Coronakrise
Diskrete Impfaktion: Schweiz pikst erstmals Diplomaten im Ausland – einfache Bürger fühlen sich im Stich gelassen

Der Bund lässt Impfstoffe und medizinisches Personal ins Ausland fliegen, um Botschaftsangestellte zu impfen. Manche Auslandschweizer warten dagegen vergebens auf Vakzine.

Sven Altermatt
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Mit Impfungen in Schweizer Botschaften will der Bund «den Betrieb mit der gewohnten Wirksamkeit aufrechterhalten».

Mit Impfungen in Schweizer Botschaften will der Bund «den Betrieb mit der gewohnten Wirksamkeit aufrechterhalten».

Bild: Sandra Ardizzone

Die Aktion soll nicht an die grosse Glocke gehängt werden. Denn manche dürften darauf eher verärgert reagieren: Das Schweizer Aussendepartement (EDA) lässt erstmals auch Diplomatinnen und Diplomaten im Ausland gegen das Coronavirus impfen. In diesem Tagen bekommen als erstes Botschaftsangestellte in Brasilien, Thailand und Myanmar den Piks. Dafür wurden Vakzine aus der Schweiz in die Vertretungen in den drei Ländern geliefert. Vor Ort kümmert sich teils eigens eingeflogenes medizinisches Personal um die Impfungen.

Das EDA bestätigt entsprechende Informationen von CH Media. Die Rede ist von Pilotprojekten bei den Vertretungen im thailändischen Bangkok, in Myanmars Metropole Yangon sowie an den drei brasilianischen Standorten Brasilia, São Paulo und Rio de Janeiro. Eine Sprecherin erklärt weiter: «Dank zusätzlichem Impfstoff impft das EDA auch Mitarbeitende an weiteren ausgewählten Schweizer Botschaften gegen Covid-19.»

Vakzine für die Angestellten: Schweizer Botschaft in Bangkok.

Vakzine für die Angestellten: Schweizer Botschaft in Bangkok.

Bild: EDA

Dies sei notwendig, «um den Betrieb mit der gewohnten Wirksamkeit aufrechterhalten zu können». Zuerst berücksichtigt das EDA jene Orte, wo es keine Impfmöglichkeiten für die Mitarbeitenden gibt, die Pandemiesituation kritisch ist und das Gesundheitssystem stark unter Druck steht.

Schweizer Staatsbürger im Ausland sehen sich im Nachteil

Pikant ist die Aktion vor dem Hintergrund, dass sich Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer bei der Impfung benachteiligt sehen. Ihre Vertreter sind jüngst gar mit einem eigentlichen Hilferuf ans EDA gelangt. Man müsse dringend eine Lösung finden für jene Landsleute, die im Ausland keinen Zugang zur Covid-19-Impfung haben, fordert die Auslandschweizer-Organisation (ASO).

Doch das Departement von Bundesrat Ignazio Cassis wiegelt ab. Zuerst müsse die Versorgung der in der Schweiz lebenden Personen gewährleistet werden, heisst es in der Coronastrategie des Bundesrats. Erst dann könnten die Auslandschweizer berücksichtigt werden. Doch dies werde «nicht vor Herbst 2021 der Fall sein».

Gegenüber Radio SRF äusserte ASO-Präsident Remo Gysin diese Woche sein Unverständnis. «Aus unserem Blickwinkel ist das eine klare Verletzung der Rechtsgleichheit», sagte er. Ausgerechnet in Thailand etwa erhielten ausländische Bürger derzeit trotz steigender Fallzahlen keine Impfung. Gysin sprach von einer Notsituation:

«Das ist krass, da muss der Bund jetzt dringend handeln.»

Tatsächlich bieten andere europäische Länder ihren Staatsangehörigen auch im Ausland den von ihnen beschafften Impfstoff an, so etwa Frankreich.

Scharfe Kritik gab es auch aus dem diplomatischen Korps

Warum wird nicht auch für Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer hiesiger Impfstoff ausgeflogen? Das EDA verweist diesbezüglich jeweils auf Vertragsbestimmungen, wonach die vom Bund beschafften Dosen ausschliesslich in der Schweiz verwendet werden können. Man kläre eine Abgabe im Ausland derzeit mit den Herstellern ab. Ohnehin lebten lediglich einige tausend Schweizer in Ländern, in denen der Zugang zur Impfung schwierig sei.

Aus dem diplomatischen Korps gab es freilich ebenfalls teils heftige Kritik an der Berner Zentrale. Viele baten monatelang vergebens darum, dass Impfstoff geliefert wird. «Diplomaten fühlen sich vom EDA im Stich gelassen», titelte die «NZZ am Sonntag» im Mai. Manche Staaten hatten zu diesem Zeitpunkt ihr Botschaftspersonal längst in den Gastländern impfen lassen.