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Eine Reise vom Z’graggen- ins Amherd-Land

Heidi Z’graggen oder Viola Amherd: Am Mittwoch entscheidet sich, wer für die CVP in den Bundesrat einzieht. Beide stammen aus den Bergen, aus Uri und dem Wallis, zwei Kantonen, die ein Tunnel verbindet – und vieles trennt.
Dominic Wirth
Könnte es als erste Urnerin überhaupt in den Bundesrat schaffen: Heidi Z’graggen. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone)

Könnte es als erste Urnerin überhaupt in den Bundesrat schaffen: Heidi Z’graggen. (Bild: Peter Klaunzer/Keystone)

In Altdorf steht Wilhelm Tell im Zen­trum, es gibt an ihm keinen Weg vorbei. Stolz steht er im Herzen des kleinen Städtchens, vier Meter aus Bronze, die Armbrust liegt über der Schulter, ein Arm legt sich um Sohn Walter. Ganz in der Nähe liegt das Café Türmli, ein paar Tische, eine Stehbar, und an diesem Morgen nur ein Thema: «S’Heidi», erst kürzlich war es da, vom Fernsehen begleitet, Heidi Z’graggen, Urner Regierungsrätin. Und vielleicht bald die erste Bundesrätin aus Uri, diesem Kanton, der im Herzen der Urschweiz liegt. Und doch Randgebiet ist.

Telldenkmal auf dem Rathausplatz in Altdorf. (Bild: Urs Hanhart)

Telldenkmal auf dem Rathausplatz in Altdorf. (Bild: Urs Hanhart)

Fünf Tage noch, dann weiss die Schweiz, wie ihr Bundesrat künftig aussieht, es gibt vier Kandidaten für zwei Plätze, doch spannend ist nur noch ein Rennen: jenes um den Sitz der CVP. Heidi Z’graggen will ihn und Viola Amherd. Gemeinsam ist beiden, dass sie aus den Bergen kommen, Z’graggen aus Uri, Amherd aus dem Wallis. Die beiden Kantone teilen eine Grenze, ein Pass und ein Tunnel verbindet sie. Doch was haben sie gemeinsam, was trennt sie? Und was macht es mit ihnen, dass sie vielleicht bald eine Bundesrätin haben? Eine Suche nach Antworten – mit einer Reise vom Z’graggen- ins Amherd-Land, von Altdorf, dem Urner Hauptort, nach Brig, dem Zentrum des Oberwallis.

In Altdorf zwängt sich der Morgenverkehr mitten durch das Zentrum. Keine 10000 Menschen leben hier, aber das Herz des Kantons Uri – nach Bewohnern der zweitkleinste des Landes – ist Altdorf trotzdem. Es hat Tell, es hat die Kantonsregierung, es hat auch die Kantonsbibliothek und das Staatsarchiv. Dort holt sich Hans Stadler einen Kaffee, setzt sich an ein Tischchen, so wie er das schon oft gemacht hat. Keiner kennt die Urner Geschichte besser als Stadler, drei dicke Bücher hat er über sie geschrieben, sie sind sein Lebenswerk. Wenn man den 73-Jährigen fragt, was es seinem Kanton bedeuten würde, wenn Heidi Z’graggen es zur Bundesrätin schaffen würde, als erste Urnerin überhaupt, dann sagt er: «Uri hat viel für die Schweiz investiert, hat Land gegeben und Arbeitskraft. Es wäre schön, wenn sie in Bern sagen würden: Jetzt sind die Urner an der Reihe.»

Draussen, auf dem Urner Talboden, zeigt sich bald, was Stadler gemeint hat. Die A2 und die Schienenstränge der Gotthardlinie zerschneiden dort die grünen Wiesen. Uri war immer schon ein Passkanton, zentrale Verbindungsachse zwischen Süden und Norden. Weltoffen habe den Kanton das gemacht, sagt Historiker Stadler, «weil sich Einheimische und Durchreisende trafen, ins Gespräch kamen». Doch die Reisenden von heute halten nicht mehr in Uri, sie schiessen durch den Kanton, über die Autobahn oder im Zug. Er ist kein Ort des Bleibens mehr, das gilt für die Fremden, aber auch für manchen Einheimischen. Gerade die Dörfer in den Tälern fernab von Altdorf haben mit Abwanderung zu kämpfen und mit Überalterung. Der «Brain-Drain» macht den Urnern zu schaffen, und sie kämpfen um jeden Arbeitsplatz. Bis heute wirkt nach, dass wichtige bundesnahe Arbeitgeber wie Armee, Ruag und SBB im Kanton Stellen abgebaut haben.

