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DROGENSZENE: «Die Räumung des Platzspitz führte zum Desaster»

Vor 25 Jahren wurde die offene Drogenszene am Zürcher Platzspitz geräumt. Von damaligen Akteuren wird die Räumung als überhastet kritisiert. Erst drei Jahre nach der Platzspitz-Räumung gelang es, die Zeit der offenen Drogenszenen in Zürich zu beenden.
Dominik Weingartner
Szene aus dem Zürcher Drogenelend: Junkies spritzen sich auf dem Platzspitz Heroin. (Bild: Keystone (Zürich, Juni 1990))

Szene aus dem Zürcher Drogenelend: Junkies spritzen sich auf dem Platzspitz Heroin. (Bild: Keystone (Zürich, Juni 1990))

Dominik Weingartner

Idyllisch gelegen, hinter dem Landes­museum beim Hauptbahnhof und zwischen den zusammengehenden Flüssen Limmat und Sihl, ist der Platzspitz heute eine grüne Oase inmitten der Grossstadt Zürich. Läuft man heute durch den Park, kann man sich das Drama kaum vorstellen, das sich hier Anfang der 90er-Jahre abgespielt hat.

Denn vor rund 30 Jahren erlangte der Platzspitz nicht wegen seiner Idylle, sondern wegen seiner offenen Drogenszene Berühmtheit. Medien aus der ganzen Welt berichteten über den sogenannten «Needle Park», in dem täglich Hunderte, ja sogar Tausende Menschen harte Drogen, vor allem Heroin, konsumierten. Allein im Jahr 1991 wurden 21 Drogentote gezählt, bis zu 25-mal täglich mussten Sanitäter Junkies wegen Überdosen wiederbeleben.

Als «Basar von illegalem Handel und Dienstleistungen» beschreibt der Zürcher Arzt André Seidenberg die damalige Situation auf dem Platzspitz. Neben Drogen habe man dort auch Sex und ­allerlei «illegale Aktivitäten» kaufen können. Seidenberg war seit Mitte der 80er-Jahre in der Zürcher Drogenszene engagiert und hatte zu Beginn medizinische Sprechstunden in der Notschlafstelle angeboten. Zu jener Zeit bestand das Problem, dass die Abgabe von sau­beren Spritzen vom damaligen Kantonsarzt als verboten erklärt wurde. Die ­Folge: Viele Drogensüchtige steckten sich mit HIV oder Hepatitis C an. «Für das Verbot gab es keine Rechtsgrund­lage», sagt Seidenberg. 1987 fiel das Verbot, daraufhin wurden täglich Tausende saubere Spritzen verteilt. Das habe aller­dings nicht zu einer grossen Verbesserung der Situation der Drogenabhängigen geführt, sagt André Seidenberg. Die habe es erst gegeben, als Anfang der 90er-Jahre Methadon im grösseren Rahmen eingesetzt worden sei. «Das wirkte am nachhaltigsten. Die Leute hörten auf, Drogen zu spritzen, und waren nicht mehr den ganzen Tag damit beschäftigt, den nächsten Schuss zu organisieren.»

Räumung auf Geheiss des Kantons durchgeführt

Die Szene auf dem Platzspitz entstand Mitte der 80er-Jahre. Zuvor waren Drogenabhängige in der Öffentlichkeit nicht geduldet. Sie wurden vertrieben. Der Platzspitz entwickelte sich bis Anfang der 90er-Jahre zum europäischen ­Drogenmekka. Drogenabhängige und Dealer aus ganz Europa gingen dort ihrem Geschäft nach. Bis zu 3000 Süchtige deckten sich täglich am Platzspitz mit Drogen ein. Der Kanton Zürich wollte dem Treiben Einhalt gebieten. Im ­Oktober 1991 verlangte der damalige Zürcher Statthalter Bruno Graf (CVP), der Platzspitz müsse rasch umfassend und konsequent geräumt werden – gegen den Willen des Zürcher Stadtrats.

Der damalige Stadtzürcher Polizeivorsteher Robert Neukomm (SP) erinnert sich: «Als die Problematik auf dem Platzspitz auf dem Höhepunkt war, sagte man gerne, dass das ein Stadtzürcher Problem sei. Das war mitnichten der Fall. Die Leute kamen aus der ganzen Schweiz, ja aus ganz Europa.» Die Räumung sei nicht völlig überraschend gekommen. «Schon einen Monat vorher wurde der Park in der Nacht abgeschlossen», erzählt Neukomm. Der Stadtrat habe die Schliessung zwar vorbereitet, aber als die Räumung am 5. Februar 1992 durchgeführt wurde, habe es noch zu wenig Auffangeinrichtungen gegeben, die Neuausrichtung der Drogenpolitik habe noch nicht gegriffen. «Der Zeitpunkt war falsch», urteilt ­Robert Neukomm. «Die Erfolgschancen waren klein, und wir wollten eine Ver­lagerung in Wohnquartiere verhindern», begründet er heute den damaligen ­Widerstand des Stadtrats.

