Maturaprüfungen: Es herrscht das grosse föderale Durcheinander

Elf Kantonen verzichten auf jegliche Abschlussexamen. Doch was passiert mit Schülern, die mit den Vornoten scheitern würden? Denkbar wäre eine Sonderlösung mit schriftlichen Examen nur für diese Wackelkandidaten.

Kari Kälin
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Die Empfehlung der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) ist klar: Die Kantone sollen sowohl auf mündliche als auch auf schriftliche Maturaprüfungen verzichten. Da nicht alle gleich stark vom Coronavirus betroffen sind, zeigt sich prompt der berühmte föderale Flickenteppich: Elf Kantone, darunter Bern, Zürich und die fast die ganze lateinische Schweiz veranstalten gar keine Abschlussprüfungen (siehe Tabelle). Neun Kantone, darunter fast die gesamte Zentralschweiz, St. Gallen und Aargau, machen nur schriftliche Tests. Lediglich in zwei Kantonen, in Thurgau und Glarus, müssen die Maturanden zur mündlichen und schriftlichen Prüfung antraben.

Die uneinheitliche Lösung befeuert Proteste von Schülern in mehreren Kantonen. Petitionen zum Abblasen der Schlussexamen erhielten Tausende Unterschriften.

Der Bundesrat könnte am Mittwoch alles über den Haufen werfen. Und alle Kantone zwingen, die schriftliche Maturaprüfung durchzuführen. Gespannt warten deshalb die Erziehungsdirektoren auf den Entscheid aus Bern.

Doch mindert der Wegfall der Abschlussprüfungen den Wert den Matura? Gemäss Silvia Steiner, EDK-Präsidentin und Zürcher Bildungsdirektorin, hegt etwa die Universität Zürich keine Zweifel an der Studierfähigkeit Corona-Maturanden. Steiner verwies auf die Aussagekraft der Erfahrungsnote und auf die tiefe Durchfallquote. In der Tat rasseln nur wenige durch die Matura. In den letzten Jahren betrug die Durchfallquote bei der gymnasialen Matura gemäss dem Bundesamt für Statistik immer um die vier Prozent.

Schriftliche Prüfungen: «Noten fast immer tiefer»

Der Prüfungs-Lockdown weckt aber auch Kritik. In der «SonntagsZeitung» sagte etwa ETH-Ratspräsident Michael Hengartner, eine Maturaprüfung bringe einen beachtlichen Mehrwert, weil man sich noch einmal vertieft mit dem Stoff auseinandersetzen müsse. Franz Eberle, emeritierter Professor für Gymnasialpädagogik an der Universität Zürich, sagt derweil:

«Die Noten der schriftlichen Prüfungen sind im Mittel fast immer tiefer als jene der mündlichen Prüfungen und auch jene der Erfahrungsnoten.»

Daraus könne man aber noch nicht auf eine höhere Durchfallquote mit schriftlicher Prüfung schliessen. «Denn es gibt wohl viele Prüflinge, die sich bei schlechter Ausgangslage bei den Erfahrungsnoten einfach noch besser auf die Prüfungen vorbereiten.»

Doch was passiert mit Jugendlichen mit ungenügender Erfahrungsnote? Der Kanton Wallis schlägt vor, eigens für diese schriftliche Prüfungen durchzuführen. Diese Idee stosse in der Romandie auf Anklang, sagt Jean-Philippe Lonfat von der Bildungsdirektion. Auch EDK-Präsidentin Silvia Steiner zeigt sich offen für eine solche Lösung.