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Die Südbündner hoffen auf einen Tessiner Bundesrat

Richard Clavadetscher

Minderheiten Eigentlich sind es nicht wenige: rund 23000 Personen und damit klar mehr als die 16000 Inner­rhoder mit einem eigenen Kanton. Die Rede ist von den Italienischsprachigen in den Südtälern des Kantons Graubünden. Es geht um das Puschlav, das Bergell , das Misox und das Calancatal.

Die Lage der abgelegenen Täler am äussersten Rand der Schweiz bewirkt, dass deren Bewohner öfters mal vergessen gehen. So gerade auch wieder in diesen Tagen: In der Deutschschweiz wird nach dem Rücktritt von Bundesrat Didier Burkhalter hartnäckig über «einen Tessiner Bundesrat» gesprochen – was die Italienischbündner beelendet. Denn von der Person aus dem Tessin, der nun allenfalls der Einzug in die Landesregierung gelingt, erwarten sie auch die Vertretung ihrer Interessen. «Ein Tessiner oder eine Tessinerin in der Landesregierung muss ein zweifacher Interessenvertreter sein: einmal seines Kantons, dann aber auch der gesamten italienischen Schweiz», artikuliert Giuseppe Falbo, von Pro Grigioni Italiano, der Interessenvertretung der Italienischbündner, seine Erwartungen.

Falbo steht mit dieser Sicht nicht allein; Anna Giacometti (FDP), Präsidentin der Gemeinde Bergell, und SP-Nationalrätin Silva Semadeni, aus dem Puschlav stammend, sehen das ebenfalls so. Giacometti sagt es augenzwinkernd: «Die Wahl eines Tessiners oder einer Tessinerin wäre für uns eine Freude – auch wenn die Tessiner manchmal vergessen, dass es uns auch noch gibt.» Einig sind sich Giacometti wie Semadeni über die symbolische Bedeutung der Wahl: Die italienische Schweiz werde dadurch besser wahrgenommen.» Eine Folge der besseren Wahrnehmung könne etwa sein, dass Personen aus den Bündner Südtälern mehr Berücksichtigung erfahren, wenn es auf eidgenössischer oder kantonaler Ebene um die Besetzung höherer Kaderstellen geht. An beiden Orten sind sie kaum vertreten.

Minderheit in der Minderheit

Hoffnungsvolle Tage also für die «Minderheit in der Minderheit», wie sich die Südbündner selber sehen. – Hoffnung, dass sich ändert, was Silva Semadeni so beschreibt: «Wer als Deutschschweizer an die italienische Schweiz denkt, denkt an das Tessin, und wer an Graubünden denkt, dem fallen die Rätoromanen ein.» Italienischbünden sei in aller Regel nicht mitgedacht, deshalb auch nicht mitgemeint. Erschwerend komme hinzu, dass die Täler keine Einheit bildeten, sondern eine unterschiedliche Ausrichtung hätten: Das Misox sei aufgrund der geografischen Nähe eher auf das Tessin fixiert, wer im Bergell und im Puschlav etwas werden wolle, richte sich nach dem deutschsprachigen Chur aus.

Nicht alle finden indes, sie seien marginalisiert und würden übergangen. Cristiano Pedrini, BDP-Kantonsparlamentarier aus Roveredo (Misox), relativiert: «Ich fühle mich nicht benachteiligt.» Wenn er jeweils die Klage höre, Südbünden finde in den überregionalen Medien nicht statt, kontere er mit der Frage: «Und wie oft kommen die Solothurner und die Thurgauer im Fernsehen?» Es stand in der Tat schon schlechter um die Südbündner: Sie sind heute durch die auch in Sprachfragen rührige Silva Semadeni im eidgenössischen Parlament vertreten – erst zum zweiten Mal überhaupt: Neben Semadeni, die von 1995 bis 1999 und seit 2011 wieder im Nationalrat sitzt, schaffte dies seit Gründung des Bundesstaates nur noch der vor zwei Jahren verstorbene Misoxer CVP-Politiker Ettore Tenchio. Er sass von 1947 bis 1971 im Rat.

Mit Silva Semadeni im Nationalrat vertreten und via Tessin bald im Bundesrat – wenigstens ein bisschen: Als Misoxer, Bergeller oder Puschlaver kann man da schon ins Träumen kommen.

Richard Clavadetscher

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