Kolumne

Ideen für die Schweiz: Ein Ort, um die Probleme unserer Zeit zu lösen

In Genf könnte über den Umgang mit dem rasanten technologischen Wandel debattiert werden. Die internationale Stadt bietet alles dafür.

Patrick Aebischer*
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Ein Ort, um die Probleme unserer Zeit zu lösen (Bild: CH Media)

Ein Ort, um die Probleme unserer Zeit zu lösen (Bild: CH Media)

Unsere Zeit ist geprägt von einer beispiellosen technologischen Beschleunigung, die unseren Lebensstil grundlegend verändert. Die Konvergenz zwischen Informationstechnologien, Nanotechnologie, Biotechnologie und Kognitionswissenschaften führt zur Entwicklung disruptiver Anwendungen im Bereich der künstlichen Intelligenz, der Genetik oder der Neurotechnologien. Durch die systematische Erhebung von Daten über jeden Einzelnen wissen die vier grossen Technologiekonzerne Google, Amazon, Facebook und Apple (kurz GAFA) und ihre chinesischen Kollegen mehr über jeden von uns als unsere Verwandten und manchmal auch wir über uns selbst.

(Bild: CH Media)

(Bild: CH Media)

Die Verbindung von künstlicher Intelligenz mit «Big Data» weckt Ängste vor der Entwicklung von Gesellschaften, in denen Vertraulichkeit und individuelle Freiheit ernsthaft infrage gestellt werden. Der Plan der chinesischen Regierung, ihren Bürgern aufgrund ihres Verhaltens Punkte zu gewähren, ist in dieser Hinsicht sehr beunruhigend.

Ein weiteres störendes Element ist die Gentechnik, die genetische Veränderung/Manipulation der gesamten Lebenswelt, von Menschen, Tieren und Pflanzen ermöglicht. Diese Technologie eröffnet schliesslich die Möglichkeit, Individuen mit verbesserten Fähigkeiten im Vergleich zum Rest der menschlichen Spezies zu entwickeln. Schliesslich eröffnen Neurotechnologien die Möglichkeit, unser Nervensystem mit Elektro- den zu hacken, die in unser Gehirn implantiert sind, um unsere Absichten zu erkennen.

5 Köpfe, 5 Ideen

In allen überregionalen Ressorts präsentieren heute fünf Autorinnen und Autoren zum Nationalfeiertag ihre Ideen für die Zukunft der Schweiz:

- Patrick Aebischer, Ex-Präsident der ETH Lausanne,

- «Schweizer Monat»-Chefredaktor Ronnie Grob,

- Rahel Marti vom Architekturmagazin Hochparterre,

- Tatjana Hänni vom Schweizerischen Fussballverband

- und Ernährungswissenschafterin Marianne Botta.

Die Politik kommt immer zu spät

Unternehmen und Menschen auf der ganzen Welt entwickeln und übernehmen technologische Innovationen so schnell, dass sie in der Politik an Dynamik gewinnen. Letztere ist nicht mehr in der Lage, rechtzeitig geeignete Regelungen vorzuschlagen oder das in den Labors der grossen Universitäten der Welt entwickelte wissenschaftliche und technologische Potenzial für die meisten Menschen positiv zu nutzen.

Die jüngste Ankündigung von chinesischen Zwillingen, die gegen das Aids-Virus gentechnisch verändert wurden, weckt Ängste vor dem Schlimmsten, zumal das betreffende Gen den Betroffenen einen Gedächtnisvorteil verschaffen könnte. Die jüngste Ankündigung der neuen Kryptowährung «Libra» durch Facebook unterstreicht auch die Notwendigkeit, ein Instrument zu entwickeln, das die durch diese wissenschaft- liche Beschleunigung aufgeworfenen Fragen vorwegnimmt.

Genf mit seinen 34 internationalen Institutionen und Organisationen, seinen 191 vertretenen Staaten, seinen 255 Missionen, Vertretungen und ständigen Delegationen ist der ideale Ort, um diese Herausforderungen zu diskutieren. Genf hat bereits eine lange Geschichte auf dem Gebiet der internationalen Zusammenarbeit und des Multilateralismus. Es war der Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), das 1863 mit der Ausarbeitung des ersten Vertrags über das humanitäre Völkerrecht eine Innovation erzielte. Genf ist auch der Ort für Diskussionen über Abrüstung, humanitäre Massnahmen, Menschenrechte, Gesundheit und Telekommunikation. Das internationale Genf muss das Ziel haben, der Ort zu sein, an dem die Probleme diskutiert werden, die sich aus der rasanten Entwicklung von Wissenschaft und Technologie ergeben. Microsoft-Präsident Brad Smith hat kürzlich vorgeschlagen, die Entwicklung einer digitalen Konvention zu diskutieren, die von den Regierungen verlangt, Zivilisten vor Cyberangriffen von Nationen in Friedenszeiten zu schützen.

Renommierte akademische Institutionen in der Region

Die Region Genfersee beherbergt mehrere akademische Institutionen von Weltrang (EPFL, UNIGE, UNIL, IHEID), die mit Unterstützung der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Zürich der Schweiz als Gastland die Möglichkeit geben, die Auswirkungen wissenschaftlicher Entdeckungen zu antizipieren. Diese Institutionen sind in der Lage, disruptive Technologien, die in der Entwicklung sind, in grossen globalen Labors zu erkennen.

In einer sehr erfreulichen Entwicklung hat der Bundesrat soeben in Zusammenarbeit mit dem Kanton Genf die Gründung einer neuen Stiftung namens «Geneva Science and Diplomacy Anticipator» (GSDA) vorgeschlagen. Der Hauptsitz befindet sich im Herzen des internationalen Genf. Die Mission der GSDA wird es sein, die Formulierung von Richtlinien und Verordnungen, Verträgen oder Chartas zu fördern, die es ermöglichen, zukünftige wissenschaftliche und technologische Entdeckungen zu leiten, und auch internationale Initiativen zu inspirieren, die es so vielen Menschen wie möglich ermöglichen, schneller von diesen neuen Technologien in der Welt zu profitieren und so ihre positiven Auswirkungen zu verstärken, wie in Artikel 27 der Allgemeinen Menschenrechtskonvention vorgesehen, deren Verwahrer die Schweiz und Genf sind. Nur eine ehrgeizige öffentlich-private Partnerschaft, die technologische und diplomatische Dimension integriert und sich auf eine grosse Philanthropie stützt, wird in der Lage sein, diese Herausforderung zu bewältigen. Mit dem GSDA wird die Schweiz auch weiterhin einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung unserer Welt leisten können.

Patrick Aebischer* (Bild: KEYSTONE)

Patrick Aebischer* (Bild: KEYSTONE)

* Patrick Aebischer war langjähriger Präsident der EPFL in Lausanne.

Zum 1. August: Fünf Ideen für die Zukunft der Schweiz

Fünf Autorinnen und Autoren präsentieren zum Nationalfeiertag ihre Ideen für die Zukunft der Schweiz: Patrick Aebischer, Ex-Präsident der ETH Lausanne, «Schweizer Monat»-Chefredaktor Ronnie Grob, Rahel Marti vom Architekturmagazin Hochparterre, Tatjana Hänni vom Schweizerischen Fussballverband und Ernährungswissenschafterin Marianne Botta.