Emme-Hochwasser
«Mir hei scho g’angschtet»: Porträt des wildesten Flusses der Schweiz

Vor ihren zwei Gesichtern fürchtet man sich wortwörtlich seit Gotthelfs Zeiten: die Emme. Eine Spurensuche im Emmental, das am Montagabend von einer Sturzflut heimgesucht wurde.

Benjamin Rosch
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Einsatzkräfte des Zivilschutzes räumen nach der Überschwemmung des Flusses Emme beim Hotel Landgasthof Kemmeriboden-Bad auf. Heftige Niederschläge haben am Montag in der Gemeinde Schangnau zu Überschwemmungen geführt.

Einsatzkräfte des Zivilschutzes räumen nach der Überschwemmung des Flusses Emme beim Hotel Landgasthof Kemmeriboden-Bad auf. Heftige Niederschläge haben am Montag in der Gemeinde Schangnau zu Überschwemmungen geführt.

Keystone

Als Beat Gerber, ein Mann mit dichtem Bart und Funktionskleidung, am Dienstagnachmittag vor die Medien tritt, sagt er nicht viel. Er habe nur einen Gedanken gehabt, erklärt der Gemeindepräsident von Schangnau: «Nicht schon wieder.»

Erneut ist seine Gemeinde getroffen worden von der Wucht der Emme, wie schon 2014, als eine Sturzflut das halbe Dorf unter Wasser setzte. Am Montagabend sorgten heftige Regengüsse dafür, dass der Fluss zwei bis drei Meter über die Ufer trat und ein Hotel sowie einen Hof flutete.

Zu Spitzenzeiten betrug die Abflussmenge 270 Kubikmeter pro Sekunde. Einen Tag später sind es etwas mehr als vier, wie üblich. Die Emme hat zwar noch eine graugrüne Farbe, aber sie ist längst wieder in ihr Flussbett zurückgekehrt.

Der Graph der Messstation Eggiwil schnellte nur für ein paar Stunden in den dunkelroten Bereich, doch die Zerstörung ist offensichtlich: Mitten auf einer Wiese liegen Baumstämme wie hingeworfen, die Strasse nach Kemmeribodenbad ist gesperrt. Immerhin: Menschen kamen keine zu Schaden.

An einem durchschnittlichen Tag würde kaum jemand der Emme jene Gewalt zutrauen, welche sie schon seit Jahrhunderten entfesseln kann. Erst vor zwei Wochen klagten Fischer, die Emme sei ausgetrocknet. Die Bilder zeigen es, der Wildbach war ein kümmerliches Rinnsal. Doch im Tal kennt man die schwallartigen Hochwasser, Anschutz genannt, die plötzlich auftauchen können.

Seit Jahrhunderten bekannt

Bereits 1837 beschrieb Jeremias Gotthelf: «Auf einmal erscholl der Emme Gebrüll in dem friedlichen, sonntäglichen Gelände. Man hörte sie, ehe sie kam, lief an die Ufer, auf die Brücke. Da kam sie, aber man sah sie nicht, sah anfangs kein Wasser, sah nur Holz, das sie vor sich her zu schieben schien, mit dem sie ihre freche Stirne gewappnet hatte zu desto wilderem Anlauf.

Mit Entsetzen sah man sie wiederkommen, so schwarz und hölzern und brüllend, und immer höher stieg das Entsetzen, als man Hausgeräte aller Art daherjagen sah: Bütten, Spinnräder, Tische, Züber, Stücke von Häusern, und diese Trümmer kein Ende nahmen und der Strom immer wilder und wilder brauste, immer höher und höher schwoll.» Heute sind solche Szenen in Videos festgehalten, die in sozialen Netzwerken kursieren. Am Inhalt hat sich nichts geändert.

Nie ohne Blick in die Berge baden

Eine gemütliche Stube in einem dieser charakteristischen Bauernhöfe in Schangnau, Baujahr 1954. Ein älteres Ehepaar sitzt am Tisch, die Schwiegertochter ist gerade zu Besuch. Der Sohn ist beim Zivilschutz unten im Dorf mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Wenn das Wetter nicht «furt» könne, «dann wird’s eben schwierig», sagt der Mann mit dem Schnauz und den Hosenträgern. Als Bub habe er selber auch gerne in der Emme gebadet, aber nie ohne einen Blick zu den Bergen zu werfen

Auf dem Küchentisch steht mittlerweile ein blauer CD-Player und aus ihm jodelt es über diesen speziellen Bach: «Doch hei mir scho g’angschtet wäg ihrer Chraft, bi däm Gwitter, dert, ar Flueh», singt der Frauenjodelchor Bumbach.

«Sie ist eben unberechenbar», sagt der ältere Mann, und fast ist es, als wäre der Fluss körperhaft und nicht einfach eine Umweltbedingung, mit der sich die Menschen im Tal arrangiert haben - mal mehr, mal weniger. «Mir ist aufgefallen, wie das Rauschen stärker wurde», erzählt seine Frau vom Montagabend. Besonders stark geregnet habe es über ihrem Haus eigentlich nicht, aber das muss nichts heissen. Entscheidend ist die Wetterlage ein paar Kilometer flussaufwärts.

Ein Trichter - und ein Flaschenhals

Wer dem Fluss zur Quelle folgt, merkt schnell, wie sich das Gelände um Schangnau verändert. Bis hierhin ist das Emmental ein beschauliches Auenland mit weichen Hügeln. Doch ab Schangnau gleicht es einem Trichter, mit Schratten und Hohgant als steile Wände zu beiden Seiten und dem Rothorngrat als Mauer nach hinten. Alles, was es hier hinunterregnet, nimmt rasch Fahrt auf und fliesst der Emme zu.

«Auf Gewitter kann die Emme sehr abrupt reagieren, das hat auch das Ereignis gestern gezeigt», formuliert es Georg Heim, Geologe und Experte für Naturgefahren. Typisch für die Emme sei das Schwemmholz, das sie in solchen Situationen mit sich führe. «Es kann auch sein, das einer der zahlreichen Seitenbäche Schutt und Geröll in die Emme führt und sie verstopft, bis es irgendwann durchbricht.»

Wenn das Gebiet um Schangnau ein Trichter ist, dann ist das Räbloch sein Flaschenhals. Wer hier durchschwimmt, kann mit beiden Armen die Seitenwände der Felsen berühren, erzählen die Dorfbewohner. Eine Naturbrücke führt über die Schlucht. Wenn die Wassermassen auf diesen neuralgischen Punkt treffen, dann verkeilt sich oft das Schwemmholz in den Felsen. Die Emme staut sich auf – mit gravierenden Folgen für die umliegenden Höfe.

Das Räbloch habe aber auch den Effekt, dass flussabwärts die Dörfer nicht mit der gleichen Wucht getroffen werden, wie Heim erklärt. Bis zur Mündung in die Aare hat der Wildbach auf 80 Kilometern Zeit, sich zu beruhigen.

Der Spendenaufruf des Gemeindepräsidenten

In Schangnau und den umliegenden Dörfern ist die Bestürzung über das neuerliche Naturereignis immer noch sehr spürbar. Man kennt sich, alle wissen, wen es dieses Mal getroffen hat. Auch deshalb nutzt Gemeindepräsident seinen Auftritt vor den Medien für einen kurzen Werbespot: Man habe ein Spendenkonto eingerichtet zugunsten der Geschädigten. Vermerk: Unwetter 2022.