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DROGEN: Gefährliche Ecstasy-Pillen häufen sich

Die Risiken beim Einnehmen von Partydrogen nehmen zu: Die Ecstasy-Pillen in der Schweiz werden stärker, schon einzelne Tabletten können zu einer Überdosis führen.
Fabian Fellmann
Beschlagnahmte Ecstasy-Pillen. (Bild: EPA/Alecander Heinl)

Beschlagnahmte Ecstasy-Pillen. (Bild: EPA/Alecander Heinl)

Die Pillen sind farbig und kommen in der Form von kleinen Goldbarren, Totenköpfen oder mit Herzprägung daher: die Partydrogen, allen voran MDMA, landläufig als «Ecstasy» bezeichnet. Doch die bunte, harmlose Erscheinungsform täuscht. Die Tabletten werden zunehmend zu gefährlichen «Wundertüten», wie Hans-Jörg Helmlin sagt, Laborleiter des Kantonsapothekeramts in Bern.

Ecstasy-Pillen etwa sind in den vergangenen Jahren deutlich stärker geworden. Bis 2009 enthielten sie im Durchschnitt rund 80 Milligramm des Wirkstoffs MDMA. Seither klettert der Wert nach oben. Allein im vergangenen Jahr ist er von 120 auf 140 Milligramm pro Tablette gestiegen, wie die neuste Statistik des mobilen Labors des Kantonsapothekeramts zeigt. Ecstasy macht seit Jahren mehr als die Hälfte der Drogen aus, welche in dem Labor untersucht werden; in der Beschlagnahmungsstatistik des Schweizer Zolls liegen Designerdrogen mit 25 Tonnen im vergangenen Jahr an vierter Stelle hinter Khat, Cannabis-Produkten und Kokain.

Rekorddosis von 268 Milligramm

Zunehmend tauchen im Labor nun Tabletten mit einer extremen Wirkstoffkonzentration auf. Im vergangenen Jahr fanden Helmlins Leute in einer einzelnen Pille die Rekorddosis von 268 Milligramm MDMA. Eine einzelne dieser Tabletten würde bei den meisten Personen zu einer Überdosis führen, mit möglicherweise gravierenden Konsequenzen: Der Körper überhitzt, es drohen Nierenschäden, das Blutbild kann sich verändern, mit in schweren Fällen gravierenden Blutgerinnungsstörungen. «Zwei Tabletten dieser Konzentration können unter Umständen sogar tödlich wirken», sagt Helmlin. In Grossbritannien etwa ist ein Fall bekannt geworden, bei dem eine junge Frau nach der Einnahme von etwa 500 Milligramm MDMA an den Folgen der Überdosis gestorben ist. «Die grosse Streuung macht es für die Konsumenten noch schwieriger zu wissen, welche Dosierung sie einnehmen und welche Risiken sie damit eingehen», sagt Helmlin. Stösst sein Labor auf besonders gefährliche Tabletten, werden darum Warnhinweise auf Webseiten von Partnerorganisationen des Labors veröffentlicht. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass jene Pillen weniger gefährlich sind, die nicht auf den Webseiten aufgeführt werden. Selbst Konsumenten, die stets ähnlich aussehende Tabletten kaufen, können sich nicht darauf verlassen, dass sie deren Inhalt kennen.

Das Tief Mitte Woche

Dramatisch sind auch die möglichen Langzeitfolgen bei Dauerkonsum hoher Dosen von Ecstasy. Das Nervensystem kann Schaden nehmen, Konzentrationsstörungen treten auf, sogar Depressionen sind möglich. MDMA ist in der Wirkungsweise mit gewissen Psychopharmaka verwandt: Es erhöht den Spiegel des körpereigenen Glückshormons Serotonin, leert dabei aber die Hormonspeicher im Körper: Auf die Glücksgefühle folgt die Niedergeschlagenheit. «Wer jedes Wochenende MDMA einwirft, hat Mitte Woche den Blues», sagt Helmlin. Und weil die Zeit zwischen zwei Wochenenden für den Körper zu kurz ist, um die Serotonin-Speicher wieder zu füllen, verliert die Substanz allmählich an Wirkung, Konsumenten steigern die Dosis – und die Nebenwirkungen nehmen zu.

