Dieses «Live-Protokoll» einer Lehrerin zeigt, wo beim Contact-Tracing der Wurm drin steckt

44 Stunden dauerte es nach einem positiven Corona-Test ihres Sohnes, bis eine Mutter im Aargau eine Warnung per SwissCovid-App erhielt. Und nochmals weitere 16 Stunden, bis sich die Contact-Tracer meldeten. Epidemiologe Marcel Salathé kritisiert die Kantone scharf.

Adrian Müller/watson.ch
Drucken
Teilen
Nach einer möglichen Ansteckung dauerte es mehrere Stunden bis der Code für die Covid-19-App kam.

Nach einer möglichen Ansteckung dauerte es mehrere Stunden bis der Code für die Covid-19-App kam.

Keystone

Für die meisten Leute sind Corona-Fälle abstrakte Meldungen. Wann kommt der Code für die Covid-App? Wer muss in Quarantäne? Was dann geschieht, kann man sich auch sechs Monate nach Ausbruch der Pandemie kaum vorstellen.

Die Kanti-Lehrerin Monika Stiller bringt Licht ins Dunkel. «Covid-19 hat unsere Familie erreicht»: Auf Twitter schreibt die Aargauerin ein viel beachtetes «Live-Protokoll» über ihre Erfahrungen. Die Zeitangaben bringen neue Erkenntnisse, wie zähflüssig das Contact-Tracing in der Schweiz nach wie vor funktioniert.

Stiller befindet sich in Quarantäne, nachdem ihr Sohn positiv auf das Virus getestet wurde. «Wegen Kopfschmerzen und asthmatischer Beschwerden hat er noch am Freitag einen Test gemacht, am Samstagabend dann das positive Ergebnis erhalten.»

42 Stunden bis zum Covid-App-Code

Vorbildlicherweise hat die Familie Stiller die SwissCovid-App auf ihrem Handy installiert. «Was mich wundert/irritiert: Sohn hat seinen positiven Befund seit 2 Tagen und wartet noch immer auf den Code, mit dem er dies an die Covid-App melden kann», schreibt sie am Montag weiter.

Die App sollte dann jene Personen warnen, welche sich möglicherweise angesteckt haben könnten. Die Codes können nur die Kantonsarztämter ausstellen. Es dauerte nach dem positiven Test des Sohnes 42 Stunden, bis dieser von den Aargauer Behörden den entsprechenden Code für die SwissCovid-App erhält. Zwei Stunden, nachdem der Sohn den Code in die App eingegeben hat, meldet die SwissCovid-App von Monika Stiller eine «mögliche Ansteckung».

16 Stunden nach der App-Warnung ruft schliesslich ein Mitarbeiter des Contact-Tracing-Teams an und informiert Monika Stiller über den Corona-Fall ihres Sohnes und dass sie auf der Kontaktliste stehe.

Insgesamt dauert es also gut 60 Stunden vom positiven Test-Ergebnis bis zum Anruf des kantonalen Contact-Tracers.

Salathé äussert Kritik

Am Dienstag schaltet sich der Epidemiologe Marcel Salathé in die Diskussion ein. «Liebe Kantone, so läuft euch die Zeit davon. Die schnellste Technologie nützt nichts, wenn das Zuvor und das Danach dermassen langsam ist», schreibt er auf Twitter.

Auf Nachfrage von watson hinterfragt Salathé die von den kantonalen Behörden organisierten Contact-Tracing-Prozesse: «Wäre der Code gleich mit dem Testresultat ausgestellt worden, hätten die App-Kontakte schon nach zwei Stunden eine Meldung erhalten.»

Kanton vertröstet

Wieso dauerte es im aktuellen Fall von Familie Stiller so lange, bis der Code für die Covid-App gesendet wurde? Was ist die durchschnittliche Zeitdauer, bis der Code für die SwissCovid-App im Durchschnitt vom Kantonsarztamt ausgestellt wird?

Die Aargauer Gesundheitsdirektion konnte eine watson-Anfrage vor Redaktionsschluss nicht beantworten und stellte die Antworten für Mittwoch in Aussicht.

Die lange Zeitdauer ist übrigens kein Einzelfall. Anfang August sorgte in Genf ein Fall für Schlagzeilen, wo ein positiv getesteter Mann ganze zehn Tage auf seinen Code für die SwissCovid-App wartete. Der kantonsärztliche Dienst meldete sich erst bei ihm, nachdem er auf Twitter seinem Ärger öffentlich Luft gemacht hatte:

Das Happy-End

Am Dienstagnachmittag kann Monika Stiller erstmals aufatmen. Per SMS wurde ihr mitgeteilt, dass ausser dem Sohn alle Familienmitglieder negativ getestet worden sind. Dem Sohn gehe es den Umständen entsprechend gut, sagt sie zu watson.

Warum hat aber Stiller eigentlich überhaupt öffentlich über ihren Fall berichtet? Stiller betont, dass sie mit ihren Tweets keineswegs die Arbeit des Kantons bewerten wolle. Es gehe ihr darum, ihre Kolleginnen und Kollegen über die Abläufe im Quarantänefall zu informieren.