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Gerhard Pfister: Ein Präsident leidet an seiner Partei

CVP-Präsident Gerhard Pfister ist der grosse Verlierer der Wahl von Viola Amherd. Er selbst sieht das komplett anders.
Henry Habegger
Gerhard Pfister, Nationalrat und Parteipräsident der CVP. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 8. November 2018))Gerhard Pfister, Nationalrat und Parteipräsident der CVP. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 8. November 2018))
Bundesrätin Simonetta Sommaruga. (Bild: Peter Schneider/Keystone)Bundesrätin Simonetta Sommaruga. (Bild: Peter Schneider/Keystone)
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Ein Präsident leidet an seiner Partei

Er brachte es nicht übers Herz, das Ereignis mit eigenen Worten zu würdigen. Letzten Donnerstag, als «seine» neue Bundesrätin Viola Amherd im Wallis lustig gefeiert wurde, griff Gerhard Pfister, sonst ein eifriger Twitterer, nicht selbst in die Tasten. Obwohl er selbst an der Feier teilnahm, begnügte sich der CVP-Präsident damit, kommentarlos zwei Bildnachrichten weiterzuverbreiten.

Das war bereits am Mittwoch, dem 5. Dezember so, als Amherd in den Bundesrat gewählt wurde. Pfister sah nicht glücklich aus, als die Walliserin bereits im ersten Wahlgang gewählt wurde. Auch bei dieser Gelegenheit warteten seine Follower vergeblich auf einen eigenhändig verfassten Gratulationstweet des Parteichefs. Dieser beliess es beim emotionslosen Weiterleiten einiger Nachrichten, die andere verfasst hatten.

Seine Partei, die CVP, hatte allen Grund zum Feiern. Aber ausgerechnet der Präsident, der 2016 angetreten war, um die Trendwende herbeizuführen und die Partei wieder auf den Erfolgspfad zu bringen, schien in den letzten Wochen zu leiden. Zu leiden am schönen Erfolg seiner CVP.

Für Beobachter inner- und ausserhalb der CVP ist klar, dass der Zuger gerne selbst Bundesrat geworden wäre. Zu ihnen gehört Bundesrätin Doris Leuthard, sie sprach Pfister laut «NZZ am Sonntag» am Fraktionsessen direkt darauf an. Fest steht: Die Wahl der sozialliberalen Amherd dagegen passt nicht ins Konzept, mit dem Pfister die CVP in eine wertkonservative Zukunft führen will.

Aber passt dieser Mann noch zu seiner Partei? Passt diese Partei noch zu diesem Mann? Für Gerhard Pfister stellt sich diese Frage nicht. Er reagiert im Gespräch heftig auf den Vorhalt, er leide unter der Amherd-Wahl. «Ich habe mich sehr gefreut, dass die CVP es geschafft hat, zwei so gute Kandidatinnen der Bundesversammlung vorzuschlagen», sagt er. «Und ich habe mich über die Wahl von Frau Amherd sehr gefreut.»

Neuer Abgang in der Zentrale

Pfister spielt den Ball zurück an die Medien. Diese, nicht er, seien es gewesen, die «vorschnell geurteilt haben». Darauf anspielend, dass in den Medien rasch einmal die Rede davon war, dass die CVP keine überzeugenden Kandidaten für die Leuthard-Nachfolge habe. Auch auf die Frage, ob er zu einem Vertrauensverhältnis zu seiner neuen Bundesrätin finden werde, antwortet Pfister: «Selbstverständlich. Frau Bundesrätin Amherd und ich haben uns bereits in dieser Woche sehr intensiv und vertrauensvoll ausgetauscht, um eine so gute Zusammenarbeit wie mit Bundesrätin Leuthard zu Gunsten der CVP zu gewährleisten.»

Also alles ein grosses Missverständnis? Die Vorgeschichte besagt etwas anderes. Amherd, die faktisch die CVP-Nationalratsfraktion führte, war immer schon eine Art Gegengewicht zum Präsidenten und ehemaligen Gymnasiallehrer, der zu Alleingängen neigt. Die Entstehungsgeschichte des soeben publizierten CVP-Wertepapiers illustriert, warum Pfister seine liebe Mühe mit Amherd hat.

