ENTFÜHRUNG: «Es ist unmöglich, dies zu vergessen»

Er war in den Fängen von Extremisten: Nun ist der Schweizer den Islamisten entkommen. Die Erleichterung ist gross. Doch ihm steht ein langer Weg bevor.

Sebastian Keller und Roger Braun
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Soldaten bringen Lorenzo Vinciguerra in ein Militärcamp. Der Ostschweizer wurde bei der Flucht verletzt. (Bild: EPA)

Soldaten bringen Lorenzo Vinciguerra in ein Militärcamp. Der Ostschweizer wurde bei der Flucht verletzt. (Bild: EPA)

Ihre Erleichterung ist auch am Telefon spürbar. «Ich bin sehr erfreut und eigentlich auch sprachlos», sagt Yvonne Vinciguerra. Lange musste sie auf diese Nachricht warten. 1039 Tage ist es her, seit ihr Mann, Lorenzo Vinciguerra, zusammen mit einem niederländischen Kollegen auf den Philippinen entführt wurde. Gestern gelang dem 49-Jährigen Ostschweizer die Flucht. Der Niederländer Ewold Horn ist noch in Geiselhaft. «Ich hoffe, dass auch Ewold bald freikommt», sagt Yvonne Vinciguerra. Nun wartet sie sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes: «Mir wurde gesagt, dass er so schnell wie möglich nach Hause kommen wird.» Zuerst müsse er aber gepflegt werden und seine Aussagen gegenüber den Behörden machen. Im Hintergrund sind Kinderstimmen zu hören. Die Tochter ist acht Jahre alt, der Sohn sieben. Yvonne Vinciguerra bittet freundlich darum, keine weiteren Fragen zu stellen. «Wir brauchen Ruhe.»

Das sagt auch Franz Holderegger. Er ist auf die Betreuung von Entführungsopfern spezialisiert und erwartet bei Vinciguerra einen längeren Heilungsprozess, wie er im Interview sagt.

Lorenzo Vinciguerra hat fast drei Jahre in Geiselhaft verbracht. Kann die Reintegration in die Gesellschaft da noch gelingen?

Franz Holderegger: Grundsätzlich ja. Das Leben geht weiter – und genauso wie die Gefangenschaft zum Alltag wurde, kann auch das angestammte Leben wieder zum Normalfall werden. Angesichts der Länge und der schwierigen Umstände der Geiselhaft braucht es aber wohl einen längeren Verarbeitungsprozess.

Was braucht es?

Holderegger: Die Arbeit mit Holocaust-Opfern hat gezeigt, dass vor allem drei Faktoren entscheidend sind. Erstens muss die Person trotz aller Qualen eine gewisse Sinnhaftigkeit in den Ereignissen erkennen. Rückblickend sollte sie sagen können, dass sie als Mensch stärker geworden ist. Zweitens muss sie der Überzeugung sein, dass sie während der Gefangenschaft sich selbst geblieben ist; dass sie eine gewisse Autonomie bewahren konnte. Drittens muss das Opfer fähig sein, die Ereignisse und die damit verbundenen Gefühle richtig einzuordnen.

Welche Rolle spielen die Angehörigen?

Holderegger: Diese sind sehr wichtig. Gute Freunde und eine intakte Familie helfen enorm. Gleichzeitig ist das auch eine schwierige Situation für das soziale Umfeld. Jemand, der lange Zeit gewaltsam festgehalten wurde, war permanent unter Stress, weil er ständig um sein Leben fürchten musste. Deshalb ist es wichtig, dass die Angehörigen dem Opfer viel Ruhe, Zeit und Verständnis zukommen lassen. Von der Öffentlichkeit sollte das Opfer zudem möglichst in Ruhe gelassen werden.

Soll das Umfeld das Opfer auf die Erfahrungen ansprechen?

Holderegger: Ganz klar nein. Es ist vorerst besser, über das Hier und Jetzt zu sprechen. Das Opfer muss selbst entscheiden, wann es bereit ist, von den schrecklichen Erlebnissen zu erzählen. Denn die Bilder der Vergangenheit sind gerade zu Beginn mit starkem seelischem Schmerz verbunden. Das Opfer muss zuerst lernen, mit den Bildern im Kopf umzugehen. Dazu ist eine therapeutische Begleitung unabdingbar.

Wie muss man sich eine solche Therapie vorstellen?

Holderegger: Die Person muss Schritt für Schritt lernen, die Erinnerungen, welche mit Angst- und Panikzuständen verbunden waren, zu relativieren. Die Bilder ganz zu vergessen, ist unmöglich. Allerdings ist es möglich, diese Erinnerungen von den damals verspürten Gefühlen zu entkoppeln und damit eine gesunde Distanz zu entwickeln. Das muss das Ziel jeder Traumatherapie sein.

Im Zuge der Flucht tötete Lorenzo Vinciguerra einen seiner Bewacher und musste seinen holländischen Schicksalsgenossen zurücklassen. Macht dies die Rückkehr zu einem geregelten Leben noch schwieriger?

Holderegger: Das ist schwierig zu sagen. Wir wissen schliesslich nicht, was der Mann sonst noch alles erlebt hat. Einfacher macht es die Rückkehr aber bestimmt nicht. Eindrücklich zeigen sich an diesem Beispiel unsere Überlebensmuster. Ist unser Leben bedroht, richtet sich unsere Konzentration zu 100 Prozent aufs eigene Überleben aus. Alle anderen Gedanken sind ausgeschaltet. In diesem Ausnahmezustand ist man bereit, bis zum Äussersten zu gehen – gar jemanden zu töten.

Wird Lorenzo Vinciguerra je wieder der Mensch, der er vor seiner Entführung war?

Holderegger: Nein, das ist nicht realistisch. Die Zeit als Geisel ist ein wichtiger Teil seiner Biografie. Diese Periode hat ihn als Mensch stark geprägt. Das heisst nun aber nicht, dass er deswegen nicht mehr zum Glück finden kann. Ein erfülltes Leben ist weiterhin möglich, aber nicht mehr als jener Mensch, der er vor drei Jahren war.

Sebastian Keller und Roger Braun