Die Sehnsucht nach einem neuen Polteri: Ist die Wahl des Aargauer SVP-Präsidenten ein Vorzeichen für die nationale Parteiwahl?

Die SVP Aargau hat mit Andreas Glarner einen Hardliner an die Spitze gewählt. Kann seine Wahl als erster Gradmesser dafür gelten, welchen Ton die Partei national einschlagen wird?

Anna Miller
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Neuer Präsident der SVP Aargau: Nationalrat Andreas Glarner.

Neuer Präsident der SVP Aargau: Nationalrat Andreas Glarner.

Alex Spichale

Albert Rösti, bald Geschichte an der Spitze der SVP Schweiz, sei «en gmögige Cheib» gewesen, er hat die Parteilinie immer stramm vertreten, nett im Ton, aber so richtig kantig dann eben doch nicht. Vor allem in den Augen derjenigen, die nun einen Schuldigen für die Wahlschlappe der Partei im Oktober suchen müssen. Ein «Polteri» war er nicht, und das soll sich nun ändern.

So zumindest könnte eine von mehreren Parteistrategien aussehen, wenn man sich in Bundesbern umhört. Neben denen, die glauben, die SVP müsse mit der Zeit gehen und harmonischer auftreten, Allianzen schmieden und den Alleingang stoppen, um wieder Wählerinnen und Wähler zu gewinnen, glauben andere: Der sogenannte Kuschelkurs hat die Partei erst recht Richtung Abgrund getrieben. 

Hardliner Glarner als nationales Zeichen

Kann die Wahl des neuen Aargauer Kantonalpräsidenten nun als erster Gradmesser dafür gelten, welchen Ton die Partei national einschlagen wird? Die Wahl von Andreas Glarner zumindest könnte für den Hardliner-Kurs sprechen. Glarner ging als deutlicher Sieger aus einem Rennen gegen den als gemässigt geltenden Gegner Rolf Jäggi hervor.

Glarners politische Bekanntheit liegt auch an den Schlagzeilen, die er regelmässig produziert: So zum Beispiel 2015, als er, als Gemeindeammann von Oberwil-Lieli im Kanton Aargau, lieber 290000 Franken zahlen wollte, als zehn Flüchtlinge aufzunehmen. Für Franz Grüter, Luzerner SVP-Nationalrat, ist die Wahl im Aargau ein nationales Zeichen. Die Partei brauche nun jemanden an der Spitze, der «sich unbeirrt und vorbehaltlos hinter die Partei stellt, auch wenn es mal ungemütlich wird». Man wolle klar zurück zur «Ur-DNA der Partei».

Er spüre, dass der Wind in Bundesbern klar in diese Richtung drehe, man sehne sich nach einer Leitfigur als Parteipräsidenten der SVP Schweiz, der «das Gedankengut der SVP konsequent vertritt». Im schlimmsten Fall an der Grenze zum Ungehörigen. Andere Kollegen aber wünschen sich für die Spitze der SVP Schweiz keinen «Polteri» à la Glarner.

Man dürfe seinen Sieg nun nicht national als Zeichen betrachten – eher komme Glarner als nationale Figur der Sektion Aargau gelegen, sagt der Schaffhauser SVP-Ständerat Hannes Germann. «Mit Glarner kann der Kanton seine Visibilität steigern.» Glarner, so attestieren ihm Parteikollegen, ist kein Mitläufer. Das mag gut für die Partei sein, weil er jenseits von Interessenbindungen seine Meinung frei äussert und kaum Interessenbindungen hat.

Doch genau so sagen Kritiker, seien Mitläufer dem innersten Parteizirkel um Christoph Blocher lieber – besser steuerbar. Glarner auf jeden Fall setzt sich mit Herzblut für die Partei ein und hat gestern mit dem Präsidium einen Knochenjob übernommen.

Es wird sich zeigen, wie er innerhalb seiner neuen Rolle politisiert. Der Erfolg werde darüber entscheiden, ob er recht behalte, sagt die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, sie warnt aber: «Kommen wir parteipolitisch nicht zur Einsicht, dass wir mehr Konsens brauchen, werden wir weiter verlieren.»

In der Partei sehnten sich noch viele nach den alten «Polteris», doch die Bevölkerung wolle einen anderen Stil. Derweil machte die «Weltwoche» publik, dass die SVP-Kollegen sogar über eine Kandidatur von Bundesrat Ueli Maurer nachdenken. Rechtlich möglich wäre es, unwahrscheinlich aber trotzdem.

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