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ENTHÜLLUNGSBUCH: Ehemaliger Schüler wirft dem Pädagogen Jürg Jegge Missbrauch vor

Der Schweizer Pädagoge und Schriftsteller Jürg Jegge steht unter Missbrauchsverdacht: Ein Opfer hat am Dienstag an einer Pressekonferenz ein Enthüllungsbuch präsentiert. So soll Jegge den Buchautoren über Jahre sexuell und psychisch missbraucht haben.
Buchautor Markus Zangger (links) und der Journalist Hugo Stamm (rechts) an der Vorstellung des Buches über den Missbrauch durch Jürg Jegge (im Hintergrund). (Bild: Keystone (Zürich, 4. April 2017))

Buchautor Markus Zangger (links) und der Journalist Hugo Stamm (rechts) an der Vorstellung des Buches über den Missbrauch durch Jürg Jegge (im Hintergrund). (Bild: Keystone (Zürich, 4. April 2017))

Zu sagen, die Spannung sei gross gewesen, gleicht einer Untertreibung: Am Montag informierte der Wörterseh Verlag, an der Pressekonferenz vom Dienstag werde ein Enthüllungsbuch vorgestellt über eine prominente Person, das am Mittwoch in den Buchhandlungen liegen werde. Der Inhalt dieses Buches habe «eine Brisanz, die das ganze Land nicht nur interessieren, sondern auch erschüttern wird», so die Verantwortlichen in ihrer Medienmitteilung.

Die Person, um die es geht, ist Jürg Jegge (73). Das Buch heisst denn auch «Jürg Jegges dunkle Seite». Geschrieben vom Missbrauchsopfer Markus Zangger und dem renommierten Journalisten Hugo Stamm. Markus Zangger eröffnete die Pressekonferenz am Dienstag mit einem Geständnis: Er sei von seinem Primarlehrer Jürg Jegge über Jahre sexuell und psychisch misshandelt worden. Die Missbräuche durch Jegge haben bereits im Alter von 12 Jahren angefangen. Mit 27 Jahren habe Zangger dann den Mut gefunden, sich von Jegge zu lösen, wie er an der Pressekonferenz erzählt.

Jürg Jegge, geboren 1943 in Zürich, ist ein Schweizer Pädagoge – er gilt sogar als Musterpädagoge. Jegge war früher Primarlehrer und Leiter einer Sonderschule und Schriftsteller. Eines seiner bekanntesten Werke ist das 1976 erschienene Buch «Dummheit ist lernbar», welches sich bis heute 200'000 Mal verkauft hat. Noch letztes Jahr haben ihn die Medien anlässlich des Vierzig-Jahr-Jubiläums seines Longsellers als «Lehrer der Nation» gefeiert. Weiter war Jegge auch als Liedermacher, Fernsehmoderator und Radiomitarbeiter tätig.

Die Ironie wollte es wohl so, dass Jegge vor exakt zehn Tagen im Volkshaus in Zürich, wo auch die Pressekonferenz vom Dienstag, 4. April, stattfand, an einer Veranstaltung auftrat. Hugo Stamm betonte anhand dieses Beispiels, dass der mutmassliche Täter Jegge «bis heute wirke».Nach Stamm ergriff Markus Zangger an der Pressekonferenz erneut das Wort und erzählte Details über die sexuellen Misshandlungen aus seiner Kindheit und Jugend. Angefangen habe es im Auto mit Jegge, bei Ausflügen aufs Land. Weiter sei es gegangen mit regelmässigen «Atemtherapien». Dabei habe sich zuerst Zangger Kleidungsstück für Kleidungsstück ausgezogen beziehungsweise ausziehen müssen. Danach habe sich auch Jegge ausgezogen. Doch Zangger wollte gar nicht allzu lange Einzelheiten ausführen. «Ich will gar nicht gross weiter erzählen, das wollen Sie gar nicht alles wissen.»

