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Der Fall Geri Müller oder:
Die Tücken der Wahrnehmung

Der Badener Stadtammann Geri Müller wurde zum Opfer einer politischen Intrige – so lautet die gängige Lesart der Affäre rund um pornografische Selfies, die 2014 Schlagzeilen machten. Ein Urteil bringt nun ans Licht, dass die Geschichte anders abgelaufen sein könnte.
Lena Berger
Vorurteile und Informationsmangel: So eskalierte die Affäre um Nationalrat Geri Müller. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Vorurteile und Informationsmangel: So eskalierte die Affäre um Nationalrat Geri Müller. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

«Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen», sagte einst Pablo Picasso. Diese simple Feststellung gilt nicht nur für die bildende Kunst, sondern auch für das Schreiben. Bisher wurde die zum Skandal gewordene Geschichte um öffentlich gemachte Nackt­selfies des Badener Stadtammanns und Nationalrats Geri Müller stets als Heldengeschichte mit klassischem Aufbau erzählt. Im ersten Akt kündet sich das Unheil an. Ein politisch engagierter Held verfällt einer Frau, die nichts Gutes im Schilde führt. Er lässt sich von ihr zu einer Dummheit verleiten. Derweil planen dunkle Hintermänner den Sturz des Helden von langer Hand. Sie instrumentalisieren die Frau für ihre Zwecke, spielen Journalisten gezielt Informationen zu und spinnen so ihre Intrige.

Der zweite Akt beginnt mit einem Knall: Der Held wird öffentlich blossgestellt, seine Karriere scheint beendet, der Skandal droht ihn zu ruinieren. Furcht um den Helden macht sich breit: Wird er es schaffen, diese Prüfung zu überstehen? Und wenn ja, wie gelingt es ihm, seine Ehre zu retten?

Im dritten Akt schliesslich folgt die Katharsis. Das dreckige Spiel der mächtigen politischen Gegner, die im Hintergrund die Fäden gezogen haben, wird öffentlich gemacht. Das wahre Böse kommt ans Licht, der Held wird von allem Schmutz reingewaschen.

So kam es zum Éclat

Februar 2014: Beginn der Chat-Beziehung zwischen Geri Müller und einer Bekannten aus Bern.

3. Mai 2014: Die Frau erhebt gegenüber einem Politiker schwere Vorwürfe an die Adresse Müllers und kommt über einen PR-Berater in Kontakt mit Josef Bollag. Sie gibt an, sich bedroht zu fühlen. Er rät ihr, sich an die Polizei zu wenden, bevor sie an die Medien gelangt.

13. August 2014: Geri Müller ruft bei der Polizei an und teilt die Befürchtung mit, dass sich die Frau etwas antun könnte. Sie wird in Baden befragt.

17. August 2014: Die «Schweiz am Sonntag» publiziert Chat-Protokolle und stellt die Vermutung an, Müller habe sich an die Polizei gewandt, um die Veröffentlichung kompromittierender Bilder zu verhindern, die im Stadthaus entstanden.

21. August 2014: Die Frau behauptet gegenüber dem «Tages-Anzeiger», von dem PR-Berater und «Leuten einer Organisation» gedrängt worden zu sein, das Material auszuhändigen. Diese Aussage widerruft sie gegenüber der Polizei.

15. August 2016: Ein Strafbefehl gegen die Frau wird rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft verurteilte sie unter anderem wegen versuchter Nötigung.

10. Januar 2018: Müller teilt der Staatsanwaltschaft mit, dass er mit Josef Bollag einen Vergleich abgeschlossen habe. Sie stellt das Verfahren ein.

Es ist das perfekte Happy End. Das perfekte Happy End einer Geschichte, die allerdings auch anders erzählt werden kann. Nämlich als eine menschliche Tragödie, verursacht durch Misstrauen, Irrtümer und einen patriarchalen Beschützerinstinkt. Der Protagonist der auf diese Weise erzählten Geschichte heisst Josef Bollag. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde von Baden ist seit jeher ein politischer Gegner von Geri Müller, dem Präsidenten der Gesellschaft Schweiz-Palästina. Und als solcher wurde er in der Öffentlichkeit als Mittelsmann der Chat-Partnerin gebrandmarkt, welcher die pornografischen Bilder den Medien zugänglich gemacht haben soll. Nur: War es wirklich so?

