Kolumne

Die WOZ träumte vom Coup gegen das WEF - doch dann schrieb ihr Klaus Schwab einen Brief...

Die linke «Wochenzeitung» (WOZ) beklagte sich, dass sie nicht am Weltwirtschaftsforum (WEF) teilnehmen dürfe. Dabei hatte sie nicht mit der Reaktion des WEF-Gründers gerechnet - und steckt nun im Dilemma.

Patrik Müller
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Diskutiert gern mit kritischen Geistern: WEF-Gründer Klaus Schwab. (Bild: AZ)

Diskutiert gern mit kritischen Geistern: WEF-Gründer Klaus Schwab. (Bild: AZ)

Die «Wochenzeitung» ist der sympathische Underdog der Schweizer Medienlandschaft. Sie gehört keinem der grossen Verlage an, ist weder linksliberal noch bürgerlich wie fast alle anderen Zeitungen, sondern links, sehr links. Und dies mit Erfolg: Die WOZ ist zwar eine kleine Zeitung, aber sie konnte ihre Leserzahl, ebenfalls im Unterschied zu anderen Blättern, in den vergangenen Jahren steigern, auf mittlerweile 97'000 LeserInnen (diese gendergerechte Schreibweise ist der WOZ entliehen).

Nun glaubte dieser David der Schweizer Presse den ganz grossen Coup gelandet zu haben, und erst noch gegen Goliath: Gegen das WEF, das World Economic Forum von Davos, diese «eitle, egoistische und elitäre» Veranstaltung (O-Ton WOZ). «WEF verweigert WOZ den Zutritt», titelte die Zeitung letzte Woche, und aus den Zeilen drang nicht nur Anklage, sondern auch Triumph. Hurra, wir haben einen Skandal! In dem Artikel hiess es, das WEF verweigere der WOZ den Zutritt zum nächsten Jahrestreffen - «als Grund wird der Akkreditierungsschluss Ende Oktober vorgeschoben, obwohl die WOZ ihre Anfrage vor dem Ende dieser Frist eingereicht hatte». Effektiv, so insinuierte die WOZ, sei sie in Davos unerwünscht, weil sie zu kritisch sei. In der schriftlichen Begründung habe es geheissen, das WEF bevorzuge jene Medien, mit denen es auch das Jahr über «zusammenarbeite».

Frank A. Meyer schaltet sich ein

Bei der WOZ hoffte man nach dieser Enthüllung auf eine mediale Empörungswelle, sicher in der Schweiz, wenn nicht weltweit. Jedenfalls zeigt sich die Zeitung in ihrer Folge-Ausgabe frustriert, dass kaum ein Medium über den Fall berichtet habe - nur «ein, zwei Onlinemeldungen» habe es gegeben und dazu, immerhin, eine Kolumne von Frank A. Meyer im «SonntagsBlick». Der wortgewaltige Ringier-Publizist und engagierte WEF-Gegner fordert kurzerhand, die Schweiz dürfe das WEF nicht mehr unterstützen: «Ein WEF, das die WOZ oder irgendeine andere relevante Publikation der Schweiz ausschliesst, darf von ebendieser demokratischen Schweiz nicht mehr subventioniert werden!» Meyer forderte die Medien auf, sich mit er WOZ «solidarisch» zu zeigen.

Klaus Schwab, der WEF-Gründer, erfuhr erst durch Meyers Kolumne, dass die WOZ angeblich von dem Anlass ausgeschlossen werden soll. Und so begann er sich kundig zu machen. Wer den Professor kennt, der das WEF vor 50 Jahren gründete, der weiss, dass der Ausschluss kritischer Stimmen nicht sein Ding ist, ganz im Gegenteil. Das gilt nicht nur für die Medien: Am WEF tummeln sich zwar viele CEOs und Unternehmer, aber ebenso viele Vertreter von Umweltorganisationen, Hilfswerken, Denkfabriken, Frauenorganisationen, «Social Entrepreneurs», Kirchen und sonstige eher anti-kapitalistische Teilnehmer. Das räumt die WOZ sogar ein, doch kehrt sie die Öffnung des Anlasses ins Negative. Diese diene vor allem der Einbindung kritischer Geister, schreibt die Zeitung und titelt dazu: «Schwabs erdrückende Umarmung.»

Klaus Schwab war nie ein «Raubtier-Kapitalist»

Es ist sicher nicht falsch, dass der Davoser Grossanlass mit der Öffnung auch PR-Zwecke verfolgte, flammten doch zu Beginn der 2000er-Jahre Proteste auf, als die Anti-Globalisierungsbewegung stärker wurde. Darauf musste das WEF reagieren. Doch Schwab wirkte immer ehrlich, wenn er sagte, er möge die intellektuelle Auseinandersetzung mit möglichst vielen, unterschiedlich denkenden «Stakeholdern». Im Verlauf der Jahre hörte man von ihm wiederholt globalisierungs- und kapitalismuskritische Töne. So kritisierte er schon vor der Finanzkrise 2007/2008 Exzesse von Managern und wies auf deren soziale und ökologische Verantwortung hin. Der Raubtier-Kapitalist, als den ihn die WOZ gern zeichnet, war Schwab nie. 

Und so ist seine Reaktion auf den WOZ-Wirbel ganz Schwab-like: Er schrieb der Zeitung einen Brief, wie diese auf den letzten 5 Zeilen ihres neusten, 200-zeiligen Artikels kleinlaut bekannt gibt. In dem handsignierten Schriftstück lädt Schwab die WOZ nicht nur ans WEF ein, sondern verleiht ihrem Redaktor auch gleich noch den Status «Media Leader». Mit diesem Badge können Journalisten, zumeist Chefredaktoren, ungehindert alle Anlässe im Kongresszentrum besuchen. 

Droht nun auch der WOZ die «tödliche Umarmung»?

Klar ist inzwischen, dass das WEF die WOZ nie wegen ihrer kritischen Haltung ausschliessen wollte, sondern dass diese wegen ihrer Last-Minute-Akkreditierungseingabe eine vorläufige Absage erhielt. Auch ohne ihren Empörungsartikel hätte die WOZ noch Zutritt bekommen. Jetzt steht die Zeitung vor einer heiklen Entscheidung: Soll sie Schwabs Einladung annehmen? Oder läuft dann auch sie Gefahr, Opfer einer «tödlichen Umarmung» zu werden?

Offenbar ist dieses Risiko doch nicht so gross, denn in einem Tweet hat die WOZ mitgeteilt, sie werde «nun doch vor Ort sein und kritisch über die Veranstaltung berichten».