Eine S-Bahn für die Genfersee-Region: Das sind die 10 wichtigsten Fragen zur öV-Revolution bei «les Welsch»

Der «Léman Express» ist die grösste grenzüberschreitende Zug-Kooperation Europas. Am Donnerstag wurde er feierlich eingeweiht, und am Sonntag sollen die ersten Züge fahren. Doch es gibt bereits Probleme. 

Benjamin Weinmann, Genf
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Bundesrätin Simonetta Sommaruga, links, mit Frankreichs Botschafter Frederic Journes bei der feierlichen Eröffnung des «Léman Express» am Donnerstag am neuen Genfer Bahnhof Eaux-Vives.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga, links, mit Frankreichs Botschafter Frederic Journes bei der feierlichen Eröffnung des «Léman Express» am Donnerstag am neuen Genfer Bahnhof Eaux-Vives.

Martial Trezzini, KEYSTONE

Am Sonntag startet in der Genfersee-Region nach achtjähriger Bautätigkeit der «Léman Express». Bereits gestern Donnerstag fand die feierliche Eröffnung mit Regierungsvertretern statt, darunter auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Für die Genfer ist es die öV-Revolution, auf die sie lange gewartet haben. Allerdings könnte die Festlaune bald verfliegen. Denn für den Start am Sonntag haben die französischen Eisenbahngewerkschaften bereits Streikmassnahmen angekündigt. Sie verlangen mehr Lohn. 

Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten zum bedeutendsten Schweizer Bahnprojekt seit dem Gotthard-Basistunnel.

Inhaltsverzeichnis

    1. Was ist der Léman Express?

    Auf Französisch heisst der Genfersee Lac Léman. Mit dem «Léman Express» erhält die Genfersee-Region nach langem Warten eine eigene S-Bahn. Es wird sogar Europas grösste, grenzüberschreitende S-Bahn sein mit täglich 50'000 Passagieren auf 230 Schienenkilometern und mit 40 Zügen. Eine unterirdische Linie verbindet die beiden Seeufer. Auf die Pendler warten fünf neue Bahnhöfe und sechs Bahnlinien, die 45 Bahnhöfe bedienen.

    2. Weshalb braucht es den «Léman Express»?

    Das Projekt kann nicht früh genug starten. Denn die Strassen in und um Genf sind unter der Woche chronisch verstopft. Rund eine halbe Million Grenzgänger fahren täglich von der Waadt und insbesondere von Frankreich nach Genf zur Arbeit. Mit der neuen S-Bahn sollte sich die Situation etwas beruhigen. Laut Prognosen soll der Autoverkehr in Genf um 12 Prozent zurückgehen. Von der 7 Kilometer entfernten Stadt Annemasse in Frankreich dauert die Zugfahrt an den Genfer Hauptbahnhof Cornavin statt 33 Minuten nur noch halb so lange.

    3. Sind die Grenzgänger schuld am Stau in der Region?

    Tatsächlich verursachen die so genannten Frontaliers den Löwenanteil am Verkehrschaos. Sie zu verurteilen wäre aber falsch. Denn einerseits fehlt in den französischen Vororten an einem funktionierenden öV-Netz. Die Leute sind somit vielfach auf das Auto angewiesen, um zur Arbeit zu gelangen. Zudem gehören zu den Frontaliers auch viele Schweizer, die sich in Genf die teuren Mietpreise nicht mehr leisten können und deshalb ins grenznahe Frankreich umgesiedelt sind.

    4. Gehören verstopfte Strassen in Genf bald der Vergangenheit an?

    Nein. Hier liegt das Grundproblem, das auch der «Léman Express» nicht lösen kann. «Zahlreiche Regionen auf der französischen Seite sind noch immer viel zu wenig an den öV angebunden», sagt Matthias Finger, Professor für Netzwerkmanagement an der ETH Lausanne. Von der französischen Stadt Annecy zum Beispiel fährt der «Léman Express» einen Umweg nach Genf, dort werden die Leute weiterhin das Auto nehmen. «Vielerorts bleibt der Stau.»