Ein brachiales Zukunftsrezept

Je näher der Süden rückt, desto enger wird es auf dem Urner Talboden. Schroff ragen die Felswände in die Höhe, und über allem der stolze Bristenstock. Steil geht es nun bergauf, durch enge Täler, in die kaum einmal die Sonne scheint. Kein Wunder, kommen die Urner bald einmal auf ihre Berge zu sprechen, wenn man sie fragt, was ihren Kanton ausmacht. Das ist bei Heidi Z’graggen so. Und auch Hans Stadler sagt, die Natur präge seinen Kanton bis heute, das Wissen um ihre Macht, aber auch das Wissen darum, ihr etwas abgerungen zu haben, das es zu bewahren gelte. «Die Urner sind tief verbunden mit ihrem Land.» Auf dem Weg in die Höhe zieht Gurtnellen vorbei, Wassen, Göschenen; die Gotthard-Autobahn verabschiedet sich in den Berg. Und dann tut sich plötzlich eine Ebene auf, 1447 Meter über Meer, und schon von weitem grüssen Baukräne: Andermatt. Dort ragt das neu gebaute Luxushotel The Chedi auf, gleich beim Bahnhof, und nebenan das Chalet Bellevue, ein rosa Häuschen, das fast verschwindet neben seinem mächtigen Nachbarn.

Das Dorf Andermatt mit dem Hotel Chedi im Vordergrund. (Bild: Boris Bürgisser (Andermatt, 8. November 2018))

Das Dorf Andermatt mit dem Hotel Chedi im Vordergrund. (Bild: Boris Bürgisser (Andermatt, 8. November 2018))

Alt und neu auf engstem Raum, so ist das in Andermatt. Das Dorf ist ein wildes Gemisch, viel ist dort passiert, und das hat auch mit Heidi Z’graggen zu tun: Als Urner Regierungsrätin hat sie den Weg mitgeebnet für die Verwandlung des Dorfes, das einst stark vom Waffenplatz der Armee abhing. Jetzt baut der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris Andermatt für Hunderte Millionen in ein riesiges Ferienresort um. Ganze Dorfteile entstehen neu, das Skigebiet wurde ausgebaut, auch einen Golfplatz gibt es nun. Es ist ein brachiales Zukunftsrezept, aber immerhin haben die Andermatter eines. Das können im Kanton nicht alle Dörfer von sich behaupten.

Im alten Teil von Andermatt steht ein Mann in seinem kleinen Laden, der von sich sagt, man nenne ihn einen Nestbeschmutzer. Im «Kiosk 61» von Bänz Simmen liegen Bergkristalle im Schaufenster und Kühe aus Holz. Das neue Andermatt ist hier weit weg, aber Simmen ist keiner, der über den Investor schimpft und seine grossen Pläne, er nimmt lieber seine Mitbürger aufs Korn: Passiv seien sie, taumelten von einer Abhängigkeit in die nächste, «früher war es die Armee, jetzt ist es Sawiris, wir Urner sind einfach noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen», sagt Simmen. Er ist ein Mann, der gerne etwas zetert, aber wenn er auf Heidi Z’graggen zu sprechen kommt, dann ändert sich das, «nicht so schlecht» mache sie das mit ihrer Kandidatur.

Von einem wie Simmen ist das ein Lob, und es passt zur Stimmung im Kanton, in dem sich gerade alle wie eine Wand hinter ihre Kandidatin stellen; auch die Regierungskollegen von Z’graggen tun das demonstrativ. Es scheint zuweilen so, als könnten die Urner selber nicht glauben, wie nahe sie ihrem ersten Bundesratssitz in den letzten Wochen gekommen sind. Und ihre grosse Chance jetzt nutzen wollen. Denn wer weiss schon, wann sich das nächste Mal eine solche Chance bietet?

Kaum noch Stammtische

Von Andermatt aus ist es nicht mehr weit ins Wallis. Kahl zieht sich das Urserental eine Weile hin, dann bereiten ihm Berge ein Ende. Der Furkapass schlängelt sich dort in die Höhe. Und der Zug taucht in den Tunnel, der Uri mit dem Wallis verbindet. Die Geschichte des 1982 eröffneten Tunnels ist eine der ausufernden Kosten, 80 Millionen Franken sollte er einst kosten, am Ende waren es fast 320. Roger Bonvin, einer von drei Wallisern, die es in den Bundesrat schafften, kämpfte mit Haut und Haaren für ihn. Der Furka sollte das Berggebiet am Leben erhalten, ihm neue Impulse verleihen. Und damit den Kantonen Uri und Wallis helfen. Doch bis heute belegen beide in Sachen Wirtschaftsleistung hintere Plätze und vor allem auf der Bezügerliste aus dem Finanzausgleich vordere. Die Strukturschwäche ist den beiden Bergkantonen gemein, auch das politische Interesse an der Energiepolitik, den Wasserzinsen etwa. Doch dann hat es sich bald einmal mit den Gemeinsamkeiten.

