ELTERNHILFE: Warum Eltern ihre Kinder entführen

Der Internationale Sozialdienst Schweiz (SSI) vermittelt bei Kindesentführungen. Stephan Auerbach erklärt, wieso eine Rückkehr zum verlassenen Elternteil nicht zwingend die beste Lösung fürs Kind ist.

Kari Kälin
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Es kommt immer öfter vor, dass ein Elternteil das gemeinsame Kind in sein Heimatland entführt. (Bild: Layland Masuda/Getty)

Es kommt immer öfter vor, dass ein Elternteil das gemeinsame Kind in sein Heimatland entführt. (Bild: Layland Masuda/Getty)

Interview: Kari Kälin

Stephan Auerbach, immer mehr Mütter und Väter entführen ihre Kinder von der Schweiz in ihr Heimatland. Wie kommt es so weit?

Am Ursprung steht in der Regel eine Krise in einer binationalen Ehe, die in eine konfliktreiche Scheidung mündet. Der Elternteil, der mit der Zuteilung der Obhut unzufrieden ist, rächt sich im schlimmsten Fall, indem er die Kinder in seine Heimat bringt. Das Phänomen kommt auch in umgekehrter Richtung vor. Es gibt Schweizer Eltern, die ihre Kinder widerrechtlich vom Ausland in die Schweiz zurückbringen.

Welche Grundmuster spielen sich ab?

Schweizer Frauen erleben im Ausland zum Beispiel Gewalt in der Ehe. Sie entziehen sich der unglücklichen Beziehung durch Flucht in die Heimat – auch weil sie der örtlichen Justiz nicht zutrauen, faire Urteile zu fällen, zum Beispiel zum Sorgerecht.

In vielen Fällen verschlep­penAABB22Männer aus Nord- und Schwarzafrika oder dem Mittleren Osten Kinder in ihre Heimat. Was treibt sie an?

Oft geht es um die Wiederher­stellung der Familienehre, die in ihren Augen verletzt ist, weil ein Gericht der Schweizer Frau die Obhut zusprach und ihnen nur ein begleitetes Besuchsrecht einräumte. Die Männer greifen dann zur Selbstjustiz. Die Entführungen, die selten aus heiterem Himmel geschehen, sind das Ergebnis von viel Frustration.

Wie könnte man solche Dramen vermeiden?

Man müsste bei Scheidungsurteilen der interkulturellen Dimension besser Rechnung tragen. Urteile sollten so gefällt und erklärt werden, dass sie von den Betroffenen nicht als demütigend erlebt werden. Sonst steigt das Risiko, die empfundene Schande durch eine Entführung wettzumachen. Auch müssen die Eltern dafür sensibilisiert werden, was eine Entführung für ihre Kinder bedeuten würde.

Hier der böse ausländische Entführer, dort die allein­gelassene Schweizer Mutter: Passt dieses Bild?

Dieses Schwarz-Weiss-Schema taugt nicht. Natürlich: Wer sein Kind entführt, verstösst gegen das Gesetz. Doch moralisch wähnen sich alle Entführer im Recht, weil sie glauben, sie täten das Beste für das Wohl ihrer Kinder. Niemand entführt seine Kinder leichtfertig. Die Väter, die aus patriarchalisch geprägten Ländern stammen, argumentieren zum Beispiel, die Kinder wüchsen im Schoss ihrer Grossfamilie besser auf als in einer kleinen Dreizimmerwohnung in der Schweiz.

Was betrachtet der Inter­nationale Sozialdienst als erfolgreiche Vermittlung?

Wenn es uns gelingt, den Konflikt zwischen den Eltern so zu entschärfen, dass sie wieder einigermassen zivilisiert miteinander umgehen und das Kind wenigstens regelmässigen Kontakt mit dem alleingelassenen Elternteil hat und dieser ein Besuchsrecht ausüben kann, halten wir das für einen Erfolg.

Ist die Rückkehr der Kinder zum alleingelassenen Elternteil per se die beste Lösung?

Das ist ein heikler Punkt. Wir orientieren uns am Kindswohl. Eine Rückkehr ist deshalb nicht immer die beste Lösung, sie ist auch nicht unser übergeordnetes Ziel. Wenn zum Beispiel eine Schweizer Mutter mit ihrem Kind aus einer unhaltbaren Situation vom Ausland in die Schweiz flieht, macht es für die Kinder manchmal kaum Sinn, wenn sie mit ihrer Mutter wieder zurückmüssen, nur damit diese dort für ein oder zwei Jahre ein Gerichtsurteil abwartet, ohne Ar­beitsmöglichkeiten und soziales Netz.

Wie entscheiden die Gerichte?

Die meisten westlichen Staaten, auch die Schweiz, haben das Haager Kindesentführungsabkommen unterzeichnet. Der Vertrag regelt die Modalitäten im Umgang mit Kindesentführungen. Das Bundesgericht entscheidet in der Regel für die Rückführung der Kinder. Das war auch im Fall einer Schweizer Mutter so, die ihr Kind von Israel in die Schweiz brachte, weil sich der Vater religiös radikalisierte. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte legalisierte dann im Nachhinein die Entführung.

Mit den meist westlichen Ländern, die das Haager Abkommen unterzeichnet haben, findet sich in der Regel eine Lösung, damit beide Eltern mit den Kindern wenigstens in Kontakt bleiben. Was tut der SSI, damit dies auch gewährleistet ist, wenn Kinder in Nicht-Haager- Staaten entführt werden?

Zunächst muss man sagen, dass eine Rückkehr der Kinder aus einem solchen Staat in die Schweiz fast unmöglich ist. Der SSI versucht in solchen Fällen, mit seinen Partnerorganisationen des SSI-Netzwerkes vor Ort Hausbesuche zu organisieren und Elternbesuche vor Ort zu ermöglichen. Ganz generell versuchen wir, kreative Lösungen zu finden.

Zum Beispiel?

Ein Algerier hat seine beiden Mädchen in sein Heimatland gebracht. Sie können nun aber ihre Mutter in der Schweiz besuchenAABB22– einfach nie zusammen, sondern nacheinander. Andernfalls hätte der Mann Angst, dass die Mädchen aus den Ferien in der Schweiz nicht mehr zurückkehren würden.

Hinweis

Stephan Auerbach (48) ist Abteilungsleiter und Mediator bei der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes, www.ssiss.ch/de.