    5. Weshalb baut Frankreich das öV-Netz nicht aus?

    Viele der Bewohner im grenznahen Frankreich arbeiten wie gesagt in der Schweiz und bezahlen hier ihre Quellensteuer. Das führt laut ETH-Professor Finger dazu, dass die französischen Gemeinden nahe Genf zu wenig Geld haben, um in ein gutes Bus- und Tramnetz zu investieren. Die französische Staatsbahn ist zudem hoch verschuldet und konzentriert sich auf ihre Hochgeschwindigkeitsstrecken.

    6. Weshalb ist Genf beim öV-Ausbau im Verzug?

    Die Stadt begann nach dem zweiten Weltkrieg einen Kapitalfehler. Weil die Bewohner Platz für ihre motorisierten Autos wollten, wurden die Strassen für sie frei gemacht. Dabei war Genf in den 30er-Jahren die Stadt mit dem weltweit dichtesten Tramnetz der Welt. Für die Autofahrer wurden fast alle Tramschienen aber ausgerissen. Es blieb nur eine Tramlinie übrige, die Nummer 12, die älteste Tramlinie ganz Europas.

    7. Was macht den «Léman Express» einzigartig?

    Der grenzüberschreitende Betrieb. Es gibt international nur wenige S-Bahn-System, die über zwei Länder hinweg funktionieren. Beim «Léman Express» waren zahlreiche Parteien aus der Schweiz und Frankreich beteiligt: Die Staatsbahnen SBB und SNCF, der Kanton Genf, der Kanton Waadt, die französischen Gemeinden nahe Genf. Die Rede ist im Gebiet von einem «Gross-Genf», das bis nach Frankreich reicht. Durch die neuen Zugverbindungen dürfte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt werden. Auch die EU hat das Projekt finanziell unterstützt. Laut ETH-Professor Finger könnte der «Léman Express» für die EU Vorzeigecharakter haben und als Modell für andere Projekte in Europa dienen.

    8. Was kostet dieser Ausbau?

    In der Schweiz betragen die Kosten 1,6 Milliarden Franken, in Frankreich 235 Millionen Euro. Für den Betrieb wurde die Firma Lémanis SA gegründet, an der die SBB mit 60 und die SNCF mit 40 Prozent beteiligt sind.

    9. Gab es Probleme?

    Definitiv. Ursprünglich war der Start auf 2017 terminiert. Doch Einsprachen, ein schwerer Unfall und geologische Probleme sorgten für ein Verzögerung. Bis kurz vor dem Start warteten die SBB zudem auf die Zulassung aus Frankreich für ihre 23 Stadler-Züge, die Teil der «Léman Express»-Flotte sind. Zudem dürften die 200‘000 möglichen Tarife noch zu reden geben, auch weil zum Teil mehrere Tickets nötig sind, wenn man in beiden Kantonen Genf und Waadt sowie in Frankreich fährt. Und wenn in Frankreich die Gewerkschaften zum Streik aufrufen - so wie bereits jetzt im Vorfeld der Eröffnung - ist das Konfliktpotenzial zwischen den beiden Ländern gross. 

    10. Stehen weitere Bauprojekte an?

    Nach dem Bau ist vor dem Bau. Die Region Gross-Genf zählt heute bereits eine Million Einwohner, und das Wachstum geht weiter. In den nächsten zwanzig Jahren könnte die Zahl auf zwei Millionen ansteigen. Entsprechend bauen die SBB Ihr Netzwerk weiter aus. In Lausanne wird zum Beispiel der Bahnhof umgebaut und die Schienen werden für längere Züge erweitert. Und im Genfer Hauptbahnhof Cornavin soll ein zweispuriger Tiefbahnhof entstehen.

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