Drei Ärzte, drei Skandale: Diese Götter in Weiss sorgen für Empörung

Geschönte Berichte über Operationen, zugeschanzte Patienten - und der Vorwurf, eine Frau mit Hirntumor als Versuchskaninchen missbraucht zu haben: Gleich drei hochrangige Ärzte an Schweizer Kliniken stehen im Kreuzfeuer der Kritik. Heute fällt ein Entscheid.

Kari Kälin
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Fall 1: Francesco Maisano, Direktor der Klinik für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich

Noch am 10. Januar verbreitete das Universitätsspital eine Jubelmeldung. Das renommierte medizinische Rankinginstitut «Expertscape» habe ihm die Auszeichnung als weltweiten Topexperten für Mitralklappen verliehen. Knapp ein halbes Jahr später steht der Starchirug im Zentrum eines Skandals, den in der vergangenen Woche die Tamedia-Zeitungen publik machten.

In Gang gebracht hat die Affäre ein Whistleblower, der sich im vergangenen Dezember mit einer Reihe von Vorwürfen an die Spitaldirektion wandte. Unter anderem soll der Herzchirurg Operationsergebnisse geschönt und Komplikationen in wissenschaftlichen Publikationen ebenso verschwiegen haben wie Interessenkonflikte. Namentlich seien bei Operationen neue medizinische Produkte von Firmen getestet worden, an denen Maisano beteiligt war.

Die Anwaltskanzlei Walder Wyss untersuchte im Auftrag der Spitaldirektion die Vorwürfe. Sie kam etwa zum Schluss, dass bis auf eine alle untersuchten Publikationen «beschönigende, teilweise gar unrichtige Behauptungen» enthielten.

In einem Fall schrieb Maisano, die Operation sei ohne besondere Zwischenfälle verlaufen, obwohl die Patientin reanimiert werden musste. Der zuweisende Arzt bezeichnete die Operation einen Monat danach denn auch als «mässig» gelungen.

Die Anwaltskanzlei konstatierte zudem «erhebliche Unregelmässigkeiten» in den Bewilligungsunterlagenund den Patientenaufklärungen bei den untersuchten Fällen zur Behandlung von Herzklappen. So habe Maisano etwa bei Bewilligungsgesuchen an die Heilmittel- und Zulassungsbehörde Swissmedic «irreführende, wenn nicht falsche» Angaben gemacht.

Die Spitaldirektion anerkennt «umfassenden Handlungsbedarf». Und die Universität Zürich hat am Dienstag ein Verfahren wegen Verdacht auf Unlauterkeit in der Wissenschaft gegen Maisano eingeleitet, wie Sprecher Beat Müller mitteilt. «Externe Gutachter werden untersuchen, ob die wissenschaftliche Integrität bei den Publikationen eingehalten wurde», schreibt Müller weiter. Zudem überprüfe die Universität Zürich die Interessenbindungen und Nebenbeschäftigungen von Maisano. Je nach Resultat des Gutachtens muss der Herzchirurg mit einer fristlosen Entlassung rechnen.

Fall 2: Martin Rücker, Direktor für Kieferchirurgie, Universitätsspital Zürich

Martin Rücker

Martin Rücker

Bild: PD

Auch einem zweiten Chefarzt am Unispital bläst ein steifer Wind ins Gesicht. Martin Rücker, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, liess sich systematisch Patienten in seine Privatpraxis überweisen, wo er sie auf eigene Rechnung behandelt habe. Das enthüllte die «NZZ am Sonntag».

Seine Privatpraxis hat Rücker am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich angesiedelt. Das Universitätsspital Zürich finanziert nicht nur die Räumlichkeiten für die Privatbehandlungen, sondern auch das Personal, das ihm hilft. Das Honorar fliesst auf Rückers Konto, die Kosten bleiben beim Spital hängen.

Laut dem Zeitungsbericht setzt Rücker etwa Zahnimplantate ein nach Bagatellunfällen wie Stürzen, Sportunfällen oder Schlägereinen. Die Patienten erhalten offenbar nach einer Erstversorgung in der Uniklinik einen Termin für Rückers Privatklinik. Ein ähnliches Muster zeigt sich offenbar bei einer zweiten Gruppe von Patienten, die bei Rücker landen. Es geht um Neugeborene mit asymmetrischer Kopfform.

Brisant ist: Das Gesetz und ein internes Reglement des Universitätsspitals besagen, dass Kaderärzte nur Patienten auf private Rechnung behandeln dürfen, die ihnen persönlich zugewiesen werden. Bei Rücker geschah dies aber offenbar nicht einmal in der Hälfte aller Fälle.

Die Turbulenzen am Unispital haben jetzt die Politik auf den Plan gerufen. Im Zürcher Kantonsrat, der die Oberaufsicht über das Unispital ausübt, wollen SP, GLP, Grüne und EVP jetzt gemeinsam Massnahmen ergreifen.

Fall 3: Javier Fandino, ehemaliger Chefarzt am Kantonsspital Aarau

Prof. Dr. med. Javier Fandino, Chefarzt Neurochirurgie Kantonsspital Aarau. (15. April 2015)

Prof. Dr. med. Javier Fandino, Chefarzt Neurochirurgie Kantonsspital Aarau. (15. April 2015)

Sandra Ardizzone

Mit happigen Vorwürfen sieht sich auch Javier Fandino konfrontiert. Dem ehemaligen Chefarzt für Neurochirurgie des Kantonsspitals Aarau wird gemäss einem Parteigutachten vorgeworfen, eine Patientin als Versuchskaninchen missbraucht zu haben. Diese hat beim Bezirksgericht Aarau mit Unterstützung einer Anwältin eine Klage deponiert.

Demnach soll Fandino 2013 bei der Behandlung eines Hirntumors eine Technik angewandt haben, über die er sie nicht aufgeklärt und für die er auch ihre Bewilligung nicht eingeholt habe. Fandino soll die sogenannte Fluoreszenztechnik angewandt haben, die den Tumor besser sichtbar macht. Der Parteigutachter, der pensionierte Neurochirug Gerhard Hildebrandt, taxierte den Einsatz der Farbtechnik als unnötig und unangebracht.

Er kritisierte zudem scharf, dass Fandino der Patientin einen Teil des Temporallappens herausgeschnitten und sie darüber nicht informiert habe. Das Kantonsspital Aarau teilte mit, ein Gegengutachten komme in den aufgeführten Fällen zu anderen Schlüssen. Fandino seinerseits sagte, die «intraoperative Fluoreszenz» sei weltweit etabliert für die Visualisierung der Hirntumore unter dem Mikroskop. «Wir haben unsere Erfahrungen diesbezüglich publiziert, Nebenwirkungen der Substanz sind sehr selten bekannt.» Die Aussage «Teil des Hirnlappens herausgeschnitten» sei aus seiner Sicht nicht korrekt.

Das Kantonsspital Aarau gab Ende April überraschend die Trennung von Fandino bekannt. Weshalb die Zusammenarbeit beendet wurde, ist weiterhin unklar.