Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ehemalige Taliban-Geisel: Daniela Widmer ist seit zwei Wochen Frau Gemeindeammann von Bellikon

Acht Monate lang war Daniela Widmer 2011 in Pakistan in der Gewalt der Taliban. Dann gelang ihr die Flucht. Jetzt engagiert sich die heute 35-Jährige in der Lokalpolitik und sagt: «Die Entführung gehört zu mir.»
Fabian Hägler
Daniela Widmer kurz nach ihrer Flucht am Flughafen Islamabad und heute, zwei Wochen nach ihrer Wahl an die Spitze der Gemeinde Bellikon. (Bild: Keystone, zvg)

Daniela Widmer kurz nach ihrer Flucht am Flughafen Islamabad und heute, zwei Wochen nach ihrer Wahl an die Spitze der Gemeinde Bellikon. (Bild: Keystone, zvg)

Vor gut zwei Wochen wurde Daniela Widmer (35, parteilos) in Bellikon zur Frau Gemeindeammann gewählt. Dass sich eine junge Frau wie Daniela Widmer in der Lokalpolitik engagiert, ist im Aargau ziemlich selten. Doch dies ist nur ein Nebenaspekt. Bemerkenswerter ist Widmers persönliches Schicksal: Die heutige Lokalpolitikerin war einst eine Geisel der Taliban. Im Sommer 2011 reiste sie mit ihrem damaligen Freund David Och im VW-Bus nach Indien. Auf der Rückfahrt durch Pakistan wurden sie in der Stadt Loralai entführt. Sie sassen mehr als acht Monate in Geiselhaft, bevor ihnen im März 2012 die Flucht gelang. Basierend auf Tagebucheinträgen veröffentlichten Widmer und ihr damaliger Partner 2013 ein Buch, das zum Bestseller wurde: «Und morgen seid ihr tot: 259 Tage als Geiseln der Taliban». «Die Entführung ist und bleibt für mich ein emotionsbehaftetes Thema», sagt Widmer, die sich nach einigem Zögern entscheidet, ein Interview zu geben.

Welche Rolle spielt die Entführung durch die Taliban 2011 in Ihrem heutigen Leben noch?

Daniela Widmer: Sie gehört zu mir, und ich habe relativ schnell realisiert, dass es nicht möglich wäre, die Entführung nicht zu akzeptieren. Wenn ich die Geschichte weggestossen hätte, dann hätte sie mich zerstört. Also habe ich sie willkommen geheissen, in einen Rucksack gepackt, nun trage ich sie mit mir herum. Ich habe gar keine andere Wahl, als die Geschichte zu akzeptieren. Würde ich den ganzen Tag schlecht über die Entführung denken, würde mir das nicht guttun.

Was sagen Menschen, die Sie schon lange kennen: Wie haben Sie sich seit der Entführung verändert?

Für Menschen, die mich lange kennen, meine Eltern zum Beispiel, bin ich dieselbe wie vorher. Sie hatten Bedenken, wie es mir nach den Erlebnissen geht. Aber ich glaube, schon im ersten Moment nach der Rückkehr war ich in vielem wie früher. Wir hatten eine gute Behandlung, soweit dies in einem Kriegsgebiet als Gefangene möglich ist. Mein Weltbild hat sich nicht grundsätzlich verändert, aber ich hatte Einblick in eine patriarchale Gesellschaft. Die Rolle der Frauen und Kinder ist sehr schwierig in dieser Region. Dies hat mein Bewusstsein für einiges verändert.

Wie ging es weiter in den letzten Jahren, nach der Rückkehr aus der Geiselhaft?

Ich habe die Matura gemacht. In der Region, in der wir festgehalten wurden, war Bildung quasi inexistent. Es gibt Koranschulen, geprägt durch Mullahs, freie Meinungsbildung gibt es nicht. Die meisten Menschen sind Analphabeten, es gibt kein Internet, keine Bücher, viele übernehmen die Meinung des Dorfältesten. Darum sind so viele Leute anfällig für Radikalisierung. Dass wir hier in der Schweiz ein selbstbestimmtes Leben führen dürfen, erachte ich als das höchste Gut. Zurück zur Frage: Zwei Jahre nach der Rückkehr haben David und ich uns getrennt. Dank meines neuen Partners kehrte ich dann zurück in die Region, zurück zu meinen Wurzeln. 2015 wurde ich Mutter einer Tochter mit meinem Partner.

Wie kam es dazu, dass Sie in die Politik einstiegen?

Der Vater meines Partners, den ich vor sechs Jahren kennen lernte, hörte Ende 2017, dass ein Sitz im Gemeinderat von Bellikon frei wurde. Ich hatte mich vorher noch nicht mit dieser Möglichkeit auseinandergesetzt. Als ich jünger war, glaubte ich, es würde Sinn machen, mich zum Beispiel für ein Hilfsprojekt zu engagieren. Aber dafür hätte ich wohl internationale Beziehungen studieren müssen. Nach der Wahl habe ich gemerkt: Hier im Dorf kann ich viel bewirken und mitgestalten. Im Gemeinderat zu arbeiten, gibt mir sehr viel.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.