Reportage
Ein Besuch vor Ort: Wegen des Corona-Virus herrscht in Chiasso gespenstische Ruhe

Die Grenze zur Lombardei ist so gut wie geschlossen, doch die Grenzgänger dürfen ins Tessin zur Arbeit kommen. Ein Augenschein.

Gerhard Lob aus Chiasso
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Der Grenzübergang bei Chiasso. An der Grenze herrscht merklich weniger Verkehr und Betrieb dieser Tage.

Der Grenzübergang bei Chiasso. An der Grenze herrscht merklich weniger Verkehr und Betrieb dieser Tage.

Keystone

Die Kolleginnen vom Radio RSI sind früh aufgestanden. Bereits in den Morgennachrichten berichten sie in Live-Schaltungen vom Grenzübergang Chiasso-Strada – neben dem Autobahn-Zoll Brogeda der wichtigste Übergang zwischen der Südschweiz und Italien.

Kommt es hier zum Chaos? Diese Frage beschäftigte nach dem am Sonntag erlassenen Dekret der italienischen Regierung, das die Mobilität in der Lombardei stark einschränkt, wonach aber Grenzgänger zur Arbeit ins Tessin fahren dürfen, jedoch verschärft kon­trolliert werden sollen.

Die Antwort lautet: Nein, kein Chaos. Es gilt eher die Devise «Business as usual». Die Wagenkolonne der Grenzgänger bewegte sich am Morgen in Richtung Tessin ohne zusätzliche Kontrollen.

So ist es auch am Mittag, bei einem Augenschein in Chiasso-Strada. Mit dem Auto geht es über die Grenze nach Ponte Chiasso und zurück, anschliessend wird die Tour nochmals zu Fuss wiederholt. Niemand fragt etwas, niemand kontrolliert. «Ich musste keinen Grenzgängerausweis zeigen», sagt auch eine junge Frau, die gegen 13 Uhr nach ihrer Schicht bereits wieder in Richtung Italien fährt.

Ein junger Sizilianer, Antonio, läuft hingegen in umgekehrter Richtung zu Fuss mit seinem Rollkoffer über die Grenze und geht zum Bahnhof Chiasso. Er hat in Como als Lehrer ausgeholfen. Er will zum Flughafen Mailand-Malpensa, um nach Palermo zu fliegen. «Ich hoffe, der Flug wird nicht gestrichen», sagt er. Kontrolliert wurde er nicht.

Die Zöllner tragen keine Atemschutzmasken. Auffällig ist die grosse Ruhe, wo normalerweise ein reges Treiben herrscht. Und auffällig ist, dass auf italienischer Seite keinerlei Informationen – etwa in Form von Plakaten – über das Corona-Virus zu sehen sind, trotz des Regierungsdekrets.

Im Zollhäuschen der Schweiz kleben immerhin die Verhaltensregeln des Bundesamtes für Gesundheit – in deutscher, französischer und italienischer Sprache. Wer mit dem Auto über den Zoll rollt, sieht sie aber nicht.

Universität für Studenten aus Italien gesperrt

Die Tessiner Kantonspolizei installierte im Laufe des Tages Hinterlandkon­trollen, beispielsweise beim Grenzübergang Pizzamiglio bei Chiasso. Polizeisperren waren auch auf dem Monte Ceneri zwischen dem Nord- und dem Südtessin zu sehen.

Italiener dürfen nicht mehr zum Shopping ins Tessin, sogar italienische Studenten, die aus gefährdeten Gebieten stammen, dürfen nicht mehr an die Universität, genauso wie in der Schweiz niedergelassene Studierende, die sich jüngst in solchen Gebieten aufgehalten haben. Die Fachhochschule der italienischen Schweiz stellte am gestrigen Montag ihren gesamten Lehrbetrieb ein.

Während in den Nachrichten unabhängig über neue Entscheide dieser Art berichtet wird, herrscht in der realen Welt der Südschweiz eine grosse Ruhe – auf der Autobahn, in den Städten, in den Einkaufszentren, allerdings eine gespannte, fast schon gespenstische Ruhe.

In der Fussgängerzone von Chiasso steht eine Zeugin Jehovas mit ihren Schriften. Wen sie an diesem Tag überzeugen will, weiss man nicht. Nur wenige Menschen laufen durch die Strasse. «Hier ist kein Virus», scherzt sie. In der Bar-Ristorante Indipendenza, einem historischen Treffpunkt von Chiasso, sind über Mittag nur drei Tische besetzt. «Das ist verrückt, gestern war hier noch die Hölle los», sagt die Serviertochter, und fügt an: «Ich habe keine Angst.»

Das Corona-Virus ist omnipräsent, in allen Gesprächen, ob in der Bar, in der Apotheke oder in der Take-away-Pizzeria. Nur wenige Menschen sind mit Atemschutzmasken zu sehen. Manche tragen sie unter dem Kinn, um rauchen zu können. Und doch ist alles wohl noch etwas normaler als in Italien.

«Ich war noch nie so froh, zur Arbeit in die Schweiz zu kommen und die Lombardei verlassen zu können, wie heute», sagt ein Grenzgänger. Eine Frau an der Bar Indipendenza trinkt ihren Espresso und sagt, was hier viele denken: «Wie lange wird das wohl noch so weitergehen? Das Schlimmste ist die Ungewissheit.»