ENGAGEMENT: Dorffeuerwehren unter Druck

In vielen Gemeinden erfüllt die Feuerwehr auch eine soziale Funktion. Doch immer mehr Feuerwehren fusionieren, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. An dieser Entwicklung haben nicht alle Freude.

Lukas Leuzinger
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Feuerwehrübung im Kloster Engelberg. (Bild: Roger Grütter)

Feuerwehrübung im Kloster Engelberg. (Bild: Roger Grütter)

Lukas Leuzinger

«Mier si vo de Füürwehr» – wer kennt es nicht, das Lied, mit dem das Löschzug-Chörli aus Interlaken 1988 schweizweit Bekanntheit erlangte? Der Volksmusikklassiker beschreibt das traditionelle Bild der Feuerwehr perfekt: eine verschworene Gruppe von Männern, die nach Feierabend Schlauch und Leiter hervorholen, um etwas Wasser herumzuspritzen, und bei denen nicht immer alles ganz reibungslos funktioniert («immer, we me lösche sött, schteit eine uf em Schluuch»).

Mit der Realität hat dieses Bild immer weniger zu tun. Die traditionellen Dorffeuerwehren verschwinden zusehends. Sie fusionieren zu grösseren Verbänden mit weniger, dafür besser ausgebildeten und ausgerüsteten Leuten. Ende letzten Jahres gab es noch 1319 Feuerwehrorganisationen in der Schweiz, das sind gut 1000 weniger als noch vor zehn Jahren – Tendenz weiter sinkend (siehe Grafik). Abgesehen von 14 Städten und Regionen, die eine Berufsfeuerwehr kennen (seit diesem Jahr auch Luzern), sind die meisten Feuerwehren reine Milizorganisationen.

Durch Fusionen werde die Feuerwehr professioneller, erklärt Peter Zurkirchen. Er ist ­Vizekommandant der Feuerwehr Schwarzenberg und Präsident des Luzerner Feuerwehrverbands. «Die Feuerwehrleute kommen zu mehr Einsätzen und gewinnen dadurch Erfahrung.»

Routine sei sehr wichtig, sagt auch Peter Frick, Präsident der Schweizerischen Feuerwehrinspektorenkonferenz. Zudem würden Ressourcen gespart, weil nicht mehr jede Dorffeuerwehr einen voll ausgerüsteten Stützpunkt haben müsse. Hinzu kommt, dass eine fusionierte Feuerwehr weniger Personal braucht als zwei eigenständige. Aus diesem Grund geht auch die Gesamtzahl der Feuerwehrleute in der Schweiz zurück; inzwischen sind es noch knapp 90 000.

Fusionstrend setzt sich fort

Laut Frick sind die Zusammenschlüsse auch eine Reaktion auf die wachsenden Anforderungen an die Feuerwehr. «Es gibt mehr Verkehr, die Bevölkerung und die Bevölkerungsdichte nehmen zu.» Ausserdem muss die Feuerwehr vielfältigere Aufgaben erfüllen, vom Beheben von Wasserschäden über Strassenrettungen bis hin zu Chemieunfällen. Nur etwa ein Viertel der alarmmässigen Einsätze der Feuerwehr hat heute noch mit Feuer zu tun. Frick glaubt daher, dass der Trend zu Zusammenschlüssen weitergehen wird.

