ENERGIESTRATEGIE: ETH-Energieexperte: «Viel Zeit bleibt nicht»

Christian Schaffner von der ETH Zürich sieht nach dem Ja zum Energiegesetz eine Vielzahl von Chancen für die Schweiz. Sie könne wieder Vorreiterin werden. Er erwartet eine Debatte über weitere Massnahmen.

Dominic Wirth
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Ist Solarkraft einst selbsttragend? (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Ist Solarkraft einst selbsttragend? (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Dominic Wirth

Christian Schaffner, die Schweiz hat Ja gesagt zur Energiestrategie. Darüber, was das nun bedeutet, gehen die Meinungen auseinander. Wie gross ist die Tragweite des Entscheids tatsächlich?

Man darf diesen klaren Entscheid nicht unterschätzen, er zeigt die Richtung der Energiepolitik für die nahe Zukunft und die Unterstützung dafür aus dem Volk. Inhaltlich ist einiges noch nicht beantwortet, insbesondere mittel- bis langfristig. Es gibt eine ganze Reihe von Herausforderungen und offenen Fragen.

Welche?

Es war immer klar, dass es ein zweites Massnahmenpaket braucht. Die nächsten Jahre werden nun zeigen, in welche Richtung es geht. Wir müssen entscheiden, mit welchen Massnahmen wir die Atomkraftwerke ersetzen können. Eine Option ist der verstärkte Import. Das macht etwa Italien so – und hat keine Probleme mit der Versorgungssicherheit. Andere Länder setzen stark auf die inländische Produktion. Letztlich ist das ein politischer Entscheid.

Wie viel Strategie steckt denn tatsächlich im ersten Paket, oder anders gefragt: Wie lange reichen die Massnahmen, die darin enthalten sind, aus?

Das hängt von Fragen ab, die derzeit noch nicht beantwortet sind. Etwa, wie sich der Strommarkt entwickelt und ob die neuen Erneuerbaren, für die im ersten Massnahmenpaket ja Unterstützungsmassnahmen vorgesehen sind, dereinst selbsttragend sein werden.

Wagen Sie eine Prognose?

Wenn ich wüsste, wie die Preise in Zukunft aussehen, würde ich damit viel Geld verdienen. Eine Prognose ist sehr schwierig. Eines steht aber fest: Wenn man vermehrt auf Fotovoltaik und Windkraft setzt, dann wird es einen zusätzlichen Bedarf an flexiblen Stromlieferanten geben. Wer das bieten kann – etwa die Wasserkraft – wird dann tendenziell gut dastehen.

Wie gross ist denn der Handlungsdruck in Bezug auf ein zweites Massnahmenpaket? Die Befürworter liessen durchblicken, dass sie es langsam angehen wollen.

Es kommt immer darauf an, in welchem Zeithorizont man denkt. Wahnsinnig viel Zeit bleibt nicht, bis das zweite Paket auf dem Tisch liegen muss. Auf der einen Seite ist es richtig, dem neuen Modell etwas Zeit zu geben. Aber meiner Meinung nach besteht gleichzeitig auch der klare Auftrag, dass man sich als Gesellschaft jetzt schon Gedanken macht, wie es in der etwas entfernteren Zukunft weitergeht. Will man auf den Markt setzen und darauf, dass verschiedene Technologien gegeneinander antreten? Oder will man auch künftig mit Subventionen arbeiten?

Schon beinahe fest steht, dass der Wechsel vom Förder- zum Lenkungssystem vom Tisch ist – obwohl Studien zeigen, dass es keine effizientere Lösung gibt. Wie kommt das beim Wissenschafter an?

Rein wissenschaftlich betrachtet gibt es diese Studien, die zeigen, dass Lenkungssysteme am besten funktionieren. Aber solche Fragen müssen immer auch im politischen und gesellschaftlichen Rahmen geklärt werden. Und wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, das umzusetzen, dann ist das so.

Welche Chancen bieten sich der Schweiz dank des Entscheids vom Sonntag?

Ich sehe sehr viele Chancen für unser Land. Wir können – wie einst bei der Wasserkraft – wieder zum Vorreiter werden, der seine Technologien und sein Know-how auch exportiert.

Was genau?

Es geht um das Gesamtsystem. Darum, verschiedene Technologien zu kombinieren, damit sie effizient funktionieren. Die sogenannte Smartness wird dabei eine wichtige Rolle spielen, in Bezug auf Netze, Gebäude, Mobilität.

Hand aufs Herz: Droht der Schweiz nach dem Ja ein Strom-Engpass, wie das behauptet wurde?

Kurzfristig sicher nicht. Die Versorgungssicherheit hängt ab von einem Gesamtsystem, das stabil laufen muss. Hier ist die Schweiz in der luxuriösen Position, sehr stark in das europäische Netz eingebunden zu sein. Rein technisch gibt es also keine Probleme.

Zur Person

Christian Schaffner ist seit 2013 Direktor des Energy Science Center der ETH Zürich.