Teure Plagiate

Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht nennt hoch dosierte MDMA-Produkte in ihrem jüngsten Bericht von Anfang April darum eine «Bedrohung und Herausforderung für die öffentliche Gesundheit und Sicherheit». Über die Gründe für die zunehmende Stärke der Tabletten existieren indes nur Vermutungen. Die Beobachtungsstelle geht davon aus, dass fast sämtliches MDMA in der EU aus dem Grenzgebiet zwischen Belgien und den Niederlanden stammt. In Razzien haben die niederländischen und belgischen Behörden Hinweise darauf gefunden, dass die Hersteller ihre Produktion professionalisieren. Gleichzeitig steigt die Zahl der unterschiedlichen Farben und Formen der Tabletten, ein Hinweis darauf, dass die Konkurrenz unter den Herstellern zunimmt. Auch die Schweizer MDMA-Pillen dürften mehrheitlich aus dem Grenzgebiet zwischen Belgien und den Niederlanden stammen. Das leitet der Berner Laborleiter Hans-Jörg Helmlin aus den Motiven der Tabletten ab. Eine besonders hoch dosierte Pille, die in der Schweiz auftauchte, trug das Logo von «Tomorrowland», eines bekannten Musikfestivals in Belgien, zu dem Fans elektronischer Musik aus ganz Europa anreisen.

Interessanterweise scheint es aber keinen direkten Zusammenhang zwischen Dosis und Preis zu geben. Während in der EU pro Pille 5 bis 10 Euro verlangt werden, kosten diese in der Schweiz rund 20 Franken, ein Vielfaches des Herstellungspreises von geschätzten 50 Rappen pro Pille. Der Konsument zahlt dabei nicht für die Qualität der Ware, sondern entschädigt mit dem hohen Preis den Händler für die Risiken, die dieser beim Schmuggel eingeht. Das nutzen findige Kleinhändler gerne aus, etwa an der Street Parade, wie Helmlin aus Funden seines Labors weiss: Immer wieder stossen seine Leute bei Analysen von vermeintlichen Ecstasy-Pillen auf simples Paracetamol. «Die sind zum Glück unbedenklich», sagt Helmlin, «aber wohl die teuersten Kopfwehtabletten, welche sich die Konsumenten je gekauft haben.»

Freiwillige Drogentests

Drogenkonsumenten können ihre Pillen, Pulver oder Kristalle im mobilen Labor des Berner Kantonsapothekeramts gratis untersuchen lassen. Dieses besucht einmal monatlich einschlägige Anlässe in Zürich, Bern und Basel. Die Konsumenten geben einen kleinen Teil ihrer Drogen ab, der zur Analyse der Inhaltsstoffe verwendet wird. Den Rest können sie behalten – oder auch vernichten lassen, wenn sich gefährliche Konzentrationen oder Zusatzstoffe finden.
Die Konsumenten müssen während der Laboranalyse, die 20 bis 30 Minuten dauert, einem Sozialarbeiter Fragen zu ihrem Konsumverhalten beantworten.
Ziel ist die Prävention des problematischen Umgangs mit Suchtmitteln, in erster Linie durch Aufklärung. «Dank der Präventionsarbeit, die zusammen mit Sozialarbeitern von den Partnerorganisationen ‹Streetwork Zurich›, ‹Contact Bern› und ‹Suchthilfe Region Basel› des mobilen Labors geleistet wird, sind die Konsumenten nachweislich besser aufgeklärt über Risiken und Nebenwirkungen der Stoffe, die sie konsumieren. Das führt insgesamt zu einem risikoärmeren Umgang», sagt Laborleiter Hans-Jörg Helmlin. Dies rechne sich auch im Einzelfall: «Mit jedem Konsumenten, den wir vor der Einlieferung in den Notfall bewahren, rechtfertigt sich der Aufwand für unser Labor.» Aus den Resultaten der Analyse lassen sich auch andere Schlüsse ziehen als aus jenen, welche Polizei und Zoll an beschlagnahmten Betäubungsmitteln durchführen. «Wir können rascher Trends und Tendenzen aufspüren», sagt Helmlin.

Fabian Fellmann

Unsere Infografik.

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