DIPLOMATIE: Van der Bellens Antrittsbesuch bei Freunden

In Minne ist am Donnerstag die Visite des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen in Bern über die Bühne gegangen. Gar die Medaillen an der Ski-WM scheint man sich inzwischen zu gönnen.

Roger Braun
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Mit militärischen Ehren empfangen: Alexander Van der Bellen und Doris Leuthard auf dem Berner Münsterplatz.

Mit militärischen Ehren empfangen: Alexander Van der Bellen und Doris Leuthard auf dem Berner Münsterplatz.

Roger Braun

Hätte Norbert Hofer die Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten gewonnen, wäre die Stimmung wohl eine andere gewesen. Doch da sich schliesslich der grüne Kandidat Alexander Van der Bellen gegen den rechtsnationalen FPÖ-Politiker durchgesetzt hat, war es der Konsenspolitiker und gefeierte Populistenschreck, der gestern der Schweiz einen Besuch abstattete.

Entsprechend harmonisch ist die Atmosphäre auf dem Berner Münsterplatz. Die Sonne strahlt, die Militärmusik verbreitet Feststimmung, unter den Lauben verfolgen Dutzende von Passanten die Begrüssungszeremonie. Gross ist der Kontrast zum chinesischen Staatsbesuch vor einem Monat, als die Innenstadt grossräumig abgesperrt war und Passanten mit Polizeigewalt abgedrängt wurden.

Eine Tradition wird fortgesetzt

Mit breitem Grinsen begrüsst Bundespräsidentin Doris Leuthard den österreichischen Bundespräsidenten Van der Bellen und verwickelt ihn unverzüglich in eine nette Plauderei. Protokollgemäss schreiten die beiden die Militärparade ab. Leuthard in einer Art, als ob sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht hätte, Van der Bellen etwas zögerlich. Schliesslich weist Leuthard ihrem leicht orientierungslosen Amtskollegen den Weg zurück zum roten Teppich. Auf der kurzen Strecke zum Von-Wattenwyl-Haus winken die beiden lächelnd den Zuschauern zu.

Eine gute Stunde lang unterhalten sich die beiden dann mit ihren Delegationen im altehr­würdigen Patrizierhaus über die bilateralen Beziehungen, die Europapolitik sowie die Migration. Danach treten sie vor die Medien. Und weiterhin herrscht eitel Sonnenschein. Mit dem ersten bilateralen Besuch des Bundespräsidenten in der Schweiz führe Österreich eine schöne Tradition fort, sagt Leuthard. «Das ist Ausdruck enger Verbundenheit zwischen den beiden Ländern.» Eine jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertelange Freundschaft bestehe zwischen den beiden Ländern. Die bilateralen Beziehungen seien bestens, so Leuthard. «Darüber mussten wir uns nicht lange unterhalten.»

EU-Freund sieht sich als Anwalt der Schweiz

Genau gleich klingt es aus österreichischem Mund. «Eng, vertrauensvoll und wolkenfrei» sei die Beziehung zwischen den beiden Ländern, sagt Van der Bellen. «Ich wünschte, wir hätten mit all unseren Nachbarn eine solch gute Partnerschaft.» Damit ist die Lobeshymne noch nicht zu Ende: «Wir sind uns bewusst, dass die Schweiz in vielen Bereichen erfolgreicher ist als Österreich», sagt er, so zum Beispiel bei der Innovationsförderung. Hier könne Österreich viel von der Schweiz lernen. Van der Bellen sagt, er sehe keine wunden Punkte im Verhältnis. Das gelte sogar für den Sport. «Wir gönnen der Schweiz an der Ski-WM jede Medaille», sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: «Doch die WM ist noch nicht vorbei, wir sind hoffnungsvoll.»

Im angespannten Verhältnis zwischen der EU und der Schweiz sieht sich der bekennende Europäer weniger als Anwalt der EU, sondern als Anwalt der Schweiz, wie er sagt. In kompletter Übereinstimmung sehen sich Leuthard und Van der Bellen auch bei der Diskussion um die Perso­nenfreizügigkeit. Diese sei zu erhalten, gleichzeitig aber gegen Sozialmissbrauch und Dumpinglöhne vorzugehen. Inmitten der Journalisten steht inzwischen Bundesrat und Vizepräsident Alain Berset und hört aufmerksam zu. Als Van der Bellen die Einladung an Leuthard zu einem Besuch auf der Wiener Hofburg zum zweiten Mal ausspricht, wird endgültig klar: Hier haben sich zwei Freunde getroffen.