Ein fataler Irrtum führte zur Katastrophe

Von den vier Strafverfahren, die Geri Müller wegen der Verletzung seiner Privatsphäre angestossen hatte, hörte man in den letzten Jahren kaum noch etwas. Der aktuelle Stand ist der folgende: Die Chat-Partnerin ist 2016 unter anderem wegen versuchter Nötigung verurteilt worden. Ein Gerichtstermin gegen einen PR-Mann, der den Kontakt zu mehreren Journalisten hergestellt haben soll, steht noch an. Zwei weitere Verfahren wurden eingestellt: jenes gegen einen Journalisten der «Schweiz am Sonntag» und jenes gegen Josef Bollag.

Nun aber zeigt ein Urteil des Bundesgerichts, dass im Hintergrund längst ein weiteres Verfahren läuft. Dabei geht es um die Verfügung, mit welcher die Staatsanwaltschaft Bern das Verfahren gegen Josef Bollag eingestellt hat. Zwei Journalisten haben Einsicht in dieses Dokument verlangt. Als die Staatsanwaltschaft Bern diese gewähren wollte, hat Bollag den Entscheid bei der Generalstaatsanwaltschaft angefochten. «Um der getroffenen Stillschweigeverein­barung Rechnung zu tragen», wie er sagt. Die Generalstaatsanwaltschaft wiederum reagierte höchst pikiert und bezeichnete die Beschwerde in einem Antwortschreiben als «verleumderisch und beleidigend». Weil diese Formulierung bei ihm Zweifel an der Unvoreingenommenheit des Generalstaatsanwalts weckte, reichte Bollag zunächst beim Obergericht und danach beim Bundesgericht ein Ausstandsbegehren ein. Dieses wurde nun abgelehnt, wie ein Urteil zeigt, das unserer Zeitung vorliegt.

Es ist also wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Öffentlichkeit genau erfahren wird, was in der Einstellungsverfügung steht. Auf Anfrage unserer Zeitung war Josef Bollag unter diesen Umständen bereit, erstmals seine Version der Geschichte zu erzählen und mit entsprechenden Dokumenten zu belegen. Das Bild, das er malt – um bei Picassos Zitat zu bleiben – zeigt keinen skrupellosen Gegenspieler, sondern einen Mann, der einem fatalen Irrtum aufgesessen ist.

Ein Blick zurück. Es ist Anfang Mai 2014, als Josef Bollag über einen Freund Ungeheuerliches erfährt. Eine junge Frau, so erzählt man ihm, sei in arger Bedrängnis und brauche Hilfe. Sie werde von einem hochrangigen Politiker massiv unter Druck gesetzt. Kurze Zeit später meldet sich die Frau per Whatsapp. «Sie hat total verängstigt gewirkt, fühlte sich verfolgt. Bereits in ihrer ersten Nachricht an mich hat sie geschrieben, dass sie um ihr Leben fürchtet», erzählt Bollag. «Für mich war das plausibel.»

Informationen fügten sich zu einem Gesamtbild

Wenn man sich diese ersten Nachrichten im Wortlaut anschaut, fragt man sich, warum ein erfahrener Jurist wie Josef Bollag diese ernst nahm, und nicht an der Glaubwürdigkeit der ihm unbekannten Frau zweifelte. Bereits bei der ersten Kontaktaufnahme schickt sie ihm unaufgefordert Daten. «Damit die Welt erfährt im Falle meines Todes erfährt, wer Müller ist», wie sie es formuliert. Bei einem Treffen schildert sie Bollag, sie fühle sich verfolgt und man wolle ihr das Handy wegnehmen. Sie habe Angst, überfallen zu werden. Josef Bollag hält dies für möglich. Denn er kennt Geri Müller schon lange. Er vermutet, dass dieser wegen seines Nahost-Engagements über weitgehende Kontakte verfügen könnte. Und deshalb ist er schnell überzeugt, dass die Frau tatsächlich in Lebensgefahr schweben könnte. «Diese Informationen hätten in ein Gesamtbild passen können, das ich von ihm hatte», sagt Bollag heute.

