zur Sprache, verweist sie auf ihren Leistungsausweis und ihre Erfahrung. Quoten sind ihr ein Graus. Sie sagt am Rande eines Interviewtermins mit dem Ostschweizer Fernsehen TVO:

«Mit meinem Weg habe ich wohl mehr für die Frauen erreicht als viele von denen, die immerzu nach Quoten schreien.»

Drei Roadshows – Muttenz, Winterthur und Yverdon – stehen in den Wochen vor der Wahl auf dem Programm. Am besten habe ihr der Anlass in der Westschweiz gefallen, sagt Keller-Sutter. Tatsächlich hat KKS in Yverdon ein Heimspiel: Als ausgebildete Konferenzdolmetscherin ist sie in der Romandie nicht zuletzt wegen ihrer Französischkenntnisse beliebt.

In Yverdon muss sie gar für Konkurrent Wicki die Fragen aus dem Publikum übersetzen – der Nidwaldner verstand schlecht. Erzählt KKS von dieser Episode, wirkt sie peinlich berührt – eine andere hätte sich vielleicht diebisch über den Faux-Pas der Konkurrenz gefreut. Sie sagt nur: «Was hätte ich anderes machen sollen?»

Caronis verunglückter Witz

Drei Wochen vor der Bundesratswahl gilt es ernst. Die Nominierung durch die FDP-Fraktion im Parlament steht bevor. Vor dem Fraktionszimmer steht sich die Bundeshausjournaille die Beine in den Bauch. «Schon so ein Drama bei der Nominierung, wie wird das bloss bei der Wahl?», fragt eine Journalistin in die Runde.

Der Ausserrhoder Ständerat Andrea Caroni drängt sich durch die Medienmeute und fragt: «Gibt es hier etwas gratis?» Niemand lacht. Alle warten auf KKS. Nach ihrer Anhörung – die Nomination hat sie mit 38 von 41 Stimmen bekommen – wirkt sie gelöst.

Kurz schimmert die Person Keller-Sutter durch. Sie spricht von der freundlichen Atmosphäre in der Fraktion, von vorhersehbaren Fragen, vom Glücksgefühl, dass es mit der Nominierung so reibungslos geklappt hat. «Bei der FDP bin ich daheim. Ich bin froh, dass die Bundesratswahl nun so richtig beginnt.» Dann verschwindet sie.

Je näher die Wahl, desto zugeknöpfter

Je näher die Bundesratswahl rückt, desto zugeknöpfter gibt sich KKS in der Öffentlichkeit. Pro Verlagshaus gewährt sie ein grösseres Zeitungsinterview. Danach bleiben nur noch die Medientermine nach den Hearings in den Fraktionen. Lieber nichts sagen als etwas Falsches.

Es wird immer offensichtlicher, dass sich KKS im Kampf um Schneider-Ammanns Nachfolge nur noch selber schlagen kann. Trotzdem wiederholt sie ihr Mantra:

«Gewählt bin ich erst, wenn die Stimmen ausgezählt sind. Ich hoffe, die Wahl gelingt.»

Ob sie sich manchmal überlege, was passiere, wenn es nicht klappen sollte? Zum zweiten Mal? KKS würde vor dem ganzen Land mit abgesägten Hosen dastehen. «Solche Gedanken versuche ich zu verdrängen.»

Stresstest: Karin Keller-Sutter zwischen zwei Hearings im Bundeshaus.(Bild: Keystone)

Stresstest: Karin Keller-Sutter zwischen zwei Hearings im Bundeshaus.
(Bild: Keystone)

Spiessrutenlauf durch die Bundeshausfraktionen

Zu Beginn der Wintersession geht es ans Eingemachte: Alle Kandidierenden müssen bei den Fraktionen zu Hearings antraben. Auch die Bauern und die Frauenorganisation Alliance F wollen die Kandidatinnen und den Kandidaten noch kennen lernen. Erstaunt sagt sie: «Mich überrascht, was hier für ein Aufstand gemacht wird.» Als sei die Marke KKS im Bundeshaus nicht schon genug bekannt. Die Ochsentour geht weiter.

An diesem Nachmittag muss KKS bei der SVP, den Grünen und den Grünliberalen antraben – ein Stresstest. Eine halbe Stunde pro Fraktion; der Ablauf ist durchgetaktet. Keller-Sutter wirkt nervöser als zuvor. Mit einem knappen «Grüezi» geht sie an den Medienschaffenden vor dem Fraktionszimmer der SVP vorbei. Zuvor hat Christoph Blocher schon aus der Tür geschaut – sogar der Chefstratege ist gekommen, obwohl er nicht mehr im Parlament sitzt.

Nach der Anhörung verschwindet Keller-Sutter durch die Hintertür; die Grünen warten. KKS verrät nicht, was in den Fraktionen zur Sprache gekommen ist. «Es war interessant», sagt sie nach dem Hearing bei den Grünen. Sie habe die Antworten gegeben, die sie aus Überzeugung geben konnte. Mehr ist ihr nicht zu entlocken. Nach dem Spiessrutenlauf durch die Fraktionen ist die Erleichterung bei KKS dennoch spürbar.

Die viersprachige Antrittsrede

Wahltag in Bern, eine Woche später: Karin Keller-Sutter lacht, als sie ihre Stimme abgibt. Spürt sie, dass es reichen wird? Oder ist sie einfach nur froh, dass die Ochsentour vorbei ist?

Rasch hat das Bangen ein Ende: «L’Assemblea federale ha eletto con 154 voti Karin Keller-Sutter», spricht die Tessiner Nationalratspräsidentin Marina Carobbio. Als erste gratuliert die zuvor gewählte CVP-Bundesrätin Viola Amherd. Die Frauen umarmen sich.

Keller-Sutter wirkt erleichtert, gerührt, atmet tief durch, lacht herzlich. Lange dauert der emotionale Moment nicht. KKS beginnt ihre Antrittsrede italienisch, fährt französisch fort, wechselt ins Deutsche, spricht dann Rätoromanisch. Dann auf Deutsch: «Ich erkläre Annahme der Wahl.» Stehende Ovationen im Nationalratssaal – KKS hat es als neunte Frau in den Bundesrat geschafft.

Bei der Vereidigung kann sie sich ein Lächeln nicht verkneifen.

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