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Oberste Lehrerin der Schweiz: Wo Dagmar Rösler die Baustellen der Schule sieht

Dagmar Rösler, oberste Lehrerin der Schweiz, warnt: Lehrermangel und Notlösungen im Schulzimmer bedrohen die Qualität der Schulen.
Interview: Lucien Fluri
Dagmar Rösler, die erste Frau an der Spitze des Lehrerverbandes, fordert genügend Mittel, um die Digitalisierung zu meistern. (Bild: Michel Lüthi, Bellach, 2. September 2019)

Dagmar Rösler, die erste Frau an der Spitze des Lehrerverbandes, fordert genügend Mittel, um die Digitalisierung zu meistern. (Bild: Michel Lüthi, Bellach, 2. September 2019)

Erstmals ist eine Frau oberste Lehrerin der Schweiz: Seit Anfang August steht die Solothurnerin Dagmar Rösler an der Spitze des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz mit seinen 56 000 Mitgliedern. «Manchmal bin ich schon ein bisschen am Schwimmen. Aber es fühlt sich trotzdem gut an», sagt die 47-Jährige in ihrem ersten grösseren Interview. Wir treffen sie im Schulhaus in Bellach SO. Hier unterrichtet sie trotz ihres neuen Amtes jeden Dienstagmorgen eine vierte Klasse. «Es ist ein grosser Aufwand, aber es lohnt sich.» Den Kontakt zur Basis will sie nicht verlieren.

Gefiel es Ihnen in der Schule?

Dagmar Rösler: Ich ging immer gerne in die Schule. Es gefiel mir, weil es abwechslungsreich war. In einem Schulzimmer passiert so viel. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Die 1. bis 3. und die 4. bis 6. Klasse wurden zusammen unterrichtet.

Was für eine Schülerin waren Sie?

Ich war eine Schülerin, die sehr viel Energie hatte – nicht gerade verhaltensauffällig, aber ich habe meine Lehrer teilweise schon getestet (lacht).

Würden Sie lieber heute zur Schule gehen?

Nein, weil ich gute Erinnerungen an meine Schulzeit habe. Aber es würde mir sicher auch heute in der Schule gefallen. Früher wurde viel weniger auf das einzelne Kind eingegangen. Das hat sich stark verändert und ist eine positive Entwicklung.

Die erste Frau an der Spitze

Acht Jahre lang stand Dagmar Rösler, 47, an der Spitze des Solothurner Lehrerverbandes, bevor sie als erste Frau an die Spitze des Schweizer Lehrerverbandes gewählt wurde. Rösler löste auf Anfang August Beat Zemp ab, der fast 30 Jahre lang den Verband geprägt hat. Rösler, aufgewachsen im Solothurner Schwarzbubenland, ist Mutter zweier Teenager. Sie wohnt mit ihrer Familie in Oberdorf SO.

Sie sind seit einem Monat oberste Lehrerin. Was ist das heisseste Eisen, das Sie anpacken müssen?

Der Mangel an Lehrpersonen ist ein riesiges Problem, das auf uns zukommt. Kurz vor Beginn des Schuljahres 2019/20 gaben in einer Umfrage des Deutschschweizer Schulleiterverbandes 90 Prozent der Schulleitungen an, dass sie Mühe haben, adäquat ausgebildete Lehrpersonen zu finden. Wenn man sieht, dass in den nächsten Jahren über 100 000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler in die Schule kommen und die Babyboomer unter den Lehrern pensioniert werden, macht mir dies Sorgen. Dieser Fachkräftemangel droht zu einer Qualitätsfrage zu werden.

Weshalb?

Man ist gezwungen, an den Schulen Notlösungen zu suchen, um offene Stellen zu besetzen – mit PH-Studenten, Seniorinnen oder Leuten, die die nötige Erfahrung oder die entsprechende Ausbildung nicht haben. Dies greift die Qualität der Schulen an. Dafür werden am Ende wir Lehrerinnen und Lehrer verantwortlich gemacht.

Es fehlen vor allem auch Männer im Lehrerberuf.

Das ist richtig. Es ist wichtig, dass Kinder auch mit Lehrern in Kontakt kommen. Dass es weniger Männer im Beruf gibt, hat wohl auch damit zu tun, dass sich Männer stärker mit Karriere oder Lohnentwicklung auseinandersetzen. Im Lehrerberuf kann man sich nur in geringem Masse beruflich weiterentwickeln. Daneben mangelt es an gesellschaftlicher Anerkennung. Es ist bis heute nicht gelungen, sichtbar zu machen, was Lehrerinnen und Lehrer alles leisten. Wenn man als Ferientechniker und ewiger Besserwisser abgestempelt wird, ist es nicht attraktiv, den Job zu ergreifen.

Welche Themen stehen sonst an?

In meinen Augen muss etwas bei der Frühförderung geschehen, also im Alter von 1 bis 4 Jahren. Dies ist eigentlich nicht unser Gebiet, aber die Schule ist mit der Tatsache konfrontiert, dass vermehrt Kinder in den Kindergarten kommen, die nicht richtig Deutsch sprechen oder nicht sozialisiert sind. Man kann kaum mit diesen Kindern kommunizieren, oder sie sind es nicht gewohnt, sich mit anderen Kindern auseinanderzusetzen.

Ist es wirklich eine Aufgabe des Staates, dies zu leisten?

Klar kann man sagen, dass dies den Staat nichts angeht und die Eltern verantwortlich sind. Die Realität sieht einfach anders aus: Es gibt Kinder, die Unterstützung brauchen, bevor sie in den Kindergarten kommen. Sie müssen eine Hilfestellung erhalten, Deutsch zu lernen und mit anderen Kindern in Kontakt zu treten. Es geht nicht darum, alle gleich zu machen. Es geht um eine Starthilfe ins Leben.