Taten sind juristisch nicht relevant

Stamm, der zwei Jahre eng mit Zangger zusammen am Buch gearbeitet hat: «Die Frage ist, wie immer: Wie ist die Beweislage?» Doch er, Stamm, habe seinen Ruf nicht einfach so aufs Spiel gesetzt. Zangger besitze verschiedene Briefe von Jegge, in denen teils Andeutungen, aber auch klare Aussagen über die «sexuellen Kontakte», wie es Jegge formuliert habe, zu finden seien.

Ein Brief, den Jegge Markus Zangger im Mai 2015 geschrieben haben soll, ist im Buch abgedruckt. Darin bezieht sich der ehemalige Lehrer auf die «gemeinsame Geschichte» sowie auf den damaligen Zeitgeist. Es sei damals um die «Befreiung der Seelen und Köpfe» gegangen, und die damalige Meinung im «rot-grünen Spektrum» sei halt gewesen, dass diese Befreiung «eher zu erreichen wäre mit einer Befreiung des Körpers und seiner Sexualität». Jegge schreibt offen über den Austausch von Zärtlichkeiten und fragt: «Ging es mir dabei nicht hauptsächlich um mich selber?» Um gleich die Antwort zu liefern: «Sicher auch, aber nicht ausschliesslich.»

Seit den Siebzigerjahren seien «sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen sehr viel stärker kriminalisiert worden», schreibt der Pädagoge weiter. «Ich würde so etwas heute auch deshalb nicht mehr unternehmen, weil allein schon durch die allgemeine Ablehnung die jungen Menschen in eine fürchterliche Zwickmühle kämen.» Dieser Satz Jegges lässt keine Zweifel offen, dass sexuelle Kontakte stattgefunden hatten. Er ist darüber hinaus überzeugt, dass sich heute kaum ein Psychiater finden würde, «welcher der Ansicht wäre und das auch öffentlich verlautbaren würde, dass solche Kontakte unschädlich seien».

Aber auch aus heutiger Sicht kommt Jegge nicht zu einer klaren Einsicht: «Ob das deswegen alles falsch war, weiss ich nicht».

Den Brief schliesst Jürg Jegge mit einer Frage respektive einer Bitte: «Hast Du, habt Ihr den Eindruck, dass das Dir, dass das Euch geschadet hat?» (Auch an einer anderen Stelle schreibt er von «Dir und den andern», was darauf hinweist, dass es weitere Opfer gegeben haben könnte.) Aus diesem Grund, so Jegge, wäre er «sehr froh, mit Dir einmal darüber reden zu können».

Die Taten sind jedoch verjährt, das heisst, das Buch wird juristisch nicht relevant sein. Markus Zangger gehe es mit der Veröffentlichung seines Buches darum, den Betroffenen ähnlicher Übergriffe Mut zu machen, ihr Schweigen auch zu brechen. Zangger sagt: «Beim Schreiben des Buches habe ich realisiert – wenn das Opfer redet, verliert der Täter seine Macht.»

Jürg Jegge selbst war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Per E-Mail zugeschickte Fragen blieben unbeantwortet, am Telefon war nur sein Anrufbeantworter zu hören.


Livio Brandenberg/nop

Das Cover des Enthüllungsbuches «Jürg Jegges dunkle Seite». (Bild: Keystone (Zürich, 4. April 2017))

Das Cover des Enthüllungsbuches «Jürg Jegges dunkle Seite». (Bild: Keystone (Zürich, 4. April 2017))

An der Pressekonferenz vom Dienstag wurde das Enthüllungsbuch vorgestellt. Am Tisch vorne links im weissen Hemd sitzt der Buchautor Markus Zangger, daneben Hugo Stamm. (Bild: Livio Brandenberg / LZ)

An der Pressekonferenz vom Dienstag wurde das Enthüllungsbuch vorgestellt. Am Tisch vorne links im weissen Hemd sitzt der Buchautor Markus Zangger, daneben Hugo Stamm. (Bild: Livio Brandenberg / LZ)

Er soll den Autor Markus Zangger sexuell und psychisch misshandelt haben: Jürg Jegge, ehemalige Leiter einer Sonderschule. (Bild: Archiv ZZ)

Er soll den Autor Markus Zangger sexuell und psychisch misshandelt haben: Jürg Jegge, ehemalige Leiter einer Sonderschule. (Bild: Archiv ZZ)

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