Josef Bollag beteiligte sich an Geri Müllers Anwaltskosten

Dieser in der Psychologie als «Confir­mation bias» bekannte Wahrnehmungsfehler erklärt alles weitere. Bollag beschliesst, die Frau zu beraten. In den kommenden Wochen bleibt sein Handy immer auf Empfang – auch am Sabbat. «An diesen Tagen benutze ich keine elektronischen Geräte, ausser, wenn es sich um einen Notfall handelt. Das war nach meiner damaligen Einschätzung der Fall.» Bollag gibt der Frau 2000 Franken, damit sie kurzfristig das Land verlassen kann. Gleichzeitig rät er ihr dringend, sich an die Polizei zu wenden. «Er sagte mir immer, es sei meine Pflicht als Schweizer Bürgerin Geri bei der Polizei in Biel anzuzeigen. Ich solle der Polizei alles schildern und schauen, welche Straftatbestände erfüllt sind», sagt sie später in einer Einvernahme aus. Die Polizei sollte sie in ein Zeugenprogramm aufnehmen und die Vorwürfe klären, findet Bollag. Doch so weit kommt es nicht. Die Frau geht nicht zur Polizei, sondern wendet sich an die Medien.

Geri Müller selber zeichnete in seiner Befragung das Bild einer Frau, die verzweifelt versuchte, ihn an sich zu binden. Mit der Drohung, sich an die Medien zu wenden, habe sie zu erreichen versucht, dass er wieder mit ihr spreche und lieb zu ihr sei. Ein perfides Spiel, sei das gewesen. Auch Bollag ist heute der Meinung, dass ihm die Frau wohl – wenn auch nicht unbedingt bewusst – in gewissen Bereichen etwas vorgemacht habe. «Ihre Verzweiflung war sicher echt», meint er. Letztlich kann die Frage aber offen bleiben, welche Absichten die Frau hatte. Aus den Unterlagen und Schilderungen von Josef Bollag geht jedenfalls deutlich hervor, dass er ihr Glauben schenkte.

Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen ihn eingestellt, weil mit Geri Müller eine Einigung erzielt werden konnte. Über die Details wurde Stillschweigen vereinbart, weshalb sich Bollag nur wage zur Frage äussert, ob Geld geflossen sei. «Die Verhandlungen fanden vorerst ohne explizite Erwähnung einer Geldforderung statt», sagt er. Nachdem die Vereinbarung zu Papier gebracht worden sei, habe der Anwalt von Geri Müller aber gefordert, dass er sich an den entstandenen Anwaltskosten beteilige. «Mit Rücksicht auf meine Gesundheit habe ich letztlich eingewilligt», sagt der heute 76-Jährige.

Weitere 700 Franken musste Bollag zahlen, weil die Staatsanwaltschaft ihm in der Einstellungsverfügung die Verfahrenskosten auferlegte. Möglich ist dies nur, wenn eine Person durch ihr Verhalten das Strafverfahren provoziert hat. «Das war klar nicht der Fall», sagt Bollag dazu. Fakt ist: In der Verfügung wird ihm vorgeworfen, er habe die «psychisch instabile und beeinflussbare» Chat-Partnerin manipuliert. Verwiesen wird auf zwei Chat-Protokolle, die belegen sollen, dass Bollag die Frau aufgefordert habe, ihr Handy und die Daten an Journalisten weiterzugeben.

Tatsächlich lässt sich aus den erwähnten Protokollen herauslesen, dass Bollag die Frau unterstützt hat und ihr riet, das verschlüsselte Handy im Büro eines Journalisten in Sicherheit zu bringen, falls sie es nicht in einem Bankschliessfach einschliessen könne. Ob ein Gericht dies als «Manipulation» oder «Aufforderung» taxiert hätte, ist fraglich. Wohl auch deshalb hielt es die Staatsanwaltschaft für vertretbar, den Fall einzustellen und Josef Bollag damit von Schuld und Strafe freizusprechen.

Morddrohungen waren eine grosse Belastung

Wird die Geschichte aus der Perspektive von Josef Bollag betrachtet, so hat sie kein Happy End. Aber durch die Einigung mit dem politischen Widersacher doch immerhin ein versöhnliches Ende. Und vielleicht sogar eine Moral: Auch wenn eine bestimmte Information genau in das Bild passt, das man sich von einer Person gemacht hat, kann man nie ausschliessen, dass einem bestimmte Informationen fehlen, die das Bild ganz anders aussehen lassen würden.

Josef Bollag hat am Schluss einen hohen Preis dafür gezahlt, dass er einem Menschen, den er kaum kannte, blind vertraut hat. «Der losgetretene Medienrummel und die Begleiterscheinungen – von antisemitischer Post bis zu Morddrohungen – waren für mich eine grosse Belastung», sagt er im Rückblick. Er hofft, nun einen Strich unter die Sache ziehen zu können.

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