Was von Pfister und einigen Mitstreitern einst als Anti-Islam-Papier angedacht war, kommt jetzt noch als harm­loses Fundamentalismus-Papier daher. Im Januar 2017 zerzauste die Fraktion in einer Klausur die erste Version des Papiers. Ausgerechnet Amherd als Vize-Fraktionschefin erteilte den Kreuzzugs-Fantasien in der «Aargauer Zeitung» damals eine Absage: «Das von einer Kerngruppe verfasste ‹Wertepapier› ist als erster Denkanstoss zu verstehen. Die Fraktion war sich einig, dass eine echte Wertediskussion viel breiter erfolgen muss und dass das Thema Islamismus und Fundamentalismus einen kleinen Teil der gesamten Diskussion darstellt.»

Das Wertepapier, von Pfister einst als Schlüsselprojekt verstanden, fokussiert nun nicht mehr nur auf den Islam. Absolute Forderungen zur Burka oder zum Kopftuch fehlen, mit gefährlichem Fundamentalismus ist nicht mehr nur der islamische gemeint. Amherd war nie Pfisters Wunschkandidatin. Womöglich gerade deshalb setzte die CVP-Fraktion ihre Vizepräsidentin wuchtig auf den ersten Ticketplatz.

Haben die CVP und ihr Präsident noch eine gemeinsame Zukunft? Manche in der CVP-Fraktion sagen sich: Es ist ja gut herausgekommen, und der Präsident schoss am Wahltag wenigstens nicht quer. Andere würden den Zuger am liebsten absetzen. Aber: «Uns sind bis zu den Wahlen im nächsten Herbst die Hände gebunden, sonst wird es heissen, wir seien schuld an der Niederlage», sagt ein Fraktionsmitglied.

Einige Gemüter sind sehr erhitzt. Das rührt etwa von Pfisters manchmal ruppigem Tonfall in der Fraktion. Es kam schon vor, dass er Leute zum Weinen brachte. Derweil gibt es schmerzhafte Abgänge in der Parteizentrale. Nach Generalsekretärin Béatrice Wertli und Kampagnenchefin Laura Curau steigt auch Kommunikationschef Manuel Ackermann aus. Mitten im Wahljahr geht er zum Krankenkassenverband Santésuisse. «Ich wechsle auf Anfang April zu Santésuisse, wo ich für den Bereich Kampagnen und Social Media verantwortlich sein werde», bestätigt Ackermann. «Diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen. Es bot sich mir die spannende Chance, etwas aufzubauen und mich in einem einzigen strategischen Thema zu vertiefen.» Ungünstig sei der Zeitpunkt auch für die CVP nicht, denn die Planung der Wahlkampagne 2019 sei abgeschlossen.

Amherd erwartet ein hartes Stück Arbeit

Es sei noch nie so einfach gewesen, bei der CVP gute Leute abzuwerben, sagt ein Manager, der die Situation kennt. Pfister selbst sagt: «In diesem schnelllebigen und sehr intensiven Geschäft kann es immer wieder zu Wechseln kommen.» Bisher seien «für jeden Abgang gute Nachfolgeregelungen gefunden» worden, und «die Leistungen des Generalsekretariats liegen auf konstant hohem Niveau».

Der Präsident wirkt manchmal wie ein Fremdkörper in seiner eigenen Partei. Dazu passte ein Vorfall von letztem Dienstag. Die abtretenden Bundesrätin Doris Leuthard war gekommen, um sich von der Fraktion zu verabschieden. Ein Apéro unten im Bundeshausrestaurant war aufgetischt. Aber Präsident Pfister beichtete seiner staunenden Bundesrätin: Er sei verhindert. Auf Anfrage sagt Pfister: Er habe eine Sitzung in Zug leiten müssen, deren Termin schon im Januar 2018 fixiert worden sei. Leuthard habe er schon vor Wochen informiert, dass er nicht teilnehmen könne.

Alles nur ein Missverständnis? Die neue Verteidigungsministerin Amherd muss nicht nur die eigenmächtigen Generäle und Obersten in den Griff bekommen, sondern auch ihren Parteipräsidenten. Ein hartes Stück Arbeit. Leute, die sie kennen, trauen ihr beides zu.

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