Nicht alle haben Freude an dieser Entwicklung. Jürg Bärlocher ist Feuerwehrkommandant in Berg im Kanton St. Gallen, einem Dorf mit 850 Einwohnern. Fusionen könnten sinnvoll sein, sagt er, sie hätten aber auch Nachteile. «Bei einem normalen Brandeinsatz sind wir schneller vor Ort, als wenn die Feuerwehr aus einem anderen Dorf kommen muss.» Ausserdem habe die Feuerwehr in einer kleinen Gemeinde auch eine soziale Funktion. Sie bringe die Leute zusammen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. «Wir wollen auch nicht, dass noch ein weiterer Verein im Dorf ausstirbt», erklärt Bärlocher. «Solange wir den Feuerschutz selber garantieren können, machen wir das selber.» Eine Fusion sei früher einmal ein Thema gewesen, wurde aber nach eingehenden Überlegungen wieder verworfen. Hingegen arbeite man mit der Feuerwehr der Nachbargemeinde Steinach zusammen, etwa mit gemeinsamen Übungen. Peter Frick verneint, dass eine fusionierte Feuerwehr weniger schnell vor Ort sei. Schliesslich gebe es schweizweit geltende Richtlinien zur Einsatzzeit. Gemäss diesen muss die Feuerwehr in städtischen Gebieten zehn Minuten nach dem Alarm vor Ort sein; in ländlichen Gebieten sind es 15 Minuten. Bei einem Zusammenschluss könne man diese Zeiten weiterhin einhalten, indem man zum Beispiel in einem Dorf noch ein kleines Magazin mit reduzierter Ausrüstung behalte. «Eine Ortsfeuerwehr muss nicht für ein 10-Jahres-Ereignis gerüstet sein. Sie muss nur die Notfallmassnahmen in den ersten 15 Minuten übernehmen, bevor Verstärkung eintrifft.» Kein Verständnis hat Frick für das ­Argument, dass die Feuerwehr auch eine gesellschaftliche Funktion habe. «Das kann nicht der Zweck der Feuerwehr sein.»

Eine andere Herausforderung für die Feuerwehr betrifft das Personal. «Es sind zwar viele Junge bereit, bei der Feuerwehr mitzumachen, aber es gibt viele Konkurrenzangebote», sagt Peter Zurkirchen. Jürg Bärlocher drückt es so aus: «Ich musste noch niemanden abwimmeln, der diensttauglich ist und zur Feuerwehr will.» Eher sei es in der Regel so, dass er oder andere Feuerwehrleute auf potenzielle Kandidaten zugehen und sie persönlich anfragen.

Laut Peter Frick hat die Feuerwehr «kein generelles Nachwuchsproblem». Das habe auch damit zu tun, dass es im All­gemeinen weniger Personal braucht. Sorgen macht es Frick hingegen, dass viele Leute, die gerne in die Feuerwehr würden, von ihrem Arbeitgeber daran gehindert werden. «Ich stelle eine sinkende Bereitschaft von Seiten der Unternehmen fest, ihren Angestellten das Engagement in der Feuerwehr zu ermöglichen.» Das sei schade; denn schliesslich profitierten die Firmen auch selbst von der Feuerwehr, wenn es bei ihnen ­einen Notfall gebe. «Ich würde mir wünschen, dass sich Arbeitgeber wieder stärker bewusst werden, dass es auch Vorteile hat, wenn ihre Mitarbeiter in der Feuerwehr sind. Diese Leute kennen sich mit Sicherheitsfragen aus – und viele von ihnen erlangen in der Feuerwehr Führungserfahrung.»

Genug Personal zu haben, ist das eine Thema. «Das grössere Problem ist, dass immer mehr Leute ausserhalb des Dorfes arbeiten», sagt Jürg Bärlocher. Dadurch stehen sie nicht oder erst verspätet zur Verfügung, wenn tagsüber ein Ernstfall eintritt. Vor diesem Problem stehen auch andere Feuerwehren. «Die Menschen sind heute mobiler. Viele arbeiten nicht an ihrem Wohnort», sagt Peter Frick. Eine mögliche Lösung wäre, dass Leute auch an ihrem Arbeitsort Feuerwehreinsätze leisten können. Vereinzelt gebe es das auch, sagt Frick, doch die Hürden seien hoch. «Die Kantone müssten diesen Austausch vereinfachen und institutionalisieren.»

Die Anzahl Feuerwehr in der Schweiz über die letzten zehn Jahre. (Bild: mop)

Die Anzahl Feuerwehr in der Schweiz über die letzten zehn Jahre. (Bild: mop)