André Seidenberg berichtet vom «grossen Chaos», das nach der Räumung ausgebrochen sei. «Wochenlang wurden Hunderte Leute durch die Innenstadt ­getrieben», so der Arzt. Es habe gar ­Drogenabhängige gegeben, die sich noch im Laufen einen Schuss gesetzt hätten. «Die Räumung des Platzspitz führte zum nächsten Desaster», sagt Seidenberg. Tatsächlich bildete sich nach der Schliessung des Platzspitz am unweit gelegenen stillgelegten Bahnhof Letten die nächste offene Drogenszene. Während der Platzspitz, eingeklemmt zwischen Sihl und Limmat, nicht unmittelbar in einem Wohnquartier lag, war die Situation für die Anwohner beim Letten deutlich unangenehmer. «Es gab viel Beschaffungskriminalität», sagt Robert Neukomm.

Ein «weltweit einmaliger Erfolg»

Das Drama verlängerte sich um drei ­weitere Jahre. Im Februar 1995 wurde schliesslich auch der Letten geräumt – viel besser vorbereitet, begleitet von zahlreichen Hilfsangeboten. Die Letten-Räumung war ein Erfolg. Seither hat sich in Zürich keine offene Drogenszene mehr gebildet. «Die Änderung der Drogenpolitik war matchentscheidend», sagt Robert Neukomm heute.

Bereits 1990 sagten die Stadtzürcher Ja zur Erweiterung der Drogenpolitik. Sie legte den Grundstein für die Viersäulenpolitik, für die die Schweiz heute weltweit anerkannt wird. Zu den bis dato existierenden Säulen Repression, Prävention, Therapie und Wiedereingliederung kam neu die Überlebenshilfe hinzu. Ab da starteten auch die niederschwel­ligen Methadonprogramme, die bald «überall in der Schweiz kopiert wurden», wie André Seidenberg berichtet. Die Programme seien toleriert und unterstützt worden. «Es war dann auch möglich, in ländlichen Regionen eine Methadon-Versorgung zu gewährleisten.» Das habe die Stadt Zürich entlastet, die «heillos überfordert» gewesen sei, so Seidenberg.

Der Arzt ist grundsätzlich zufrieden mit der heutigen Drogenpolitik in der Schweiz. «Mehr als die Hälfte der Drogenabhängigen sind in Behandlung. Das ist weltweit ein einmaliger Erfolg.» In den USA zum Beispiel herrschten ­grauenhafte Zustände, so Seidenberg. «Der Zugang zu Behandlung wird massiv erschwert, und es gibt massive staatliche Repression gegenüber Drogenabhängigen.» Im Vergleich dazu stehe die Schweiz gut da.

Eisengasse – der Luzerner Platzspitz

Drogenszene In den 1980er-Jahren bildete sich auch in Luzern eine kleine offene Drogenszene. Vorwiegend die Eisengasse in der Luzerner Altstadt war davon betroffen. Dutzende Drogenabhängige verkehrten dort und konsumierten vor allem Heroin. Auch der ­Drogenhandel war dort zu Hause.

Für die Betreuung der Abhängigen sorgte zunächst die katholische Kirche – gegen den Widerstand der Polizei. Von Kirchenmitarbeitern verteilte Spritzen sammelte die Polizei oft sofort wieder ein, um sie als Beweisstück gegen die Drogenabhängigen zu verwenden, wie der langjährige Luzerner Gassenseelsorger Sepp Riedener in einem 2016 erschienenen Buch schilderte. Die Politik reagierte erst 1992 mit der Einrichtung eines Aufenthalts- und Betreuungsraums für Drogenabhängige im Stadthaus. Dort konnten schwer Drogensüchtige während vier Stunden pro Tag ihre Drogen konsumieren. Auch saubere Spritzen wurden dort verteilt.

Das Pilotprojekt wurde jedoch bereits zwei Jahre später wieder abgeschafft. Die Stadtluzerner Stimmberechtigten lehnten 1993 einen Kredit für die Weiterführung ab. Gegner hatten argumentiert, dass der im Volksmund «Fixer­raum» oder «Fixerstübli» genannte Raum Dealer anziehe und Ansammlungen von Drogenabhängigen zur Folge habe. Die kirchlichen Gassenarbeiter sprangen für die Spritzenab­gabe mit einem mobilen Bus am Pilatusplatz anstelle der öffentlichen Hand ein.

Ein neuer Versuch für die Einrichtung eines Fixerraums wurde erst rund zehn Jahre später gestartet. Im Restaurant Geissmatt an der St.-Karli-Strasse wurde im Jahr 2008 ein Fixerraum eingerichtet. Doch die Nutzung blieb gering. Rechnete die Stadt im Vorfeld mit rund 80 Benutzern pro Tag, waren es kurz nach der Eröffnung nur 20. Noch im selben Jahr wurde der Fixerraum Geissmatt geschlossen und in die Gassechuchi am Geissensteinring verlegt, wo er bis heute ist. Was nicht ganz unproblematisch ist: Denn in der Gassechuchi verkehren auch Drogenaussteiger, die dort wieder in Kontakt mit Drogen kommen. (dlw)

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