Ebenso umstritten sind Tagesstrukturen.

Ich finde das überhaupt keine umstrittene Sache. Aber ja, in der Tat gibt es immer noch Leute, die meinen, man solle halt zu Hause bleiben, wenn man Kinder haben will. Diese Zeiten sind vorbei. Die Schweiz muss in Sachen Tagesstrukturen und Kinderbetreuung unbedingt vorwärtsmachen. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Es ist ein grosser Effort, zu arbeiten, wenn man gleichzeitig Kinder zu Hause hat. Es geht ja nicht darum, dass der Staat alles kostenlos zur Verfügung stellt. Aber es sollte so ausgestaltet sein, dass Familie und Beruf einfacher zu vereinbaren sind.

Wie wird sich die Schule künftig entwickeln?

Die Schule wird nicht umgepflügt. Aber die Digitalisierung wird Veränderungen bringen. Der Computer wird im Unterricht mehr eingesetzt werden. Das kann Möglichkeiten eröffnen, den Unterricht individueller zu gestalten. Gleichzeitig werden das soziale Lernen, die Kreativität, eigene Lösungswege zu finden, wichtiger.

Wie verändert die Digitalisierung die Schule konkret?

Alle reden von Digitalisierung, aber niemand weiss, wo sie hinführt. Wir können etwa noch nicht mit Sicherheit sagen, wie sich bestehende Berufe verändern. Trotzdem müssen die Schülerinnen und Schüler auf ihr späteres Berufsleben vorbereitet werden. Das finde ich eine grosse Herausforderung.

Ist die Schule vorbereitet?

Die Frage ist: Können wir mit den Ressourcen, die wir erhalten, die Erwartungen der Gesellschaft erfüllen? Man hat bei den Fremdsprachen auch Erwartungen geschürt, die wir mit den vorgegebenen Lektionen nicht erfüllen können.

Das heisst, die Erwartungen sind höher als die Mittel?

Das kann man generell so nicht sagen. Aber je nach Kanton und Gemeinde ist die Situation sehr unterschiedlich. Damit man die Geräte im Unterricht wirklich effektiv einsetzen kann, muss jeder Schüler, jede Schülerin ein Gerät zur persönlichen Nutzung erhalten. Es braucht gut ausgerüstete Schulhäuser, in denen das Internet zuverlässig funktioniert. Es braucht sowohl technischen also auch pädagogischen Support vor Ort. Bis es so weit ist, dauert es jedoch noch, auch weil nicht jede Gemeinde sofort investieren kann.

In elf Kantonen laufen Petitionen zur freien Schulwahl.

Dies ist eine Bewegung, die uns Sorgen bereiten muss. Die staatliche Volksschule ist eine wichtige Komponente unserer demokratischen Gesellschaft. Sie sorgt dafür, dass Kinder und Jugendliche aus allen Schichten und mit unterschiedlichen Leistungsniveaus gemeinsam zur Schule gehen. Dieses Zusammenleben widerspiegelt unsere Gesellschaft. Sollte jeder selbst entscheiden, wo sein Kind in die Schule geht, fördert dies eine Zweiklassengesellschaft.

Es könnte ja den Wettbewerb unter den Schulen positiv anheizen.

Ein Stück weit ist dieser Gedanke nachvollziehbar. Aber es funktioniert höchstens in der Theorie. Freie Schulwahl benachteiligt die ländlichen Gegenden und gefährdet die Chancengerechtigkeit und den sozialen Zusammenhalt. Es ist ein städtisches Konzept, das Reiche bevorzugt.

Man hört von Helikoptereltern oder Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern.

Mit 80 Prozent der Eltern unserer Schülerinnen und Schülern ist die Zusammenarbeit sehr gut. Wir nennen sie gerne unsere «critical friends». Dann gibt es einige wenige, die uns das Leben schwermachen, da sie sich nicht um ihre Kinder kümmern. Diese kommen übermüdet, ohne Frühstück oder ohne gemachte Hausaufgaben in die Schule. Und ja, es gibt auch Eltern, bei denen wir keine Chance haben, etwas richtig zu machen, weil es um ihr Kind geht, das nur das Beste verdient.

Das ist ja nicht falsch.

Natürlich ist es zu begrüssen, wenn Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Es ist auch richtig, dass man sich als Eltern in der Schule meldet, wenn etwas schiefläuft. Aber es ist schwierig für uns, wenn das Beste einfach das ist, was die Eltern wollen, und Lehrerinnen und Lehrer keine Chance haben, etwas richtig zu machen. Es gibt eine Tendenz, dass man versucht, den Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Das ist kein Gefallen, der da fürs Kind geleistet wird, denn irgendwann muss es selber in der grossen weiten Welt bestehen.

Die Schule steht oft im Fokus der Politik. Sie soll viele gesellschaftliche Probleme lösen.

Wir müssen unglaublich viel unter einen Hut bringen. Die Ansprüche an die Schulen sind stetig gewachsen und damit ihre Aufgaben: vom Velofahren über Zähneputzen, die Ernährung bis zum Littering. Man muss dies zurückbinden. Irgendwann übersteigt sonst der Auftrag an die Schule deren Kapazität. Es können nicht alle gesellschaftlichen Probleme in der Schule behoben werden.

Wie haben Sie Ihren ersten Monat als höchste Lehrerin erlebt?

Ich hatte ja ein Jahr Zeit, um mich und meine Familie auf die Veränderung vorzubereiten. Trotzdem war es ein Sprung ins kalte Wasser. Im Moment bin ich noch daran, viele neue Gesichter, Themen, Abkürzungen und Arbeitsfelder kennen zu lernen, aber ich finde es sehr spannend.

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