In der Dunkelheit des Furkatunnels. (Bild: Elisabeth Real/Keystone)

In der Dunkelheit des Furkatunnels. (Bild: Elisabeth Real/Keystone)

15 Minuten taucht der Zug durch die Dunkelheit des Furkatunnels, dann stösst er wieder ins Licht. Und die Welt ist eine andere. Es gibt im Oberwallis mehr Bäume als noch im Urserental, sie stehen am Rand des Talgrunds, auf dem sich kleine Dörfer aneinanderreihen. Oberwald, Ulrichen, Münster, Güringen, Ritzingen, so geht es immer weiter, kleinere und grössere Ansammlungen von Häusern, um Kirchen gruppiert, die Holzfassaden sonnengebräunt.

Münster hatte vor 50 Jahren mehr Einwohner als heute, etwas über 400 sind es noch. Im «Walliserhof» steht die Wirtin in der Gaststube, auf der Speisekarte Fondue, Käseschnitte und Cordon Bleu. «Amherd im Bundesrat», sagt sie, «ja, das wäre schön, aber ein Thema ist es hier oben nicht so.» Die Stammtische gebe es sowieso kaum noch, 80 Prozent der Gäste im «Walliserhof» seien Zweitwohnungsbesitzer. Im Wallis, sagt die Wirtin, sei es halt so: Man sei Gommer oder Mattertaler oder Lötscher, «die Täler schauen für sich». Und mit dem Ober- und dem Unterwallis sei es sowieso eine Sache, schmunzelt sie, dann ballt sie die Hände zu Fäusten und schlägt sei gegeneinander.

Phantomschmerzen der Zwangseingliederung

Je näher Brig rückt, desto enger wird das Tal, Seilbahnen pendeln in die Höhe, zu Bettmeralp und Riederalp, die hoch oben am Hang kleben wie viele andere Walliser Dörfer. Der Tourismus ist wichtig für die Walliser, und sie verstehen es, aus ihrer prächtigen Bergwelt Nutzen zu ziehen. Dass 2012 die Zweitwohnungs-Initiative angenommen wurde, hatte auch mit den Exzessen im Wallis zu tun. Dort mögen sie es gar nicht, wenn ihnen die Unterländer reinreden, das gilt für die Zweitwohnungen, aber auch für vieles andere, etwa den Umgang mit dem Wolf. Das mit dem Wallis und der Schweiz ist überhaupt so eine Sache, seit dem Wiener Kongress von 1815 gehören die beiden zusammen. Doch eigentlich hatten die Walliser andere Pläne, sie wollen eigenständig sein. Und so richtig, sagt Luzius Theler, seien sie bis heute nicht im Bundesstaat angekommen. Theler, ein Mann mit grauen Haaren und herausforderndem Blick, kennt das Wallis wie seine Hosentasche. Lange Jahre hat er für die Lokalzeitung «Walliser Bote» das Geschehen im Kanton beobachtet. Heute ist er pensioniert, debattiert aber immer noch im Lokalfernsehen über Politik. Die Beziehung seines Kantons zum Rest des Landes bezeichnet Theler als «angespannt», «die Phantomschmerzen der Zwangseingliederung sind bis heute spürbar», sagt der 69-Jährige.

Luzius Theler sitzt in einem Café im Zentrum Brigs, die Stadt ist das Herz des Oberwallis, gut 13000 Menschen leben hier. Und Brig ist auch: die Stadt von Viola Amherd. Zwölf Jahre lang, von 2000 bis 2012, sass Amherd drüben im Stockalperschloss, dem imposanten Sitz der Stadtregierung. Und präsidierte Brig. Bis heute lebt die Bundesratskandidatin in ihrer Heimatstadt. Beobachter Theler sagt, man schätze Amherd im Oberwallis durchaus, respektiere sie als stille, solide Schafferin. Doch es sei auch so, dass sie keine Begeisterungsstürme auslöse, «Amherd ist keine Frau für die Fendant-Zelte, keine Volkstribunin, wie das etwa Pascal Couchepin war». ­Couchepin war neben Roger Bonvin und Josef Escher einer von drei Bundesräten, die das Wallis bisher stellte.

Das Wallis ist ein zersplitterter Kanton, mit zwei Kantonsteilen, die unterschiedliche Sprachen sprechen und «aneinander vorbeileben», wie Theler es sagt. Und es ist ein Kanton, der schon immer vor allem auf sich selbst geschaut hat. Das sind Gründe dafür, dass die Aussicht auf einen Sitz im Bundesrat im Wallis nicht dasselbe auslöst wie in Uri; von einem Schulterschluss hinter der Kandidatin ist hier weniger zu spüren. Wenn Viola Amherd nicht gewählt werde, so sagt es Luzius Theler, dann werden die Walliser ihren Kaffee austrinken, den Mund abwischen und zur Arbeit fahren. Auf der anderen Seite des Furkapasses, wo die Urner so sehr auf ihre erste Bundesrätin hoffen, dürfte das ein wenig anders aussehen.

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