DROGEN: Cannabishandel spült 30 Millionen Franken in die Staatskasse

In der Schweiz ist ein Hanfboom ausgebrochen. Das einst verteufelte Kraut ist inzwischen an Kiosken, Tankstellen und in Cafés erhältlich. Ein Ende des Wachstums ist nicht absehbar.
Roger Braun
THC-armes Cannabis steht derzeit hoch im Kurs. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

THC-armes Cannabis steht derzeit hoch im Kurs. (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Roger Braun

Für viele klingt es nach einem Widerspruch: legales Cannabis. Jahrzehntelang wurde in der Schweiz der Hanfanbau polizeilich verfolgt, nun boomt er wie noch nie. Verantwortlich dafür ist ein Bauernhof im zürcherischen Ossingen. Hier leben Dario Tobler, Geschäftsführer der Firma Bio Can, sowie Firmen- und Geländebesitzer Markus Walther. Sie sind es, die vom Bundesamt für Gesundheit am 9. August letzten Jahres erstmals eine Bewilligung für den Vertrieb von Hanfblüten als Tabakersatzprodukt erhielten.

Es ist kein gewöhnliches Cannabis, das Bio Can anbaut. Der Gehalt des psychotropen Wirkstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) liegt bei den gezüchteten Hanfpflanzen ausserordentlich tief. Damit bleibt der Rausch aus, der konventionellen Kiffern so wichtig ist – und zur politischen Verteufelung der Pflanze geführt hat. Im Gegenzug enthalten die Pflanzen sehr viel Cannabidiol (CBD), das entspannend auf den Körper wirkt und keinerlei Abhängigkeit schafft. Die so gezüchtete Hanfblüte fällt damit nicht unter das Betäubungsmittelgesetz des Bundes.

Anbaufläche steigt und steigt

Am 12. August ging die erste Packung der Cannabismarke Cpure über die Theke. Danach ging’s Schlag auf Schlag. Hanfläden, verteilt über die ganze Schweiz, bestellten den legalen, CBD-reichen Hanf. Es folgten Rauchwarengeschäfte, Shisha-Lounges, Kioske; kürzlich wurde in Dübendorf der erste Coffeeshop der Schweiz eröffnet. Inzwischen verkaufen sogar Tankstellenshops das Gras.

Bestellt werden kann auch online. 10 Gramm sind je nach Sorte bereits ab 24 Franken zu haben. Das ist etwa ein Viertel des Preises, das für THC-haltiges Cannabis auf dem Schwarzmarkt ausgegeben wird. Über 60 Läden beliefert Bio Can bereits – und es ist gut möglich, dass dies erst der Anfang ist. Kürzlich haben mehrere Grossverteiler für Kioske und Automaten Interesse angemeldet. Sind die Hanfblüten erst mal in deren Sortiment, dürfte Cannabis in der Auslage zur Normalität werden.

Anfangs haben Tobler und Walther ihre Hanfpflanzen in acht Gewächshäusern auf einer Fläche von 50'000 Quadratmetern angebaut. Inzwischen ist es das Achtfache. Das entspricht etwa acht Fussballfeldern. Dazugekommen sind weitere Gewächshäuser, aber auch Industriehallen, wo die Pflanzen mit Kunstlicht genährt werden. Im Sommer soll zusätzlich auch unter freiem Himmel angebaut werden.

Hochprofessionelle Firmen sind investiert

Tobler und Walther sind zwar die mit Abstand grössten Anbieter von CBD-Hanfblüten, doch allein auf dem Markt sind sie schon lange nicht mehr. Die Erfolgsmeldung hat schnell die Runde gemacht, die Konkurrenz wächst. Avalon, Budz, Hempi oder wie sie alle heissen: Inzwischen gibt es zig weitere Cannabismarken, die legal vertrieben werden. Viele davon werden von etablierten Hanfshops angebaut.

Daneben gibt es Anbieter, die so gar nichts mehr mit Hippie-Romantik und Bewusstseinserweiterung zu tun haben. Zum Beispiel die Ai Fame/Ai Lab Swiss aus dem Ausserrhoder Wald-Schönengrund. Seit Jahren forscht das Unternehmen an der Hanfpflanze, um Medikamente daraus zu entwickeln. Nun ist es ebenfalls auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Seit September letzten Jahres hat dessen Vertriebspartner Swiss Cannabis zehn Hanftheken in den grösseren Städten der Schweiz eröffnet. Laut Geschäftsführer Fabio Bernasconi schreibt jede Filiale seit dem ersten Monat schwarze Zahlen. Das Sortiment an CBD-haltigen Cannabisprodukten ist breit. Neben Hanfblüten umfasst es Öle, Salben, Tropfen, Kapseln oder Extrakte. Viel Wert legt die Firma auf einen seriösen Auftritt. Das Innere einer Hanftheke erinnert eher an eine Apotheke als an einen Hanfshop. «Wir wollen uns bewusst von der Kifferszene abgrenzen», begründet Bernasconi. In den Hanftheken stünde nicht das Rauchen der Blüten im Vordergrund, sondern die daraus hergestellten Produkte. Der Grossteil der Kunden sind denn auch älter als 40 Jahre, wie Bernasconi sagt. Kassenschlager sind nicht die reinen Hanfblüten, wie dies in Hanfshops der Fall ist, sondern die CBD-Tropfen, die oral eingenommen werden.

Gegenmittel für chronische Leiden

Offensichtlich steht bei vielen Kunden nicht der reine Genuss im Vordergrund, sondern die medizinische Wirkung. Damit geworben werden darf jedoch nicht, da die Produkte nicht als Heilmittel, sondern als Tabakersatzprodukt zugelassen sind. Wissenschaftlicher Nachweis hin oder her: Patienten berichten über entzündungshemmende, antiepileptische und angstlösende Wirkungen von CBD-reichem Cannabis. Dies bietet gerade Personen mit chronischen Schmerzen eine Chance auf Linderung.

Unbestritten ist, dass in der Schweiz laufend mehr legales Hanf in den Verkauf gelangt. ­ «In der Branche herrscht Gold­gräberstimmung», sagt Bio-Can-Geschäftsführer Tobler. Seine Firma hat in den ersten dreieinhalb Monaten gegen 700 Kilogramm Hanfblüten abgesetzt. In der Zwischenzeit wurde die Anbaufläche ausgedehnt, zudem sind zahlreiche Mitbewerber dazugekommen. Tobler rechnet mit mehreren Tonnen Cannabis, die diesen Herbst auf den Markt kommen werden. Bezeichnend sind auch die langen Lieferfristen für Beleuchtungslampen für den Hanfanbau in geschlossenen Räumen. «Anfang dieses Jahres hat der Grosshandel mehr Lampen verkauft als die letzten beiden Jahre zusammen», sagt Tob­ler. Branchenvertreter wie auch die Zollverwaltung gehen davon aus, dass dieses Jahr etwa 100 Millionen Franken mit legalem Hanf umgesetzt werden. Davon profitiert auch der Staat. Über Tabak- und Mehrwertsteuern dürften etwa 30 Millionen Franken in der Staatskasse landen.

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